7. Tag. Tauscha, Schönfeld, Großenhain. Ich wachse über mich hinaus.

Pilgerwanderung auf dem ökumenischen Pilgerweg - KönigsbrückWährend ich schon schlafe, kommt das Pilgerpaar ins Zimmer. Sie waren wohl auch noch auf dem Marktplatz in Königsbrück im Restaurant “Zum Italiener”.
Gegen 7.00 Uhr werde ich wach, die anderen beiden auch. “Guten Morgen”, Guten Morgen!”, “Guten Morgen.” Wir begrüssen und machen uns bekannt. Marina und Uwe aus Dresden haben heute mit mir in der Herberge der Familie Schlotterbeck in Königbrück übernachtet. Die Tür klappt auf und zu. Wir wirbeln zur Toilette, ins Bad und wieder in den Pilgerraum, bereiten uns auf den Tag vor. Ich habe so tief geschlafen, ich bin noch etwas schlaftrunken. Auch als Frau Schlotterbeck den Frühstückstisch für drei deckt und mich fragt, ob ich mitfrühstücke. Ich verneine erst, warum weiss ich heute nicht mehr. “Ja, doch. Ich bin dabei.” entgegene ich nach einer kurzen Weile. Überzeugt hat mich auch die liebevolle Tischdekoration, jeder von uns dreien hat eine Tageslosung auf seinem Teller liegen. Ausserdem ist das Frühstück, wie ich bisher auf meiner Reise erfahren konnte, von grösster Wichtigkeit. Zusätzlich ist es doch auch eine soziale Komponente, man kann sich unterhalten, man lernt sich kennen.

So frühstücken wir ausgiebig zusammen. Marina und Uwe kommen also aus Dresden, aus der Nähe soszusagen. Sie testen die Strecke nur an, auch aus diesem Grund haben sie so wenig Gepäck dabei. “Jetzt wird mir einiges klar”, denke ich und nehme das Wort “Sportpilger” still und heimlich wieder zurück.
Warum ich noch nie in Dresden war, werde ich gefragt, es ist doch ein Katzensprung von Berlin aus. Ich meine, ich kenne Dresden doch, aus dem Fernsehen, aus der Radebergerwerbung. Scherzhaft, versteht sich. Ja, warum war ich noch nie in Dresden? Ich will nach Dresden. Ja, ich werde Dresden besuchen. An alle: Wer kommt mit mir, nach Dresden, im Herbst?

Heute geht es nicht nach Dresden, sondern erst einmal nach Taucha. Marina und Uwe haben vor mir gepackt und brechen als erste auf. “Alles Gute für den Weg!” Ich befestige den Zettel mit der Tageslosung gut sichtbar aussen am Rucksack, zwischen Socken, T-Shirt und Unterhosen, die in der Sonne noch durchtrocken müssen. Ich mache meinen Gästebucheintrag und spende den Betrag, den ich für richtig halte, für die fabelhafte Unterkunft. Dann suche ich eine Etage tiefer Frau Schlotterbeck auf und gebe ihr den Schlüssel der Herberge zurück und bezahle mein Frühstück separat. Sie gibt mir Geld zurück mit den Worten: “Das reicht doch für das Frühstück.” Ich gehe wieder nach oben und werfe das Wechselgeld in die Spendenbox, denn das Geld gehört heute hierher, nicht in meine Tasche.

So geht es für mich um 8.30 Uhr los. So ist der Morgen frisch, die Beine sind es auch.
Nach wenigen Metern entdecke ich die beiden, Marina und Uwe, am Armenhaus Stenz. Ich lüfte meinen Hut, hebe den Pilgerstab, wir grüssen uns aus der Entfernung. Da ich ausgeruht bin, fällt mir das Gehen leicht und ich laufe mit Tempo. Schöner weicher Waldboden, Sonne und Schattenkühle im Wechsel, herrlich. Aber irgendwie, macht mich auch der Gedanke an die Hirschtalgsalbe, die ich heute erstmalig benutzt habe, schneller. Keine Gefahr an “Reibungspunkten”, keine durch Reibungswunden. Das war immer meine Sorge, die letzen Tage gewesen. Denn wenn man sich erst einmal wundgelaufen hat, wird es schmerz- und beschwerlich werden. Ich bin nun völlig unverkrampft.

Ich eile wie der Wind, alles ist leicht, das Gepäck, der Pilgerstab ist nun mein Taktstock. Dies ist eine weitere Funktion des Holzstabes, die sich jetzt mir offenbahrt. Ich halte ihn nur mit dem Mittel- und Zeigefinger der linken Hand. Er bestimmt den Takt, nicht umgekehrt. Er schnellt vor und zurück, vor und zurück. Wir finden unseren Takt, wir beide.

In der offenen Landschaft, auf Feldwegen schaue ich oft zurück, ob ich Marina und Uwe noch sichten kann. Wir haben uns aus den Augen verloren. Wo Anika jetzt sein mag? Sie ist bestimmt schon über alle Berge.
Im Nu bin ich in Tauscha und mache Rast in einem Getränkevertrieb. Ein Liter Johannisbeerwasser auf Ex und ich plaudere mit den Inhabern. “Wo kommen Sie denn her, ursprünglich?” werde ich gefragt. “Aus Berlin.” “Ach, Berlin, da fällt mir ‘ne Geschichte ein. Das war ’53…” Alle kenn’se Berlin und können interessante Geschichten erzählen. Schön!

Aber stramm geht es weiter und nach kurzer Verwirrung, ich dachte, ich wäre vom Weg abgekommen, bin ich schon in Schönfeld. Bin ganz schön verschwitzt, denn die Sonne scheint mit voller Gabe. Es gab wenig Deckung, wenig Schatten auf dem Weg von Tauscha nach Schönfeld. Meiner Sonnenbräune gefällt es.
In Schönfeld mache ich einen kurzen Schlenker am Schloss vorbei und komme ins Grübeln. 17 km habe ich bis jetzt heute hinter mir gelassen, ein guter Durchschnitt, ich könnte eigentlich im Schloss Schönfeld mein Quartier beziehen. Doch es ist erst 13.30 Uhr und ich fühle mich riesig. Voller Energie.

Also ist Schönfeld nur ein Ort zum Rasten. Ich suche eine Bäckerei auf, lasse meine Wasserflasche auffüllen und probiere zwei Stücken Kuchen auf den Stufen sitzend. Eine Rast ist immer gut zum Durchatmen, zum Trinken, zum Essen, aber sie sollte nicht zu lange dauern. Wenn Körper und Geist komplett “herunterfahren”, um anzukommen, dann hat die Rast zu lange gedauert.

Ich breche wieder auf. Bis Großenhain werde ich es wohl noch schaffen. Vorher gibt es eh keine Herberge. Entweder, oder. Es geht wieder durch Wäldchen und Felder. Doch es wird anstrengender, der Rucksack meldet sich. Was will der denn? Ich überlege kurz, ob ich statt auf dem ausgeschilderten Pilgerweg, direkt auf der B98 laufen sollte, das sind dann 5 Kilometer weniger an Wegstrecke zu gehen, knapp eine Stunde Ersparnis. Doch das wäre reiner Selbstmord, denn die LKW rasen in langen Karawanen in beiden Richtungen die B98 entlang. Ein blöder Gedanke.

Der Pilgerweg macht also einen Umweg durch die Landschaft, fernab des Fernverkehrs der Landstrasse. Schon relativ erschöpft komme ich in Quersa an, einem Ort, durch den wieder die B98 führt. Ich lehne mich an eine alte Eiche und halte inne. Halbzeit für die Wegstrecke Schönfeld – Großenhain, denke ich. “Pustekuchen!” Das macht mir Herbergsvater Zenker aus Großenhain gleich klar, den ich anrufe, um mich in der Herberge in Großenhain anzumelden. “Noch mindestens zwei Stunden,” versichert er mir.
Zwei Stunden Wegstrecke, die Sonne brennt. Hinter Quersa komme ich auf einen Feldweg, rechts längst der Bahnstrecke. Eine endloser Feldweg, bis zum Horizont nur Weg, nichts als schnurgerader Weg. Die Sonne brennt und beachtet mich nicht. Warum auch? Ich finde auf diesem Weg zum ersten Mal meinen Meister. Zähne zusammenbeissen, das war vorhin. Das bringt etwas, kurzfristig gesehen. Aber auf diesem Weg hilft auch kein Zähnezusammenbeissen, sondern das Gegenteil. Als hätte ich es geahnt. Entspannte Spannung! Widersprüchlich? Klingt so, ja. Ich kann es aber kaum anders beschreiben. Vielleicht so: Losgelöste Entschlossenheit.

Die Zielrichtung ist klar. Nicht nur einfach Großenhain erreichen, sondern ankommen, wie schon so oft. Kein Gedanke an: “Ich habe keine Lust mehr”, “Ich bin ein Pilger, holt mich hier raus” oder “Anderes Programm, bitte!”
Als der Weg überstanden ist und er vor Folbern in einen Feldweg und anschliessend in eine Allee mündet, bin ich freudig, fast irre vor Freude. Ich singe! (Ja, richtig gelesen: Ich singe!)

Pilgerwanderung auf dem ökumenischen Pilgerweg - Stadt GroßenhainIch singe Fragmente von Soldatenliedern: “Auf hinaus Kameraden, hinein in die Stadt Kameraden. Vereint ziehen wir, zusammen stehen wir…!” Und auch: “Wenn die bunten Fahnen wehen.” Geh’ aus mein Herz und suche Freud”. Wer mich jetzt so sieht, denkt vielleicht wirklich, ein versprengter Landsknecht oder vielleicht eher ein Irrer kommt längst des Weges. Wild gestikuliere ich mit meinem Taktstock, mit meiner Hieb- und Stichwaffe. Oder war es nur mein Pilgerstab? Ich laufe vor und zurück, vor- und rückwärts. Tanze und singe. “Herr Doktor, übernehmen sie…” Ach, muss auch mal sein, oder!”

“Ab Folbern ist es noch eine Stunde!”, höre ich meinen Herbgergsvater von vorhin, als in Quersa war. Eine Stunde, was ist eine Stunde? Ein Zahlenwert. Am Vormittag war diese Angabe für mich noch eine gute Orientierung, jetzt ist es nur noch ein mathematischer Wert ohne Substanz. Mich dürstet, ich schwitze, ich stinke. Die Sonne brennt auf das Gesicht, auf Arme und Waden. Ich mache Rast in einem Getränkemarkt. Trinke wieder 1,5 Liter Johannisbeerwasser auf Ex. Man öffnet mir die Garage, damit ich im Schatten sitzen kann. “Das Wasser im Bauch, nicht in Deiner Flasche, hält Dich am Leben”, erinnere ich mich an das US-Army-Überlebensbuch. Sowas kommt mir in den Sinn, jetzt. “Recht hamse.”

Nach der kurzen Rast, gehe ich weiter, entlang der B98, auf einem geteerten Rad- und Fussweg. Es ist laut, es ist heiss, LKWs donnern vorbei. Ich muss oft innehalten. Stehenbleiben. Rasten. In mich hören. Schmerzen kontrollieren. Die Hirschtalgsalbe hat mich verlassen. Meine Füsse schmerzen. Psychisch ist es eine Herausforderung. Die Arme und die Stirn brennen, meine Sonnenmilch ist längst aufgebraucht. Schweiss, Dreck und Sonnenmilch, eine unheilige Koalition.

Pilgerwanderung auf dem ökumenischen Pilgerweg - GroßenhainEs gibt keine Sitzgelegenheiten, ich bin wieder dabei, die Zähne zusammen zu beissen. Nützt nichts. Bin jetzt eher angespannt. In der Altstadt, kurz vorm Ziel, ich kann den Kirchturm erblicken, ich humpele, der Pilgerstab ist längst kein Taktstock mehr, sonden Gehhilfe, spricht mich ein Mann an, den ich sofort wegen seiner Mimik, der Gemeinde zuordne. “Es sind nur noch wenige Meter, sehen sie das Haus? Dort erhalten Sie den Schlüssel von der Familie Zenker, die Herberge ist gleich da vorne!” Mir kommen die Tränen, “hoffentlich merkt er nichts.” Ich sehe die Herberge. Sie ist verschlossen. Nur noch wenige Meter zum Haus der Familie Zenker. Vor dem Haus der Familie stehen Bänke. Ich setze mich. Und kriege einen Heulkrampf vom Feinsten. Ich will es nicht zulassen, bäume mich innerlich auf und wehre mich dagegen. “Ist aber irgendwie fällig,” weiss ich. Aber bloss nicht zuviel. Ich flenne wie ein Schuljunge, der seine Mutti verloren und wiedergefunden hat. Das, glaube mir lieber Leser, tut so gut!

Ich rappel mich auf und klingele bei Zenkers. Herr Zenker öffnet das Fenster und begrüsst mich, seine Frau kommt herunter. “Mein Gott! Ich bin angekommen!”

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.