Frau Zenker kommt herunter, öffnet die Tür und begrüsst mich herzlich. Wir gehen herüber zur Herberge. Sie schliesst die schwere Eingangstür auf und erklärt mir dabei den Schliessmechanismus und die Lichtschaltungen im Treppenhaus und im Aufgang zur Herberge. Die Pilgerherberge ist im ersten Stock, das Haus ist ansonsten so gut wie unbewohnt.
Im Vorraum, der Pilgerwohnung kann ich mich setzen, Frau Zenker ahnt meinen desolaten Zustand. Ich ruhe mich aus und höre meiner Gastgeberin zu, die mir einiges zu Großenhain erzählt. Wir machen eine Begehung durch die geräumige Wohnung. Wir inspizieren, die Toilette, das Bad. Sie zeigt mir die beiden Pilgerzimmer, die mit Bettern ausgestattet sind und die grosszügige Küche. Das ist jetzt mein Reich, sozusagen. Die Wohnung ist in Eigenleistung renoviert, hat aber noch den DDR-Charmé. Mich erinnert die Wohnung an die 40er Jahre, speziell an den Schwarzweiss-Antikriegsfilm “Die Brücke”, bloss in Farbe. Warum? Das kann ich wirklich nicht erklären.
Frau Zenker empfielt mir ein Fussbad und bietet mir an, auch den nächsten Tag hier zu bleiben, damit ich mich erholen kann. “Wir werden sehen.” Sie verabschiedet sich.
Ich schleppe meine Habseligkeiten in das eine Pilgerzimmer und belege ein Bett, direkt am Fenster mit Blick auf die Marienkirche. Langsam, sehr langsam, schäle ich mich aus der Pilgerkleidung, lege mir Frisches zurecht und schlurfe ins Bad.
Im Bad gibt es keine Dusche, aber Behälter für ein Fussbad und einen Stuhl. Mit überlegten Hangriffen und Bewegungen richte ich mir ein warmes Fussbad her. Und geniesse es. Meine Füsse haben heute ganz schön gelitten. Ob ich Blasen habe? Fehlanzeige! Die Blasenphase habe ich übersprungen, da sind jetzt keine Blasen mehr, sondern, naja. Auf jeden Fall muss ich grossflächiger abkleben…! Sei es ‘drum, ein Indianer kennt keinen Schmerz.
Nach einer langen Weile, bin ich wieder frisch und beschliesse auszugehen. Es ist schon nach 19.00 Uhr und ich muss sehen, was noch offen hat, ich möchte noch eine Kleinigkeit essen. Schlurfend gehe ich die Treppe der Herberge hinab und komme nicht raus. Die Eingangstür klemmt. Ich bekomme sie nicht auf. Ich rüttele an der Tür, versuche dies und jenes. “Verdammt!” Ich beginne zu rufen an, damit mich jemand hört. Ich stehe im Dunkeln. Ein unangenehmes Gefühl. Ich nestele weiterhin mit dem alten Schlüssel in dem historischen Schloss herum. Plötzlich geht die Tür auf. Was war denn das? Das war ja ganz leicht. Wieder so ein überflüssiger, seltsamer Moment, ein Glück erfährt niemand davon.
Draussen scheint noch die Sonne. Erleichtert gehe ich die Strasse zum Stadtplatz entlang. Ich gehe: Zentimeter um Zentimeter in meinen Plasteschlappen. Ich mache einen kleinen Umweg, gehe nicht direkt auf den Platz zu, sondern nähere mich von einer Seitenstrasse. “Ich sehe bestimmt mit meinem Gang sehr merkwürdig aus, das ist mir etwas peinlich”, stelle ich fest, als ich die Gäste eines Eiscafés sehe.
Ich komme an einem indisch / italienieschen Restaurant mit internationaler Küche vorbei, “Sachen gibt’s!”, das ist jedoch nicht nach meinem Geschmack, ausserdem möchte ich draussen sitzen. So ist der Ratskeller Großenhain die erste Wahl. Ich setze mich draussen an den Marktplatz und geniesse wieder die Stadtansicht. Ja, ich mag das Aufgeräumte, das Klassische. Es ist Vertrauen spendend, aber auch regelrecht romantisch.
Die Kellnerin kommt. Ein herzliches Willkommen. Wir plaudern gleich, ich gebe mich als Pilger zu erkennen, schildere ihr, wie ich mich heute hierher geschunden habe, sie spendet mir fast mütterlichen Trost und richtet mir den Tisch her. Ich bestelle etwas zu essen. Was? Was wohl. “Eine Solijanka, bitte.”
Ja, es ist schön hier, ich kann den Platz überblicken. Auch die Solijanka kommt klassisch daher, dieses Mal mit Sahnehäubchen und einer Prise Petersilie darin. Und Toast. Sehr lecker. Was gibt es Grösseres in Großenhain heute abend? Ich kann es mir nicht vorstellen, ich habe doch alles.
Ein Schauer erfrischt die Stadt. Und mich dazu. Erwischt er mich doch, als ich über den Marktplatz zurück zur Herberge tippele. Aber er kommt mir gerade recht, es war doch ein wenig zuviel Sonne heute den Tag über. Davon zeugen mein rotes Gesicht und die Arme. Innerlich habe ich schon beschlossen, auch morgen zu bleiben, eine Pause zu machen, mich zu erholen und die Stadt zu erkunden.
In meiner Herberge angekommen, schreibe ich noch etwas Tagebuch und geniesse die Atmosphäre dieser Räume. Kurz darauf gehe ich ins Bett, blättere in einigen Büchern, die dort vorhanden sind, lausche unter dem geöffneten Fenster liegend, dem Treiben des Städtchens, der Strasse und dem Glockengeläut. Irgendwann, aber erst recht spät in der Nacht, entgleite ich in den Schlaf.
Mehr Infos:
Stadt Großenhain
Marienkirche Großenhain
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