Ich schlafe unruhig. Blutsauger! Fiese, dreiste unersättliche Blutsauger, Mücken genannt, plagen mich die ganze Nacht. “Sssssssss, Sssssssss, Ssssssssrrrrrttt, Ssrrttt. Klatsch!” Es war ein hoffnungsloses Unterfangen sie davon abzuhalten, mir mein Blut und den wohlverdienten Nachtschlaf zu stehlen. Ich liege im Halbschlaf und klatsche mir mit der flachen Hand immer wieder ins Gesicht. Gegen 22 Uhr wache ich ganz auf, es entsteht Unruhe im Pilgerzimmer. Ein neuer Pilger ist angekommen. Meine Mitpilgerin wacht auch auf. Doch der Neue entschliesst sich im Vorraum sein Nachtlager aufzuschlagen. Sehr schön. Jedoch stehe ich auf, denn ich muss mal, muss mal raus. Das kann doch nicht war sein, ist es aber. Ich ziehe mir das Nötigste wieder an, begrüsse den neuen Pilger kurz und suche mir den Weg zur Toilette im Wirtschaftsgebäude des Pfarrhofs. Leider hatte ich gestern nachmittag nicht richtig aufgepasst, wie die Beleuchtung geschaltet ist. Zum Glück habe ich eine kleine Taschenlampe dabei, so dass ich diesen Weg auch finde.
Guten Morgen, guter Morgen.
Gegen halb sieben am Morgen wachen wir alle fast gleichzeitig auf, machen uns alle drei kurz bekannt und erledigen unsere morgendlichen Tätigkeiten. Als ich aus der Dusche komme, hat R., der des nachts ankam, schon den Tisch gedeckt. Ich packe meinen Rucksack und wir frühstücken zusammen. R. lebt nahe den Bergen, geht oft Bergwandern, ist topfit. Er ist erst zum Nachmittag von Görlitz los. Wir tauschen uns aus. Geniessen den Morgen. R. ist Ex-Berliner, ihn hat es nach Baden-Württemberg verschlagen, schon vor Zeiten. Die 68er Jahre hat er in Berlin erlebt. Ich staune. “Wie alt ist der denn?” Er verrät es mir, nach einer Weile. 60 ist er schon, sieht aber aus wie Mitte 40. In echt. Ich war noch nie gut im Alterschätzen, aber hier hätte ich voll daneben gelegen. Wir räumen ab, bringen wieder alles in Ordnung und ich hole mir meinen ersten Pilgerstempel im Pfarrhaus ab. Zahle in die Kasse des Vertrauens, den Betrag der Lebensmittel, die ich gegessen und getrunken habe. Spende für die Übernachtung. Wäre ich jetzt ein Wandersmann, würde ich sagen, ich checke aus.
Einer für alle, alle für einen.
R. schliesst sich mir an, Anika auch. Wir gehen zu dritt los. Schnell sind wir auf dem Lande wieder zwischen Kornfeldern und Windrädern. Wir gehen in einer 3er Reihe und unterhalten uns. Nach einer Weile gehe ich voran oder lasse mich einige Schritte abfallen. In Döbschütz gibt es einen Kaufmannsladen. In manchen Dörfern ist hier noch die Zeit stehen geblieben. Ich gehe hinein. Es ist kein Supermarkt, eher ein aufgeräumter Tante Emma Laden. Mein erster Kontakt zum Landleben in der Lausitz. Die Kauffrau erscheint am Frischfleischtresen, grüsst und mustert mich. Ich fühle mich beobachtet. Ich mache einen Verlegenheitskauf: Eine Tütensuppe Geschmacksrichtung “Zwiebelsuppe”, einen Apfel und zwei Semmeln. “Danke, und schönen Tag noch!” verabschiede ich mich. Leicht benommen packe ich meinen Einkauf in meine Pilgertasche. Ich sah’ es den beiden anderen irgendwie an der Nasenspitze an, sie benötigten auch etwas, schienen sich aber nicht zu trauen, den Laden zu betreten. Ich kann mich aber auch irren. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Der Laden, das Landleben, soll so bleiben wie es ist. Es ist doch auch viel schöner, Individuelles und Einzigartiges zu finden, zu entdecken. Und Authentisches. Wenn der Laden der Dorfbevölkerung genügt, das Angebot ausreichend ist, dann ist das auch in Ordnung so. Ich brauche keine Lidl-, Aldi-, oder Sonstwerdiscounterkettenläden auf dem Lande. Das Angebot ist frisch und stammt von Landwirten und anderen Produzenten vor Ort. Die Wege sind kurz. Das kann kein Bioladen in Berlin. Aber meine Zwiebeltütensuppe habe ich noch heute, – ich mag gar keine Zwiebelsuppe…
Wir ziehen weiter. R. erzählt von dem und von jenem. “Guckt’ mal ein Windrad!” “Das ist aber schön.” “Das kann man auch so machen. Das kann man anders machen. Dies kann man so sehen… Früher habe ich das so gemacht. Damals in Berlin…” “Bestimmt alles schöne interessante Geschichten,” die R. da erzählt, “aber ich will sie nicht hören.” Ich gehe auf Abstand, Anika gefällt’s. Ich lasse mich immer wieder abfallen, R. ermuntert mich immer wieder aufzuschliessen. Wir machen Rast in Buchholz an der Wegstrecke. R. kommt mit einem Dorfbewohner ins Gespräch. Deren Frau füllt uns die Wasserflaschen durch’s Fenster auf. Ich esse den Apfel aus dem Kaufmannsladen. Trete auf der Stelle von einem Fuss auf den anderen. Ich will das Wundlaufen verhindern. Ich bin so gar nicht entspannt und zufriedem. “Gestern, war doch schöner,” denke ich und überlege, wie ich das Beste aus der Situation mache, denn es sind noch einige Kilometer nach Bautzen. Viele Kilometer um genauer zu sein. “Ich werde nicht mit nach Bautzen gehen, nicht heute!” ist Teil meines Planes. Würde ich auch gar nicht schaffen, die Füsse schmerzen, die Sonne brennt. “Meine Herberge werde ich definitiv in Neubelgern finden.” Das brauche ich den anderen ja noch nicht mitzuteilen, denn die beiden wollen ja nach Bautzen. Das sind noch über 27 Kilometer. Nicht mit mir.
Ich breche auf. Und sag’ den anderen beiden, die noch im Zaungespräch mit dem Dorfbewohner sind: “Ich gehe schon mal ein Bisschen vor.” Frohen und immer flotteren Schrittes gehe ich voran, drehe mich anfangs nicht um. Der Weg ist abwechlungsreich, aber nicht schön, viel Asphalt-, viele Stein- und Schotterwege. Mir schmerzen die Füsse und die Hüftgelenke. Die Schmerzen und das Unbehagen nimmt zu. Auch mein schlechtes Gewissen, die beiden zurückgelassen zu haben. “Wer weiss, vielleicht verlieren wir uns ohne Grusswort aus den Augen.” Das will ich nicht.
Hinter Ecken, hinter Hecken, in einem Wäldchen, blicke ich zurück. Und kann sie erblicken. Das Spiel des schlechten Gewissens und des Wunsches “als erster das Neue zu entdecken” geht für das schlechte Gewissen positiv aus. Ich lasse mich zurückfallen, bis wir wieder vereint sind. Wir verkosten die ersten Alleeäpfel wieder gemeinsam. Ich fand sie noch nicht reif. “Boäh!”
Ich finde den Weg beschwerlich. Anika und mein Mitpilger R. sind an einem Kaufmannsladen interessiert. “Ha, hatte ich doch recht, wusste ich doch!” So oder so ähnlich waren meine Gedanken, als wir erneut am Ortseingang von Weißenberg auf einer Banke rasteten. R. lobt meine Pilgertaschenschmuck und erneuerte sein Gelöbnis, bis nach Bautzen zu pilgern, heute. Anika sagt dazu gar nichts. Sie will den Kaufmannsladen finden.
Wir gehen weiter. Wenige Meter weiter, entdeckt R. eine Bäckerei und bestellt sich etwas zu Trinken und eine schöne Bockwurst. “Endlich mal eine gute Idee!” Ich schliesse mich an. Anika geht weiter, sucht angeblich den Kaufmannsladen. R. und ich geniessen die Wurst, eine echte sächsische Bockwurst mit echter sächsischer Semmel! Und sinnieren über Wiedervereinigung und Veränderung des Stadtplatzes. So klein und doch so fein, können die Freuden sein.
Die Jakobsmuschel immer im Blick.
Ich könnte sitzen bleiben. Aber wir gehen weiter. Suchen im Vorfeld den Weg nach Anika ab, können sie nicht finden. Nach einer Weile entdecken wir sie, entspannt und glücklich, fussbadend in dem Löbauer Wasser, in einem kleinen Waldstück. Sie hat auf uns gewartet. Das “Hallo” ist gross, wir rasten und plaudern. Ich teile ihnen mit, dass ich nur noch bis zum Bauernhof Wujanz in Nechern, einem Ortsteil von Weißenberg mitgehen werde. Ortsteil, werter Leser, ist relativ, wenn jeder Schritt zur Qual wird. Dazwischen liegen Kilometer. 5 Kilometer können eine Ewigkeit sein, ungefähr ein wenig mehr als eine Stunde. Wir gehen weiter, ungefähr eine Stunde. Ich laufe hinter Anika hinterher, ich muss jetzt nicht mehr “als erster das Neue entdecken”, habe ihre Fersen im Blickwinkel, orientiere mich daran, ansonsten ist der Blick gesenkt, den Pilgerstab habe ich waagerecht auf dem Rucksack, meine Arme darüber gelegt. Ich sehe aus wie gekreuzigt. Ich gehe und lasse mich in eine Art Trance versetzen. Es ist praktisch hinter Anika her zu laufen. Erstens brauche ich nicht selber auf den Weg zu achten und zweitens habe ich immer das Pilgerzeichen, die gelbe Jakobsmuschel auf blauem im Grund, im Blick, wenn ich aufschaue. Denn Anika hat auf ihrem Rucksack Frieder das Muschelzeichen aufgenäht.
Wir passieren den Wegabzweig vor Nechern, ich muss mich jetzt verabschieden. Der Bauernhof ist laut Wegweiser nur noch etwas über 800 Schritte nah entfernt. Ein Moment der Entscheidung: R. bekräftigt seinen Wunsch nach Bautzen zu gehen, Anika offenbart, dass sie noch bis Neubelgern zur nächsten Herberge gehen wird. Die ist ungefähr eine halbe Stunde Gehzeit entfernt. Das überzeugt mich. Ausserdem will ich nicht so einen schnellen “Und Tschüss”-Abschied. Weiter geht’s, Pilgergesellen und -gesellinnen.
In Wurschen, kurz vor Neubelgern ist es R., der sich entscheidet. Wir verabschieden uns, er geht weiter, das Wetter ist auf seiner Seite, aber es sind noch mindestens 15 Kilometer bis zum Ortseingang von Bautzen. Anika und ich gehen weiter nach Neubelgern. Die Herberge von Frau Schönborn kann 4 Pilger aufnehmen. “Was ist, wenn sie belegt ist?” frage ich mich und Anika. Sie zerstöbt meine Zweifel. Der Weg dahin ist zermürbend für mich. Betonplattenweg und grober Schotter. Endlich, das Orteingangsschild Neubelgern. Und ein Haus. Das Hausnummerschild zeigt die Nummer 11 an, die Herberge liegt in der Hausnummer 10. Freude, Jubel und Erleichterung sprudeln aus mir heraus! Nur noch wenige Schritte und ich habe es geschafft für heute. Nur noch den Rucksack runter, Schuhe aus, duschen, waschen, zu Abend essen, Tagebuch schreiben, unterhalten, entspannen und schlafen gehen. Doch ich habe schon am ersten Tag gelernt, sich auch nicht mit der Freude zu verausgaben, wenn man das Ziel nicht mit Händen greifen kann. Und noch sind wir nicht am Gartentor. Sollten wir auch noch nicht sein. Das Haus Nr. 10 liegt ungefähr 1 Kilometer weit entfernt, dazwischen – nichts.
Die Pilger werden erwartet.
Wir nähern uns der kleinen Anhöhe mit der Hausnummer 10. Ein Junge auf dem Fahrrad entdeckt uns: “Die Pilger kommen, die Pilger kommen” ruft er und winkt uns zu, bevor er davon fährt! “Angekommen, angekommen, ich könnte den Boden küssen, auf dem wir laufen.” Nur noch wenige Meter, ich kann das Herbergszeichen sehen. “Angekommen in Neubelgern,” in der Herberge von Waltraud Schönborn.
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Großartig!
Ganz große klasse deine beiträge mach unbedingt weiter so! Habe ja herzlich gelacht über die ehebettgeschichte in der Herberge neubelgern “nach so einem langen pilgertag ist es doch auch ganz schön zu kuscheln!” werde demnächst mein pilgertagebuch wahrscheinlich auch erweitern, ich erinnere mich noch an so viel, fotos habe ich inzwischen auch. Also, ich melde mich demnächst mal wieder
viele grüße von hartmut und frieder dem lustigen rucksack