6. Tag. Und Tschüss, armes Haus. Wow, Pilgerstadt Königsbrück!

Pilgerwanderung auf dem ökumenischen Pilgerweg - Von Schwosdorf nach KönigsbrückGegen 6.30 wache ich auf. Meine Pilgerbekanntschaft Anika auch. Sie geht schon ins “Bad”. “Ladies first!”, denke ich und sinniere während des Aufwachens über unsere Luxusherberge. Ich glaube, Anika hat heute nacht ein wenig gefroren, da sie den Schlafsack in Bautzen per Post nach Hause geschickt hat. Meistens sind in den Herbergen genug Decken zur freien Verfügung, hier natürlich nicht.

Schlafsack kontra Decke
Ich wurde oft gefragt, habe in Foren darüber gelesen und auch selbst vor meiner Reise ernsthaft darüber nachgedacht.
Was ist davon zu halten, statt eines Schlafsacks eine kleine Decke, speziell eine Fleecedecke mit kleinem Packmass mitzunehmen? Ich glaube es ist grundsätzlich eine gute Idee, auf jeden Fall in den Sommermonaten. Ich benutze den Schlafsack eh als Decke, falls es zu kalt wird, habe ich einen Bettbezug dabei, in den ich schlüpfen kann.
Der Bettbezug ist mein bester Ausrüstungsgegenstand. Ich lege meine Aluisomatte auf die Matratze, dann den Bettbezug darüber, um es ein wenig heimelig zu haben und damit die Isomatte nicht verrutscht. Der Bettbezug ist klasse, dient er doch auch als leichter Schlafsack. Ich glaube, auf meiner nächsten Reise, werde ich nur Bettbezug und eine Fleecedecke mitnehmen.

Auf ein Frühstück haben wir verzichtet. Mir schien es nach dem ganzen Wirrwarr von gestern als unpraktisch. Anika geht vor mir aus dem Haus mit den Worten: “Wir sehen uns am nächsten Supermarkt!” Und Tschüss. Werde ich sie heute noch einholen? Wohl kaum, “bloss keinen Stress!” Der angekündigte Bauarbeiter kommt gegen 7.00 Uhr in das Haus. Höchste Zeit zu Verschwinden. Ich machen keinen Gästebucheintrag. Mit leerem Magen verlasse ich um 7.30 das Wal- und Wüsteberghaus. “Und Tschüss!”

Gleich hinter dem Haus geht der Pilgerweg weiter und schnell bin ich wieder im Wald. Im Koitzschen Wald. Der Morgen und der werdende Tag sind meine Begleiter. Das ist schön. Ich gehe beschwingt. Mit jedem Hüftschwung lasse ich das seltsame Hausprojekt hinter mir: Ich bin wieder auf dem Weg. Auf meinem Weg!

Dadurch, dass ich so zügig gehe, bin ich schnell in Reichenau. Ich finde einen Kaufmannsladen. “Er ist geöffnet”, die Freude ist gross. “Bin Laden! Frühstück!”
Ich kaufe mir etwas zum Trinken, einige Semmeln und frische Knacker. Die Kaufmannsfrau ist sehr verständnisvoll und interessiert. Ich kann meinem Ärger über “das Haus” in Schwosdorf Luft machen. Sie hört meine Geschichte nicht zum ersten Mal. Ich erfahre, dass schon seit knapp 2 Jahren Pilger bei ihr im Laden über “das Haus” klagen. Und dass man hier in Reichenau gerade ein Armenhaus fertig renoviert hat, mit Dusche sogar. “Keine schlechte Idee,” erwidere ich, “durch den Wald hier nach Reichnau geht dann jeder noch gerne, das sind ja nur knapp 4 Kilometer.”
Neue Kunden kommen, ich verabschiede mich und setze mich draussen auf die Stufen des Ladens und mache mich über meine Beute her. Ich frühstücke.

Weiter geht’s, nach Königsbrück.
Ich pilgere wieder durch Wald, verliere das Jakobsmuschelzeichen, meinen Wegweiser, aus den Augen und verlaufe mich. Ich bin schon fast auf dem Weg nach Weißbach. Doch da will ich gar nicht hin, sondern nach Gräfenhain. Gräfenhain? Stimmt auch nicht. Nach Königsbrück, natürlich!
Ich nähere mich Königsbrück. Und finde einen Lidldiscounter. Hah, das wird ein Wiedersehen mit Anika! Bestimmt. Bestimmt nicht! Anika hat nicht bei Lidl gewartet. Sowas. Auch egal. Hätte ich ja nun auch nicht gemacht.
Ich gehe herein, in Herrn Lidl’s seinen Stiftungsladen und schaue mich um. Fühle mich schon wieder ziemlich deplaziert mit meinem Pilgerstab, Rucksack, in dem ganzen Pilgeraufzug. Zwei Welten treffen aufeinander. Ich schaue mich um. Das aktuelle Angebot an High-Tech und Autozubehör ist nicht nach meinem Geschmack, sonst auch nicht viel. Ich finde, dass die angebotene Ware nicht pilgergerecht ist und kaufe nur 2 Äpfel und einen Molkegetränk für ein späteres zweites Frühstück.

Gegen 12 Uhr schon, komme ich auf dem Stadtplatz in Königsbrück an. Und bin begeistert. Ein malerisches, schniekes Städtchen, wie von einer klassischen Postkartenansicht: “Grüsse aus Königsbrück”. Das Rathaus, ein Polizeiposten, der Stadtbrunnen, Friseur, Apotheke und ein italienisches Gasthaus fallen mir auf. Es ist mittags und die Sonne brennt, doch ich setze mich in Mitte des Platzes an den Brunnen und geniesse die romantische Ansicht und das zweite Frühstück.

Ich gehe weiter, bis zur Kirche der ev.-luth. Kirchgemeinde in der Schlosstrasse, nur wenige Meter vom Stadtplatz entfernt. Die Kirche ist offen, ich stehle mich hinein und halte Andacht, meine persönliche Andacht. Es ist so schön kühl hier. Gefühle überrennen und fragen mich, ob ich nicht mal endlich loslassen möchte. Ich möchte. Aber nicht ganz. Das ist mir nicht geheuer. Soweit ist ja alles schön. Die Tränen rinnen mir stossbachartig über das Gesicht. Erleichert taumele ich wieder nach draussen in den sonnenhellen Tag.

Nicht schon wieder ein armes Haus.
Pilgerwanderung auf dem ökumenischen Pilgerweg - Pfarrhof KönigsbrückIch möchte eigentlich in der Stadt bleiben, denke aber, “dass es noch zu früh ist, eine Herberge aufzusuchen” und pilgere die Schlosstrasse hinab zum Armenhaus Stenz. Laut Pilgerführer ist das Armenhaus frisch renoviert und einem Haus für Arme und Mittellose um 1850 nachempfunden. Dort gibt es einem Wohnraum mit Kochgelegenheit, drei Schlafplätze im Bodenraum und ein Aussenklo. Statt einer Dusche steht ein Wassereimer bereit. “So oder so ähnlich hatte ich es doch letzte Nacht,” zweifele ich und halte inne, bleibe stehen. Ich war zwar letzte Nach nicht in einem Armenhaus, aber in einem armen Haus.

Ich kehre um zur ev.-luth. Gemeinde und melde mich in der Küsterei als Pilger an. Freudig und freundlich werde ich empfangen. Mir werden das Pilgerquartier im obersten Stockwerk und die Küche im Erdgeschoss gezeigt. Im Pilgerquartier, dem Gemeindeveranstaltungsraum stehen Matrazen zur Auswahl. Ich nehme mir eine und rücke sie mir in eine Nische. Isomatte, Bettbezug und Schlafsack darauf und mein Schlafplatz ist fertig.
Kurz darauf kommt Pfarrer Schlotterbeck und seine Frau und begrüssen mich. Sie zeigen mir die örtlichen Gegebenheiten en detail und wünschen mir einen schönen Tag. Heute bin ich zwar nur 12 km gelaufen, aber das ist gut so. Ich werde die Zeit nutzen, um meine Erlebnisse der letzten 2 Tage aufzuschreiben. Schön, dass ich hier bin. Ich bin wieder angekommen!

Ein echtes WC! Und eine Dusche. Ich nutze die Dusche ausgiebig, mache mich frisch und schlüpfe in halbwegs frische Klamotten. Nutze das geräumige Bad zur Handwäsche. Ich wasche alles durch und lasse es unter dem sonnendurchflutenen Giebelfenster auf dem Wäscheständer trocknen. Was will ich mehr?

Ich brauche Wundsalbe. Meine ist aufgebraucht, das Scheuern der Unterwäsche machte sich heute bemerkbar. So kann ich nicht weitergehen. Ich muss mir was einfallen lassen. Ich werde eine Lösung finden.

Königsbrück ist eine Pilgerstadt.
Also gehe ich auf den Stadtplatz und schaue mich um. Mein Blick fällt auf einen Tante-Emma Supermarkt. Dort hole ich mir erst einmal etwas zu trinken, mein Lieblingsmineralwasser aus der Region, mit Apfelgeschmack und setze mich wieder an den Brunnen. “Hier könnte ich bleiben,” kommt es mir zum wiederholten Mal in den Sinn. Klein, fein und überschaubar. Hier, direkt am Markt ist auch für Kultur gesorgt, das Kultur- und Clubhaus Schwarzer Adler hat volles Programm an Tanzveranstaltungen, Comedy-Theater und sogar Operette.

Doch ich habe jetzt ein anderes Programm. Neben dem Kulturhaus ist eine Apotheke. Die Löwen-Apotheke. Ich gehe hinein und frage nach Wundsalbe. Ich werde herzlich empfangen, erzähle dass ich Pilger bin. Die Damen in der Apotheke machen mir Geständnisse: “Ich habe das Buch von Hape Kerkeling”, “Ich habe gerade begonnen darin zu lesen” und “Ich habe es schon gelesen!” Ich bin begeistert. Hier versteht man mich. Ich frage nach dem Zaubermittel anderer Pilger, gegen das Wundlaufen. “Hirschtalgsalbe?” “Ja, nehme ich!” Ich bestelle die Salbe und bekommen einen Abholzettel für 16 Uhr und einige Traubenzuckerbonbons zugesteckt. “Bis heute nachmittag,” verabschiede ich mich.
Wieder auf dem Markt stehend, schaue ich mich um. Und überlege, wie ich die Zeit sinnvoll bis zum Nachmittag nutzen könne. “Auf zum Friseur, ich bin doch schon längst fällig!”

Pilgerwanderung auf dem ökumenischen Pilgerweg - Von Schwosdorf nach KönigsbrückIm Friseurlädchen komme ich nicht gleich an die Reihe, mir wird freundlichst ein Termin für den Nachmittag um 16 Uhr vergeben. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet, aber was soll’s? Ich habe doch Zeit heute.
So, zwei Termine habe ich schon für heute, jetzt kommt endlich Freizeit. Ich gehe herüber zum Restaurant “Zum Italiener” in den Sommergarten auf dem Marktplatz. Bierschirme spenden Schatten und ich spendiere mir ein Hasseröder Pils und Bruschetta, Pizzabrot mit marinierten Tomatenwürfeln. Ich lasse mir Zeit und geniesse. Lasse mir Zeit und schaue mich um. Lasse mir Zeit und freue mich über die Stadt, das Essen, den Sonnenschein, über mich und dass ich mich auf diesen wunderbaren Weg gemacht habe. Anika, wenn Du mich jetzt hören könntest: “Dies ist mein Tag!” Jetzt, hier und heute.

Die Zeit vergeht nicht. Gäste kommen und gehen. Ich bleibe. Um 16 Uhr habe ich ja schliesslich fussläufig meinen Friseur- und Apothekentermin. Ich schreibe zwischendurch Tagebuch. Doch die Zeit steht still. Die Zeit steht still? Wohl kaum, es ist ja Leben um mich herum. Aber meine Uhr steht still! Nein, doch nicht sowas! “Nein, nein, gibt’s denn sowas?” Ich frage die Bedienung nach der Zeit. Es ist kurz vor 16 Uhr. Meine Uhr ist um 15.08 stehen geblieben. Jetzt bloss keine Panik aufkommen lassen, ist doch alles im grünen Bereich. Ich zahle und bedanke mich für das ausgesprochen leckere Bruschetta und schlendere den Stadtplatz zum Friseur hinauf. Ganz cool, ich habe ja noch 5 Minuten Zeit. Ganz entspannt. Ja, in so einer Stadt möchte ich wohnen, da kann gar kein Stress aufkommen…

Ich lasse mir für wenig Geld, Berliner Preise, die Haare schneiden und bin am Plaudern mit der Friseurin. “Sie hätte auch zu Udo Walz nach Berlin gehen können, den Platz hatte sie schon so gut wie sicher.” Aber sie kam zurück, blieb ihrem Städtchen treu. Ich verstehe sie. Einen kurzweiligen Kurzhaarschnitt später, stehe ich wieder draussen in der Sonne und hole mir in der Löwen-Apotheke die Salbe ab. “Bin gespannt, was das für ein Teufelzeug ist.”

Pilgerwanderung auf dem ökumenischen Pilgerweg -KönigsbrückIch gehe “nach Hause” in die Herberge von Pfarrer Schlotterbeck. Und lege mich hin. Schlafe auch gleich ein und träume bis zum frühen Abend. Ich mache mich ausgehfertig und bin wieder auf dem Weg zum Marktplatz zum Restaurant und Eiscafé “Zum Italiener”. Ich treffe unten an der Tür 2 Pilger, ein Paar, die gerade angekommen sind. Ich weise ihnen den Weg hoch zur Familie Schlotterbeck und verabschiede mich. “Sportpilger,” kommt es mir in den Sinn, als ich die Nordic-Walkingstöcke und das leichte Gepäck sehe.

Zum Abendessen gibt es Hasseröder Pils und Bruschetta. Mal was anderes? Nein, es war so lecker.

Mehr Infos:
Stadt Königsbrück
Pilgergaststätte, Restaurant und Eiscafé “Zum Italiener”
(Pilgerausweis nicht vergessen)
Armenhaus Stenz

Tipps:
Freibad Königsbrück
(Freier Eintritt für Pilger, Pilgerausweis nicht vergessen)
Kamelienschau und Kamelienblüte im Gewächshaus des Königsbrücker Schlosses
(Laut der Friseurin sehr empfehlenswert)
Kultur Club Königsbrücker Land KCKL
Friseursalon Kunterbunt
(Gute Preise, guter Plausch: Haare schön!)

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.