Ich solle ausschlafen, rät mir Schwester Renate. Mir Zeit lassen, am Morgen. Die Familie Mitzscherling fährt in der Frühe los, in den Urlaub. Schwester Renate ist Krankenschwester im Krankenhaus in Bautzen. Und sie ist hier bereits im Urlaub, auf jeden Fall diese Woche. Deswegen ist sie jetzt meine Herbergsmutter, “Herbergsschwester passt besser”, denke ich. Obwohl wir bis in die Nacht gequatscht und gefeiert haben, ist sie bereits früh auf. Denn sie hat viel zu tun. Die Familie verabschieden und die Herbergstiere, Ziegen, Kühe und Gepflügel kennenlernen, füttern und melken. Deswegen kann ich ausschlafen.
Der Hahn, der mich aus dem Schlaf kräht, ist zum Glück kein Frühaufsteher. Aber mutig ist er. Nachdem er das fünfte Mal kräht, klingt es so, als wenn er zu mir zuruft: “Du kriegts mich eh nicht!” “Du kriegst mich eh nicht!” “Du kriegst mich eh nicht!” “Guten Morgen, jetzt aber aufgestanden.” Wo er recht hat, hat er recht. Der Morgen ist genau richtig, die Morgensonne trocknet mir den Schlaf und ich reibe ihn mir aus den Augen. Der Morgen sagt “Hallo!”
“Hallo, guten Morgen Renate.” Sie sitzt draussen am bereits gedeckten Tisch, hat das Frühstück für uns beide schon bereitet und liest. Sie ist die Ruhe selbst. Die Spuren von gestern, die Schalen, Teller, Tassen, Flaschen und Gläser, sind beseitigt. Der Duft frischen Brotes und Semmeln, des Kaffees, der Anblick der selbstgemachten Marmeladen, des frischen Gemüses, alles ist so üppig und kitzelt die Sinne. Renate und der Morgen sagen zu mir: “Willkommen!”
Wir frühstücken ohne Hast. Plaudern. Ich geniesse es, so in den Tag hineinzuwachsen. Gegen 10.30 Uhr bin ich gehbereit. Sie reicht mir das obligatorische Gästebuch und ich mache meinen Eintrag. Sie lässt mich nicht ohne Reisesegen ziehen. Sie lässt mich auch nicht ziehen, ohne mich noch ein Stück über die Koppeln zu begleiten. Auf einer Erhöhung zeigt Renate mir die Richtung, die ich einschlagen muss, um wieder auf den Pilgerweg zu gelangen. Der Abschied ist herzlich, ich schaue zurück, bis ich sie in der Ferne nicht mehr erkennen kann.
Ich laufe eine Weile auf einem alten Bahndamm, bis ich die Strasse nach Schmochtitz erreiche. Mein Weg führt parallel zum Pilgerweg, erst 2 Kilometer hinter dem Ort komme ich wieder auf den ausgeschilderten Muschelweg, der hier auf der ältesten Trasse der Via Regia entlangführt. Ich komme vorbei am Bischof Benno Haus, die Herberge, die Anika gestern gewählt hatte. “Was sie wohl gestern erlebt hat?”
Am Milleniumsdenkmal bei Strohschütz, halte ich kurz inne, der Weg ging die letzten knapp 2 Kilometer bergauf. Ich biege links ab von der Strasse und pilgere wieder auf einer unasphaltierten Allee. “Es macht keinen Spass, auf Asphalt zu laufen!” Die Landbevölkerung, mit der ich oft ins Gespräch komme, ist auf jeden Asphaltweg regelrecht stolz, bedeutet er doch Komfort für Auto- und Radfahrer. “Nur, nicht für uns. Nicht für uns Pilger und Wanderer, die wir zu Fuss unterwegs sind.” Weder der Asphaltbelag, noch die Wanderschuhe, die für die offene Landschaft, für vielfältige, aber natürliche Untergründe gemacht sind, absorbieren die Bewegungskräfte, die bei jedem Schritt schwingen und geben sie direkt auf die Knochen und Gelenke ab. Da federt nichts mit. Hier scheinen Sportschuhe besser geeignet.
Die Via Regiastrecke verläuft jedoch nach einer Weile wieder auf der auch heute genutzten, also asphaltierten Strasse, die die Ortschaften verbindet. Auf dieser Strasse pilgere ich so über Storcha nach Crostwitz. Seit dem Milleniumsdenkmal fallen mir “alle ein paar Meter” die vielen gestifteten Wegkreuze auf. Jetzt wird mir es erst richtig bewusst, “jetzt bin ich im katholischen Sorbenland angekommen.” Ist ja auch kein Wunder, pilgere ich heute doch nach Panschwitz-Kuckau, zum katholischen Kloster St. Marienstern, wo ich meine Herberge erhoffe.
Es ist wirklich so, die Härte des Asphalts, geht mir regelrecht in die Knochen. Ich konzentriere mich darauf, möglichst über den Boden zu fliegen, jeden Kontakt zu vermeiden. Versuche, die ungedämpften Schwingungen mal mit den Füssen, mal mit den Knien oder in der Hüfte aufzufangen. Gelingt aber nicht. Ich beschäftige mich damit so verbissen, dass ich nicht merke, dass der Pilgerweg vor Crostwitz abzweigt und am Ort vorbei führt. Das ist insbesonders ärgerlich, da der Pilgerweg längst wieder an Feldern und Wiesen vorbeiführt, sprich auf ungeteerten Wegen… “Was lerne ich daraus?” “Ist ja wieder typisch,” rufe ich laut aus. Aber was ich gerade gedacht und gelernt habe, verrate ich Dir nicht, lieber Leser. Noch nicht!
Es ist Samstag mittag und ich möchte was Positives aus der Situation machen und suche im Ort nach einem Laden, um mir Verpflegung für heute und morgen zu kaufen. Ob Kaufmanns-, Getränke-, Bäckerladen oder Gaststätte, “egal, was ich eben finden kann.” Keine grosse Auswahl, – ist auch alles geschlossen.
Am Ortsausgang kommen mir zwei Handwerker entgegen: “Na Schornsteinfeger, bist Du vom Weg abgekommen?” fragt mich der eine. “Dein Muschelweg geht da hinter der Hecke rechtslang weiter!” Ich grüsse und bedanke mich artig. “Handwerkergesellen eben unter sich,” witzele ich und freue mich auf den Feldweg, der mich nun zum Kloster St. Marienstern führt.
“Ja, es ist schön, alleine auf dem Weg zu sein.” Ich finde so besser meinen Takt, niemand nimmt mir verbal irgendwelche Sehenswürdigkeiten vorweg oder kommentiert dies oder jenes. Sogar die Schmerzen sind beim Alleinegehen anders, weil die Aufmerksamkeit viel besser nach innen verlagert werden kann. Mir geht es jedenfalls so. Die Fuss- und Gelenkschmerzen sind aushaltbar und werden sich geben mit der Zeit. “Am dritten Tag ist der Rücken dran”, erinnere ich mich an Ulf’s Aussage, dem Geburtstagsherbergsvater aus Bautzen und merke das Ziehen in den Halswirbeln. Das ist ja auch alles ein ganz normaler Vorgang, die Knochen und Gelenke, der Körper stellt sich nun langsam auf die tägliche Dauerbelastung um und ein. Unangenehm ist jedoch das sich ankündigende Wundlaufen. Noch habe ich es im Griff, habe jedoch meine Bepanthen Wundsalbe fast aufgebraucht. Das habe ich unterschätzt, vorgesorgt habe ich nicht. Hirschtalgsalbe ist das Zaubermittel, das andere Pilger verwenden. Mal sehen, wann ich eine Apotheke finde, eine die geöffnet hat. Heute und morgen habe ich keine Chance mehr.

Hier in der Region haben sogar die Bäcker nur von 6.00 bis maximal 9.30 Uhr am Samstag geöffnet, stelle ich fest, als ich in Panschwitz-Kuckau am Zisterzienserinnen-Kloster St. Marienstern ankomme.
Mühsam erklimme ich die Stufen zur Klosterschänke, die sich direkt links neben dem Klostertor befindet. Schon von weitem werde ich von den dort sitzenden Touristen als Pilger erkannt und gemustert. Ich gehe in die Gastwirtschaft und spreche die jugendliche Bedienung an. Geschäftigt, aber professionell weist sie mir den Weg zur Klosterpforte. “Dort können sie klopfen und eine Schwester nach Herberge fragen.” Dankend verabschiede ich mich tippelnd. “Klosterpforte! Wow. Es klingt, als sei ich schon im Himmel angekommen.” Es dauert. Ich schiebe mich voran. Plötzlich Jubel. Anika ist da. Und begrüsst mich. “Du hier, das hätte ich nun wirklich nicht gedacht! Das sieht Dir doch gar nicht ähnlich.” Sie weist mich auf die Klosterpforte hin. Touristen stehen davor und fotografieren sich. Ich quäle mich die Treppen zur Pforte hinauf, betrete absolutes Neuland. “Was erwartet mich?”
Ich mache mich frei, bin in meinem eigenen Film, das Drehbuch wird “on the fly” generiert. Klopfe und klingele. Warte. Nach einer kurzen Weile öffnet eine ehrwürdige Schwester die Pforte. Ich bin fast wie erstarrt. Und erzähle ihr meine Lebensgeschichte, auf jeden Fall die Ereignisse der letzten Stunden. “Na und?” fragt sie.
“Ja, ähm, ich bitte um Herberge hier bei Ihnen, für eine Nacht.”
“Hm. Es ist schon eine junge Pilgerin hier, diese hat den Schlüssel, ich weiss nicht wo sie steckt. Aber wenn Sie mit ihr zurecht kommen, dann können Sie bleiben.”
“Ich kann! Ich kann! Ich habe sie eben getroffen. Ich kenne sie schon…!”
“Na denn, dann lassen Sie sich mal alles zeigen!”
Ich lasse mir alles zeigen. Anika nimmt mich in Empfang und führt mich zum Pilgerzimmer in einem Wirtschaftsgebäude des Klosters. Irgendwie sind wir doch schon ein eingespieltes Pilgerteam. ” 2 Liegen, eine Teeküche, Waschraum und WC. Sauber, einfach und ausreichend.” Unser kleines Reich. Nach Körperpflege und Wundversorgung ist wieder Waschen angesagt. Die Kleidung lassen wir im Klosterhof in der Sonne trocknen.
Statt Zwiebelsuppe mit Spaghetti, unsere persönlichen Essensvorräte sind fast aufgebraucht, essen wir eine Kleinigkeit in der Klosterschänke zu Abend. Anschliessend besuchen wir um 19.00 Uhr das Komplet (Nachtgebet) der Zisterzienserinnen. Vor dem Zubettgehen bin ich noch Kneipp-Wassertreten im Kräutergarten des Klosters. Das ist eine Wohltat für die Füsse.
Anika hat erreicht, dass wir ausnahmsweise ein Pilgerfrühstück erhalten sollen. Dazu müssen wir Punkt halb acht, an einer bestimmten Tür eines Raumes am Südflügel der Klausur warten… Auf Morgen bin ich gespannt.
Glória Patri,
et Fílio, et Spirítui Sancto.
Sicut erat in princípio, et nunc,
et semper, et in saecula saeculorum. Amen.
Mehr Infos:
Bischof Benno Haus
Milleniumsdenkmal
Wegkreuz
Via Regia
Panschwitz-Kuckau
Kloster St. Marienstern
Via Sacra, Heilige Straße
Sorben/Wenden
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Na ja, noch gibt es nicht sehr viel von mir zu lesen als auf dem Computer ohne Internetanschluss. Aber wenn ich fertig bin, kannst du es gern lesen. Ich könnte dir evtl einen Ausschnitt mal schicken, wenn ich wieder im Internet bin. Hab noch ein bisschen Geduld, okay?
Dein Hartmut
Hallo Anika!
Schön, dass Dir die Geschichten gefallen. Das ist meine Perspektive, meine Erlebnisse, natürlich!
Aber ich möchte auch gerne von Dir was lesen! Wo?
Hallo Christian!
Ich bin richtig neidisch auf deine schöne Herberge in Bautzen, während ich in Schmochtitz ziemlich vereinsamt bin. Na ja, auch das war eine Erfahrung für mich.
Ich schreibe jetzt übrigens auch. Obs ein richtiges Buch wird, ist die Frage…
Es ist toll sich zu erinnern, es fällt einem noch viel mehr ein, als man im Tagebuch notiert hat.
Nun bin ich mal gespannt, wie du die Geschichte vom Frühstück in den heiligen Räumen der Nonnen kommentierst…
Bin mal gespannt auf deine Fortsetztung.
Äußerst interessant, wie ein Tag von zwei verschiedenen Perspektiven gesehen werden kann…!
Tschüssie sagen Hartmut und Frieder der lustige Rucksack