5. Tag. Wir gehen in Klausur: Anika ist im Glück. Ich habe eine Pflaumenkuchen-Fata Morgana

Pilgern auf dem Ökumenischen Pilgerweg. Kloster St. Marienstern. Das Kloster.Wir stehen zeitig auf, es ist Sonntag und uns ist ein Pilgerfrühstück versprochen. Das ist nicht nur spannend, sondern auch wichtig, da unsere persönlichen Essensvorräte aufgebraucht und die Läden geschlossen sind. Bereits um halb acht stehen wir beide, mit Sack und Pack vor der offenen Wehrtür eines Raumes am Südflügel der Klausur.

Wir warten. Nichts passiert. Ich klopfe erst recht zaghaft gegen die schwere Holztür, dann stärker. Nach einer Weile entdecke ich die Klingel und klingele. Nichts passiert, niemand kommt. Ich frage mich, ob wir hier richtig sind und klopfe zum wiederholten Mal. Nach 20 Minuten der Ratlosigkeit, öffne ich die Tür und riskiere einen Blick in den Raum. Die Atmosphäre vergangener Zeiten kommt mir entgegen: Über mir, an den Wänden sehe ich die Ölgemälde ehrwürdiger Schwestern des Klosters, Holztäfelung und einen leeren Tisch. “Bin ich etwa schon in einem Klausurraum?” Schnell mache ich die Tür wieder zu, möchte nicht stören. Wir warten weiterhin geduldig, wie bestellt und nicht abgeholt. Nach einiger Zeit wird es mir zu komisch und ich öffne die Tür ganz. Und kann so in einen zweiten, grösseren Raum blicken.

Am Morgen soll man essen, wie ein Kaiser.
Und sehe einen langen, schweren Tisch in der Mitte des Raumes, zur Hälfte eingedeckt. Ein reich gedeckter Frühstückstisch für 2 Personen. Uns geht ein Licht auf. Wir gehen hinein und legen unser Gepäck ab, setzen uns an den Tisch. Und frühstücken, teilen sogar brüder- und schwesterlich die 3 kleinen Kuchenstücken. Ich geniesse seit Jahren des Kaffeegenusses, mal wieder einen starken schwarzen Darjeeling. Als ich mir den zweiten Teebeutel nehme, um mir eine weitere Tasse aufzubrühen, bemerke ich, dass ich einen Kannenportions- statt eines Tassenportionsbeutel erwischt hatte. “Ganz schön stark, aber lecker!”
Eine Schwester erscheint kurz und schaut nach dem Rechten und bittet uns, dass wir uns am Pilgerstempel selbst bedienen und einen Gästebucheintrag hinterlassen. Die Spendendose auf dem Tisch lassen wir leer, hatten wir doch schon im Pilgerzimmer gespendet. Dieses reichhaltige Frühstück, in dem gediegenem Ambiente, macht mir bewusst, wie wichtig eine richtige Mahlzeit am Morgen für das Gelingen des ganzen Tages ist. Bin gespannt, wieviel von dieser Erkenntnis ich mit in meinen Alltag nehme…!

Kamenz ist öde, an diesem Tag.
Zum Weg Richtung, in und um Kamenz ist nicht viel zu sagen: Es ist Sonntag, es ist heiss, trostlos und beschwerlich. Ganz Kamenz ist zur Mittagszeit wie ausgestorben. Ein wenig deprimierend. Wäre ich heute alleine auf Achse, würde ich auf dem Marktplatz in dem einzigen geöffneten Gasthaus rasten und eine Solijanka verkosten. Bin ich aber nicht und so gehen wir weiter. Nachdem wir den Hutberg und -park passieren, sind wir auch schon wieder aus Kamenz heraus.

Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald…
Da wir auf unserem Weg zur Herberge in Schwosdorf gut in der Zeit liegen und es sonst nichts Spektakuläres zu entdecken gibt, haben wir uns vorgenommen, einen See, abseits des Weges aufzusuchen, der im Pilgerführer eingezeichnet ist. In Gedanken ist mir diese Aktion nicht ganz geheuer, sind die Karten im Pilgerführer zwar liebevoll gezeichnet, doch letztendlich sind es nur grobe Skizzen.
Es geht auf alten, teilweise zugewucherten Wald- und Forstwegen hügelauf und -ab. Diese Wege sind längst nicht mehr eingezeichnet. Wir ahnen den See, finden aber keinen Einstieg.
Doch Anika packt der Endeckergeist. Sie möchte unbedingt den See finden. Ich nicht. Sie eilt voran. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: “Wenn sie jetzt ausser Sichtweite ist, tue ich einfach so, als hätte ich sie verloren und gehe den Pfad wieder zurück, um wieder auf den Muschelweg zu kommen. Hehe!” Es geht mir eigentlich gegen meinen Verstand, ihr so weiter bedingungslos in den Wald zu folgen. “Ich will doch nicht wie Hänsel und Gretel enden!” Im Grunde habe ich auch einen ausgeprägten Orientierungssinn, es kommt mir vor, als wenn wir den Badesee längst hinter uns gelassen haben. Ich mache den Kompromiss und lasse meine Prinzipien im Stich, um Anika nicht im Stich zu lassen.

Wir durchqueren das gesamte Waldstück und kommen auf eine Landstrasse. Es ist die Landstrasse, die nach Brauna führt, von dort geht es nach Schwosdorf. Also, ist noch nichts verloren. Anika gibt nicht auf. Sie beschliesst, die Landstrasse Richtung Kamenz zu gehen, um von der Seite einen Einstieg zum See zu finden. Wir einigen uns auf ein Sichtzeichen und darauf, dass sie maximal zur nächsten “Ecke” gehen wird. Anika geht auf weitere Entdeckungstour, ich raste. Verliere sie aus den Augen. Und warte. Bis es mir zu bunt wird. Nach einigem hin und her, beschliesse ich die Landstrasse ebenfalls abzugehen, um sie zu suchen. “Jeder Schritt ist überflüssig, hoffentlich wird dies hier niemand erfahren”, denke ich. Ich gehe vor bis zur nächsten Kurve, doch von meiner Mitpilgerin keine Spur. “Vielleicht, hat sie ein Zeichen, eine Spur, einen Hinweis hinterlassen”, hoffe ich und schaue mir intensiver die Wegesspuren an und finde einen Weg wieder in den Wald hinein. Dieser Weg scheint mir von vielen Leuten begangen zu werden, also folge ich ihm. Einige “Scheisshaufen” und das obligatorische, dezente benutzte Klopapier geben mir recht, auf menschliche “Zivilisation” zu stossen. Ich komme am See an. Nackte mit Kampfhunden begegnen mir. “Sag’ mal, wo bist’e denn hier gelandet?” wundere ich mich. Einige Meter weiter finde ich Anika, badebereit und mit ihrem Mobiltelefon beschäftigt. “Hallo, ich habe Dir gerade ‘ne Nachricht geschickt.” Ich lasse mich neben ihren Sachen nieder. Vorausschauend, wie so oft, habe ich meine Badehose heute drunter…! Anika geht ins Wasser und ist wie ein Fisch entschwommen. Ich gehe nur zum Fussbad ins Wasser, “ich Weichei.” Aber der Einstieg ins Wasser ist ja schon kriminell. Fast stürze ich. “Jetzt mir hier die Knochen brechen, das wär’s!” Erfrischend ist der See aber allemal.

Wieder zurück am Ufer, sonnenbade ich. “Jemand muss ja wohl auf die Sachen aufpassen.” Als wenn die Nackten hier unsere Habseligkeiten stehlen wollten, aber sei es drum. Ich kann so gar nicht entspannen. Wir sind vom Weg abgekommen und meine Wasserflasche ist leer. In meinem Mund ziehen sich schon die Fäden.

Gegen 15 Uhr breche ich auf, Anika schwimmt noch ‘ne Runde. Ich freue mich auf das Quartier “Wal- und Wüsteberg Haus” mit Dusche, WC und Küche. Wal- und Wüsteberghaus? Ich kann mir nichts darunter vorstellen. “Was haben die hier in der Lausitz mit Walen zu tun?” Na egal, ich lasse mich überraschen und gehe voran. Wieder nur auf Landstrasse. Dass das Gehen auf asphaltierten Wegen keinen Spass macht, habe ich ja wohl schon erwähnt?

Eine Fata Morgana?
Die Sonne sengt und ich reisse mich zusammen. Als ich endlich, völlig entkräftet und durstend, das Haus finde, ist niemand dort. Das Wal- und Wüsteberghaus. Schön. Von aussen. Ich sehe rot. Die Fassade ist frisch renoviert, falunroter Anstrich, wie die klassischen schwedischen Holzhäuser. Mit gelben Fenstereinrahmungen. Ansehnlich. An der Eingangstür 2 Rufnummern. Ich schalte mein Mobiltelefon ein und habe keinen Funkkontakt. “Scheissfunke,” entfährt es mir, innerlich. Zum Sprechen ist mein Mund schon viel zu trocken. Ich laufe, torkele ins Dorf hinab. Endlich habe ich Funkkontakt! Doch ich erreiche niemanden oder nur einen AB. “Schöne Scheisse!” Ich sehe eine Privatpension und überlege. “Nein, ich frage mich jetzt hier durch.” Nach einer Weile, nach Umwegen im Dorf finde ich das Privathaus der Familie des Ansprechpartners des Wal- und Wüsteberghauses auf einer Anhöhe. Die Familie sitzt dort auf einer Terrasse beisammen. “Oh, ein müder Pilger kommt!” werde ich empfangen. Und wie in einem seltsamen, kuriosen Film, schweben zwei Tabletts mit frischem Pflaumenkuchen an mir vorbei. Auf dem einen, Pflaumenkuchen mundstückig, auf dem anderen handstückig. Auf beiden also, frischer, leckerer, saftiger und duftender Pflaumenkuchen. “Schaaaade!” Und weg war er. Weggetragen ins Haus von einem Familienmitglied. Hunger und Durst. Diese beiden elementaren Bedürfnisse sind mir gerade allgegenwärtig und bleiben in diesem Moment sehr unbefriedigt.

Die Herbergsmutter Frau B., bittet mich zum schattigen Eingang des Hauses. Ich kann mein Gepäck ablegen und erbitte nach einem kurzen Schwatz zwei Gläser Wasser. “Huh, wie lecker,” wie kostbar, das Wasser. Nach Pilgern auf dem Ökumenischen Pilgerweg. Schwosdorf bei Kamenz.einem dritten Glas frage ich nicht mehr, obwohl ich noch immer Durst habe. Stattdessen esse ich eine halbe Gurke, die ich immer noch aus Neubelgern habe. Also von vor-, vorgestern. Sehr lecker, ehrlich. Sie hat sich gut gehalten und ist mir ein erfrischendes Festmahl.

Die Herbergsmutter, sitzt mir an der Seite, auf den Stufen ihres Hauses. Wir unterhalten uns über die Region, Arbeitslosigkeit und immer wieder über die bevorstehende Herberge, dem Wal- und Wüsteberghaus. Sie will mich zum Haus begleiten, aber auf meine Mitpilgerin Anika warten, die ich angekündigt habe. Sie will nichts “doppelt erzählen”. Ich wundere mich, was sie damit meint. Traut sie mir dies nicht zu? Dass ich Anika in die Örtlichkeiten der Herberge einweise? Ich weiss es nicht. Ich will heraus aus meinen Schuhen, Socken. Will duschen und barfuss laufen. Mich frisch machen. Den Weg beenden und ankommen für heute. Immer wieder versuche ich sie zu überzeugen, mir den Schlüssel zum Haus zu geben, da ich ja Anika später alles erklären könne. “Bin ich zu doof, oder was?” denke ich. Sie lässt sich nicht darauf ein. Mir wird es langsam fraglich und unheimlich. 1 1/2 Stunden später gibt Frau B. den Widerstand auf und will mich persönlich zur Herberge bringen. Wie der Zufall es will, trifft Anika gerade ein und wir gehen zu dritt zum Wal- und Wüsteberghaus, unserer Herberge für heute.

Das Haus ist aussen hui und innen pfui!
Es ist eine einzige Baustelle. Der gesamte Trocken- und Ausbau ist noch in Mache. Erst kürzlich ist elektrisches Licht installiert worden. Das einzige, was wirklich voll ausgebaut und eingerichtet ist, ist das “Büro”, abgesehen von den 2 Pilgerzimmern. Im Büro hören wir uns von unserer Herbergsmutter einen richtigen Vortrag, wie auswendig gelernt, über den Werdegang des Projekthauses “Wal- und Wüsteberg” an. Über gestrichende EU-Fördergelder, Umweltschutz und Bergabbau. Und ich höre viel persönliche Enttäuschung heraus. Doch ich möchte an dieser Stelle nur eines: Schuhe aus, duschen, essen, trinken und schlafen.

Wir erhalten unseren Pilgerstempel und entrichten unsere “Spende”, – im Voraus. Ziemlich unüblich. Ziemlich unangenehm und fordernd. Nach einer Besichtigung und eines Rundganges durch das Haus, verabschieden wir uns von Frau B. Wir beziehen das eine von zwei Pilgerzimmern, das, das mit einem Etagen- und einem freistehenden Bett ausgestattet ist. Ausserdem befindet sich im Raum eine Kommode, mit Wasserkocher und einem Vorrat an Tütensuppen und Getränken. Die Küche also. Ich stürze zwei Flaschen Mineralwasser hinunter. Und esse 2 Suppen Typ “Asiatische Nudelsuppe”. Und zahle ein, in die Kasse des Vertrauens…

Ich finde statt einer Dusche nur einen Wasserhahn, im “Bad”, einem noch nicht fertiggestellten feuchten Baustellenraum. Das Wasser kommt direkt aus dem Brunnen. Abgefüllt in Eimern, dient es zur Toilettenspülung und zum Waschen. Trinkwasser kann man im Wasserkocher auf der Stube abkochen. Meine Stimmung ist auf einem Hochpunkt, wie schon lange nicht mehr. “Herrlich, Dusche und WC!”

Ehrlich jetzt.
Wenn im Pilgerführer stehen würde: “Das Haus ist noch eine Baustelle”, kann man sich darauf einstellen. Aber so ist es eine herbe Enttäuschung! Der Hinweis auf einen Kamenzer Pizzalieferservice ist dann erst recht kein Reisser, sondern Provokation. Pilgern hat sicherlich nicht unerheblich mit Verzicht zu tun, besonders in Bezug auf Bequemlichkeiten. Einfachheit oder Spartanität kann man jedoch auch in einem Armenhaus erleben, in einem renovierten Zustand und im historischem Kontext, versteht sich. Doch dazu später. Wer noch nie bei einem Hausausbau dabei war, den dezenten Staub von Rigips mag, dem kann ich die Herberge in diesem Zustand wärmstens empfehlen.

Nach meiner Katzenwäsche gehe ich wieder hinauf in das Pilgerzimmer. Anika ist glücklich. “Heute ist ein schöner Tag gewesen. Ich habe den See gefunden. Es war herrlich. Dies ist mein Tag!” “Meiner nicht!” sage ich.
“Äußerst interessant, wie ein Tag von zwei verschiedenen Perspektiven gesehen werden kann?!” Na, Hauptsache ein Dach über dem Kopf, gute Nacht!

Pilgern auf dem Ökumenischen Pilgerweg. Schwosdorf bei Kamenz.“[...]Janich reliejöhs.
Wie soll ick det sahrn … ?
Ick kann det Jefuchtel nich vatrahrn.
Wir komm bei Muttan raus mit Jeschrei,
un manche bleihm denn auch dabei.
Wenn ick mir det so allens betrachte:
Imma sachte!
Mal liechste still. Denn wird ausjefecht.
Un wir wern alle inn Kasten jelecht. [...]”
aus: “Imma mit die Ruhe!”, Theobald Tiger aka KT, 1932

Mehr Infos:
Kreis- und Lessingstadt Kamenz
Ausflugsziel Hutberg (Kamenz)
Pro Wal- und Wüsteberg
Schönteichen

Sonderspendenzweck 2008:
Ein Teil der Spenden 2008 wird wieder für einen besonderen Zweck verwendet. Dieses Jahr für den Ausbau der Herberge in Schwosdorf, speziell für die sanitären Einrichtungen.

Hier könnt Ihr spenden:

Konto: 301 038 899
BLZ: 820 510 00
Sparkasse Mittelthüringen

Kontoinhaber:
Ökumenischer Pilgerweg e.V.
Zweck: Spende

Mehr Infos: www.oekumenischer-pilgerweg.de

[CMS]

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.