9. Tag. Ich gehe weiter bis nach Zeithain.

Ökumenischer Pilgerweg. Pilgerwanderung von Großenhain nach Zeithain.Ich bin wieder hergestellt, aber noch nicht ganz genesen. Doch ich bin auf dem Pilgerweg. Und nicht auf einer Kur. Und das bedeutet, in Bewegung bleiben. So oder so. Ich verabschiede mich aus Großenhain. Ich werde nicht den Alternativweg über Riesa gehen. Mein Ziel ist klar und überschaubar: Zeithain.

Der Weg ist kurz, aber beschwerlich. Viel Asphalt und Monotonie. Skassa ist schnell erreicht. Ein Modelldörfchen, liebevoll in Szene gesetzt mit Hilfe der ansässigen freiwilligen Feuerwehr. Doch fast verlaufe ich mich am Ortsausgang, verliere die Orientierung. Alles ist so ordentlich. Weiter geht es nach einer Weile, auf ausgebauten Asphaltwegen. Über Weißig gehe ich nach Roda. Die Füsse können sich nicht erholen.

In Rhoda ein Lichblick.
Der Dorfkrug der Familie Linke. Hier gibt es auf Vorzeigen des Pilgerausweises ein einfaches Pilgermahl, wie im Pilgerführer beschrieben. Ich setze mich ins Gartenlokal an einen freien Tisch. Bis jetzt ist nur ein Tisch mit zwei Damen besetzt, die mich grüssen und wohlwollend nicken. Der Kellner empfängt mich und deckt mir mit Stil den Tisch ein. Ich zeige nicht extra meinen Pilgerausweis vor, der aufmerksame Kellner fragt mich von sich aus, ob ich ein Pilgermahl wünsche. Und zählt mir zur Auswahl drei Gerichte auf. Ich nehme den Hackbraten, einen falschen Hasen, mit Kartoffeln und Gemüse. Nach und nach kommen mehr Gäste, alle nicken mir freundlich zu. Ich geniesse das Essen, die Pause, die Stimmung. Weil hier alles so schön und aufmerksam ist, bleibe ich noch ein wenig und geniesse ein Glas Rotwein.

Gestärkt verlasse ich die Oase und gehe wieder meinen Weg.
Ich setze mich in ein Buswartehäuschen vor dem Lokal und versuche die Herberge in Zeithain telefonisch zu erreichen, um mich anzukündigen. Das mache ich selten, aber irgendwie sagt mir meine innere Stimme, die sich übrigens im Laufe meiner Pilgerwanderung mehr und mehr zu Wort meldet, dass dies sinnvoll sei. Doch ich habe keinen Funkkontakt. “Verflucht!” Mit dem Mobiltelefon in der Hand, gehe ich auf Feldwegen Richtung Glaubitz. Nach mehreren Versuchen erreiche ich die Pfarrerin und kündige mich an. “Wir lassen Pilger erst ab 18 Uhr in die Herberge”, erklärt sie mir. Ich grübele. “Dann müssen Sie im Pfarrhof warten, es ist keiner da.” “Na gut”, bestätige ich.

Ich durchquere Glaubitz und laufe dann auf asphaltierten Wegen die B98 entlang. Vorbei an einer Jugendhaftanstalt, an Industrie- und Firmengebäuden. Es ist nach wie vor kein schöner, aber wegen des harten Untergrundes ein anstrengender Weg. Die Füsse und Gelenke schmerzen und ich bereue es, nicht schon in Glaubitz meine Tagestour beendet zu haben. Gegen 15 Uhr erreiche ich den Pfarrhof. Er ist verlassen, doch die Tür steht offen. Auf einer Bank, unter Obstbäumen lasse ich mich nieder, lege das Gepäck ab und die Beine hoch. Der Pfarrhof in Zeithain. Das Pfarrhaus, ein langes Wirtschaftsgebäude samt Garage, ein anderes Nebengebäude und ein Durchgang zum Kirchhof. Ein weiteres Gebäude erregt meine Aufmerksamkeit. “Ob dies der Pilgerbereich ist?” frage ich mich im Geheimen. “Ich hoffe nicht”, denn das Gebäude ist noch im Ausbau. Doch es ist das Pilgerhaus, erfahre ich in Kürze.

Die Pfarrerin kommt nach einer Viertelstunde Warte- und Erholungszeit und nicht erst um 18 Uhr. Das freut mich, denn ich muss mal. Sie begrüsst mich, sortiert ihre Einkäufe, ihre beiden Mädchen tuen es ihr gleich.

Die Herberge ist für mich eine Enttäuschung: Das Pilgerhaus ist noch im Ausbau, Eröffnung ist erst in einem Monat. “Es wird bestimmt sehr schön”, äussere ich mich nach einer Besichtigung, zusammen mit der Pfarrerin. Und das meine ich auch so, wie ich es sage. “Die zukünftigen Pilger können sich freuen!”

Doch ich habe davon heute noch nichts. Auch keine Dusche. Eher eine Waschgelegenheit und WC, öffentlich zugänglich im Pfarrgebäude. Doch hilft ja nichts. Ich wasche mich an einem Waschküchenwaschbecken und auch einiges an Kleidung. Immer mit einer Hand in der Nähe der Tür, auf dem Sprung sozusagen, denn der Waschraum lässt sich nicht abschliessen. Oben am Fenster sehe ich Rockzipfel, Frauen gehen vorbei. Ich bin nicht entspannt und fühle mich noch nicht angekommen.

Die Wäsche hänge ich im Hofgarten auf und beziehe das Wirtschaftsgebäude als meine Herberge für heute. Einen Schlüssel habe ich gerade erhalten. Auch einen, damit ich in das Pfarrhaus zur Toilette gelangen kann. Ich belege eines der Betten und verteile mein Hab und Gut grossflächig auf Tischen, Stühlen und Matrazen, um den grossen Raum zu füllen, Platz ist genug. Der Raum hat auf der einen Seite zum Pfarrhaus hin eine breite Fensterfront. Ich fühle mich beobachtet wie ein Tier in einem übergrossen Käfig. Ich bin noch immer nicht angekommen.

Also gehe ich wieder los. Ich tippele durch den Ort, zum Ortsrand. Dort finde ich Supermärkte. Wieder zurück, aber immer noch nicht angekommen, ist heute abend ein entfernter Verwandter von Lukullus mein Küchenmeister: Es gibt Thunfisch aus der Dose und grünen Bohnensalat. Dazu zwei Bier. Und zum Nachtisch ein Duplo!

Die Rollos zum Sichtschutz benutze ich nicht, denn sonst fühle ich mich noch mehr eingesperrt. Wichtiger ist mir die frische Luft durch das geöffnete Fenster. Ich lege mich hin. Schlaf finde ich diese Nacht kaum. Und zwei Mal muss ich ins Pfarrhaus gehen, auf die Toilette und frisches Wasser holen zum Teekochen.

Nicht anzukommen ist ein Albtraum.
Es kommen keine weiteren Pilger diese Nacht. Schade. Doch ich bin nicht allein: ?Sssssssss, Sssssssss, Ssssssssrrrrrttt, Ssrrttt!” Die Terrormücken sind wieder da und vergnügen sich an mir. Ich habe in den wenigen Momenten des Schlafes Albträume. “Ich bin noch unterwegs, angekommen bin ich heute Nacht nicht. Bis morgen!”

Mir träumte: Traurig schaute der Mond,
Und traurig schienen die Sterne;
Es trug mich zur Stadt, wo Liebchen wohnt,
Viel hundert Meilen ferne.

Es hat mich zu ihrem Hause geführt,
Ich küßte die Steine der Treppe,
Die oft ihr kleiner Fuß berührt
Und ihres Kleides Schleppe.

Die Nacht war lang, die Nacht war kalt,
Es waren so kalt die Steine;
Es lugt’ aus dem Fenster die blasse Gestalt,
Beleuchtet vom Mondenscheine.

H. H.

Mehr Infos:
Dorfkrug Roda

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.