Da ich nicht gut geschlafen habe, komme ich nicht gut aus meinem Herbergslager. Zwischen sieben und acht Uhr habe ich richtig geschlafen, das war aber zu kurz. Das Zusammenpacken dauert. Ich bin gerädert.
Gegen neun Uhr dreißig gehe ich ohne Frühstück los. Werfe den Schlüssel zum Pfarrhaus in den Briefkasten und entsorge die Reste meines “Abendmahls” in einer Mülltonne.
Hinter Gohlis gerate ich auf den Elberadweg. Ein wunderschöner Blick auf die Elbe!
Wind kommt auf und pfeipft mir um die Ohren, es nieselt ein wenig. Radfahrer grüssen mich freundlich. Kurzzeitig wünsche ich mir jetzt auch einen Drahtesel und denke an Radreisen, die ich schon unternommen habe. Doch ich trotze dem Wind, unterhalte mich an einem Wegabschnitt mit Buchen. “Du hast es gut,” sagen sie, “Du kannst weiterziehen.” “Aber ihr habt doch eine wunderbare Aussicht, jeden Tag. Und ihr habt doch euch. Da kann es euch doch nicht langweilig werden?” “Unschlüssig verabschieden sie mich und diskutieren weiter, der Wind ist ihr Moderator.
Fährmann, hol’ über!
Ich laufe durch Elbauen zum Fähranleger. Die kleine Fähre ist am anderen Ufer, in Strehla. Ich sehe den Fährmann. Er hat einen Lärmschutz auf und hantiert mit einem Laubgebläse. “Fährmann, hol’ über”, rufe ich und winke mit meinem Pilgerstab. Er hat mich bemerkt und kommt herüber.
Der Fährmann ist freundlich, aber wortkarg. Während ich meinen Rucksack abesetze, um an meinen Geldbeutel zu kommen, sind wir auch schon am Ufer, in Strehla. Dort wartet schon eine grosse Gruppe von Radtouristen. Die Fahrt kostet mich 80 Cent. Ich gebe einen Euro und verabschiede mich fröhlich. “So eine Seereise ist doch schon was besonderes…!” Ich schaue zu, wie ein Teil der Radfahrer nach Lorzenzkirch geschippert wird.
Gleich um die Ecke befinden sich zwei überdachte Bänke zum Rasten. Ich raste. Und denke an die historische Zusammenkunft des 25. April 1945, wo erstmals US-Truppen und Soldaten der Roten Armee hier an der Elbe aufeinandertreffen. Diese Begegnung wurde am 26. April 1945 in Torgau an der Elbe nachträglich für die Kameras inszeniert und ist heute auch bekannt als ?Elbe Day?. Ein historisches Fleckchen, dieses Strehla.”
Erstes Frühstück.
Auf diesem Jakobsweg folgt doch ein historischer, geschichtlich interessanter Ort auf den anderen, aneinandergereiht wie Perlen zu einer Kette.” Ich halte inne, mit meinem Selbstgespräch, denn ich werde begrüsst. Es ist noch recht früh am Vormittag und mein Gegenüber an diesem Rastplatz prostet mir mit einem Bier zu. “Prost,” sage auch ich und nehme einen grossen Schlück aus meiner Wasserflasche, beisse in meinen Apfel. Während dies mein erstes Frühstück ist, ist er wohl schon seit morgens am Frühstücken. “Bierfrühstück?” frage ich augenzwinkernd.
Er geht nicht darauf ein, fragt mich aber, wohin ich gehen werde. Ich sage ihm, dass ich es nicht weiss, ich bin sehr müde heute. “Ich folge dem Muschelweg.” “Was, bis nach Spanien?” fragt er ungläubig. “Wieviel zahlen die dir denn dafür?” “Nichts!” entgegne ich mürrisch.
Die Müdigkeit macht sich gerade sehr bemerkbar, am Liebsten würde ich mich jetzt auf die Bank legen und schlafen. Doch jetzt ist anscheinend Konversation angesagt. Ein Frau kommt aus dem nebenstehenden Haus zu uns herüber, zwei Flaschen Bier in der Hand. Jetzt ist mein Gegenüber erst einmal freudig abgelenkt. Ich schaue den beiden schweigend zu. “Wieviel zahlen die denn Dir für den Weg? Sie müssen doch was zahlen!” fragt er mich wieder. “Nein, mein Freund, sie zahlen nichts, ich spende für meine Unterkünfte. Ich gehe den Weg freiwillig. Es ist mein Urlaub. So ist das!”
Immer noch ungläubiges Staunen. “Er hat da was nicht verstanden”, sagt er zu seiner Bekannten. “Die zahlen immer was, ich möchte das auch machen. Schon seit Jahren. Ich weiss aber nicht, wie ich an die Adressen komme.” Die Bekannte sagt nur: “Mach’ mal. Er wird schon recht haben. Haste doch gehört.” Er lässt sich nicht abbringen, erzählt mir von seinen Fahrten mit dem Fahrrad in die Umgebung. Er kennt alle und jeden. Er ist ein grosser Organisator.
Bloss nicht mehr ganz so nüchtern. Die Unterhaltung gestaltet sich schwierig. Ich rate ihm, den Pilgerführer im Internet zu bestellen, meinen kann ich nicht hergeben. “Ach, Internet! Soso. Nee, dit geht nich. Aber ich kann ja meinen Buchhändler mal fragen.” “Gute Idee,” pflichte ich ihm bei und schreibe ihm die ISBN-Nummer des Pilgerführers auf. Er freut sich. Und bedankt sich prompt mit einem Paar frischer Roßknacker bei mir und der Empfehlung, beim nächsten Netto eine Semmel zu kaufen, damit hätte ich dann ein fabelhaftes zweites Frühstück. “Prima und vielen, vielen Dank”, verabschiede ich mich.
Ich bin noch sehr müde, gebe mir einen Ruck.
Einige Meter weiter, gehe ich zu Netto und kaufe mir eine Semmel. Aber eine Heringssemmel.
Weiter geht’s. Aber so richtig in Stimmung bin ich noch immer nicht. Zwar bin ich jetzt nach dem Frühstück gestärkt, aber immer noch müde. Nach zehn Minuten durch die Stadt, führt mich der Jakobsweg an die Kirche und das Pfarrhaus Strehla.
Beide Gebäude sind geschlossen. Das Pfarrhaus ist frisch renoviert und sieht sehr einladend aus. Ich setze mich auf eine Bank und bin am Grübeln. “Und nü?” frage ich mich. Ich bin fast am Einschlafen. Knapp neun Kilometer gepilgert, das kann doch noch nicht mein Tag gewesen sein? “Warum nicht, wenn ich doch so müde bin? Und das Wetter ist auch sehr frisch.” Ausserdem sind es bis nach Dahlen, dem Ort mit der nächsten Herberge, noch schliesslich achtzehn Kilometer. 18 Kilometer, sind 18 Kilometer, sind 18 Kilometer, sind fast 4 Stunden Gehzeit. Und das mit den Füssen. “Aber was soll ich den ganzen Tag in Strehla? Anikas Vorsprung wird gross und grösser!” Ich gebe mir einen Ruck!
Von Strehla gehe ich nach Dahlen.
Ein Ruck geht durch mich durch, ich stehe auf und gehe los. Mir wird warm, die Lebensgeister kehren zurück. Mir scheint, als wäre Strehla heute meine Herberge gewesen. Ich gehe los, als wäre dies meine erste Tagesetappe.
Der Weg nach Lampertswalde ist fast schnurgerade. Es ist ist diesig, ab und zu nieselt es. Der Himmel ist bewölkt, doch die Sonne kann sich nicht entscheiden, durchzustossen. Doch ich erwische sie und stelle sie zur Sprache. Doch sie lächelt nur auf mich herab und verschwindet wieder. “Heute spielt sie wohl verstecken oder ihr geht es so, wie mir heute morgen.” Da kann ich nichts machen. Eine leichte Steigung macht sich bemerkbar. Nichts aussergewöhnliches, ich nähere ich mich doch dem Liebschützer Berg. Und freue mich auf eine warme Suppe.
In einem Waldstück lege ich mich an den Wegesrand und döse vor mich hin. Blinzele durch die Eichenkronen und fange kleine Regentropfen mit der Zunge auf. Nach einer Weile wird es mir zu kühl und ich gehe weiter.
Die Mühle und Restauration am Liebschützer Berg hat heute geschlossen. “Schade,” denke ich mir, doch es bekümmert mich nicht weiter. Der Himmel verdunkelt sich blitzartig, fast als wäre es schon Abend. Der Wind pfeift wieder über die Wiesen und Felder, der ganze Horizont ist dunkel. “Wie verhält man sich jetzt eigentlich bei einem Unwetter, bei Blitz und Donner”, fährt es mir in den Sinn? Auf diesem Weg gibt es keine Deckung, der einzige hohe Punkt bin ich, abgesehen, von vereinzelten kleinen und klapprigen Jagdhochsitzen und neugepflanzten Jungbäumen. Mir wird vor diesem Szenario ein wenig mulmig. “Aber was soll’s?” Wird sich schon eine Lösung finden, falls der Himmel seine Schleusen öffnet und Blitze den Weg erleuchten. Aber so kommt es nicht. Der Himmel öffnet sich und wird wieder fast blau, die Sonne kommt langsam durch.
Das Paradies war eine Oase, diese Oase ist ein Paradies.
Ich komme in Lampertswalde an. Im Pilgerführer wird von einer Oase gesprochen. Der Pilgerweg führt durch einen Park zur Dorfkirche, die sich dort befindet. Ich zögere. Ich könnte jetzt abbiegen und statt durch den Park, die Strasse entlang, den Pilgerweg verlassend, ein wenig abkürzen. Die Wegführung durch den Park scheint mir doch ein Umweg zu sein.
Doch ich gehe in den Park. Und komme in eine Oase. In eine paradisische Oase. Mir scheint, als herrsche hier ein ganz anderes Klima, ein eigenes. Ein schöner Park. Ein Platz zum Innehalten. Ich setze mich an einen grossen Teich und schaue einem Schwanenpaar zu. Ich geniesse die Luft, die Spiegelungen im Wasser, die Bepflanzung, das Spiel kleiner Nebelschwaden, die Andächtigkeit und Ruhe. Das besondere Klima. Ich atme. Ich atme bewusst ein, halte die Luft und atme wieder aus. Das mache ich eine kleine Weile, ich befinde mich in meiner ganz besonderen kleinen, heilen Welt.
Da stört es mich auch nicht, dass einige Meter von mir entfernt gearbeitet wird. Die Parkbrigade ist am Hausumbau und Renovierungen. Ein Gebäude bekommt gerade den letzten Schliff. Es wird wohl ein Parkcafé. Kommende Besucher und gerade Pilger werden sich freuen. Ich freue mich auch so und schaue entrückt, aber nicht verrückt, dem Treiben freudig und gelassen zu.
Ein Arbeiter kommt in meine Nähe an den Steg. Er lockt das stolze Schwanenpaar zu sich. Er kann Schwänisch. Mit Schnalzlauten lockt und ruft er. Die Schwäne kommen zu ihm an den Steg. Man kennt und versteht sich. “Schöööön!”
Ich kann nicht ewig hier sitzen und diese Schönheit betrachten. Ich breche wieder auf. Der Weg führt mich doch vorerst nur wenige Meter weiter in die grüne Sakristei der baufälligen Dorfkirche. Es ist ein kleiner Kontrast. Die Kirche ist sehr renovierungsbedürftig und strömt die Ernsthaftigkeit vergangender Epochen und den Verfall aus. Doch sie wirkt trotzdem sehr belebt. Das liegt nicht nur an dem kleinen Tischchen, vor dem ich stehe. Auf dem Tisch befinden sich frisches Wasser, Früchte und Gebäck und lädt mich als Pilger zum Verweilen ein. Diese kleine Stärkung nehme ich gerne an, nasche vom Gebäck, trinke Wasser und esse die Roßknacker, die ich seit Strehla in meiner Tasche habe. Ich spende für das Gebäck und separat für den Erhalt und die Renovierung des Kirchgebäudes.
Weiter gehe ich, blicke mich noch oft zur Kirche und zur Parkoase um, bis ich wieder auf dem Feldweg nach Dahlen bin.
Ich gehe vorbei am Highlanderhof, der im Pilgerführer erwähnt ist. Ich hatte mir vor Tagen vorgenommen, auf diesem Hof zu übernachten, eine Nacht auf dem Bauernhof, das hätte mich gefreut. Doch die Vorfreude ist von gestern, ich fühle mich jetzt einfach zu gut, um jetzt am frühen Nachmittag, schon die Herberge aufzusuchen. Wer hätte das heute morgen noch gedacht? Ich luge kurz durch das Hoftor, kann aber keine Rindviecher entdecken und gehe weiter.
Ich komme in Dahlen an und folge dem Herbergszeichen.
Nach knapp einer Stunde erreiche ich Dahlen und folge dem Weg des ersten Herbergszeichens. Plötzlich macht sich doch Erschöfpung in mir breit. Die Füsse sind platt. Doch zur Herberge kann es nicht mehr weit sein. Denkste.
Nach einer Weile, bergab befinde ich mich im Ort und habe das Herbergszeichen aus dem Auge verloren. Stattdessen folge ich wieder dem Muschelzeichen. Vielleicht liegt das an der Baustelle. Die Strasse ist aufgerissen, eine Brücke wird saniert. Ich muss einen Umweg gehen. Nach einer weiteren Weile, neben der Erschöpfung und fehlenden Orientierung macht sich schlechte Laune bemerkbar. Ich spreche einen Bürger an: “Hallo, wo geht es denn hier zur Jugendherberge?”, frage ich. “Na, da lang,” zeigt er mir den Weg. Er zeigt in die Richtung, aus der ich kam. “Na, prima,” denke ich.
Ich mache kehrt, gehe an der Baustelle nun ein zweites Mal vorbei und eine leichte Steigung hoch, den Weg entlang. An einer defekten Telefonzelle, soll es zur Jugendherberge gehen. Ich kann sie in der Ferne erkennen. “Wahrlich, hier ist die Jugendherberge.” Gleich bin ich da, nur noch den Hügel herauf, ich freue mich.
Die Jugendherberge ist ein grosses Ferienlagergelände mit Haupthaus und Nebengebäuden, Zelt- und Feuerplätzen. Ich gehe zum Haupthaus. Oben an der Tür hängt ein Zettel. Ich lese und erstarre. “Die Jugendherberge ist bis zum 12.08. geschlossen. Gez: die Herbergsleiterin” Na, wunderbar! Richtig klasse. Ich bin wütend. Konnte mir der Einwohner von vorhin doch gleich sagen. Deswegen ist hier auch alles so verwaist. “Und nü?”, frage ich mich heute nicht zum ersten Mal.
Ich schaue mich um. “Ich lege mich einfach für diese Nacht in einen Feuerplatzpavillion.” Oder nicht? Oder doch?
In Dahlen gibt es die Linden-Pension, steht im Pilgerführer. Ich rufe erst einmal dort an. Ja, man hat noch ein Bett, ansonsten ist man ausgebucht. “Wunderbar! Warten Sie auf mich! Ich nehme das Zimmer. Ist es weit? Knapp eine viertel Stunde, ja? Ich bin in einer halben da, ich nehme das Zimmer, ja?!” Klasse. Herberge ist in Sicht! “Tschüss, Jugendherberge, du bist nichts für mich!”
Ein drittes Mal komme ich an der Baustelle vorbei und gelange auf den Stadtplatz, in der Hoffnung einen Strassenplan zu finden, der mir den Weg zur Weststrasse erklärt, denn dort befindet sich die Linden-Pension. Doch ich finde keinen Stadtplan.
Jetzt sind konzentrierte Aktionen und Handlungen angesagt, denn das Gehen fällt mir schwer. Noch mehr Umwege möchte ich jetzt nicht mehr gehen. Nur noch ins weiche Pensionsbett. “Ja!”
Also fragte ich auf dem Marktplatz erst die Kinder, dann die Eltern einer Familie nach dem Weg zur Pension-Linden in der Weststrasse:
?Ja, die ist da, wo die alte Schule ist!?
Ich: ?Die alte Schule? Ich weiss auch nicht wo die alte Schule ist.?
?Na, nahe am Bahnhof!?
Ich: ?Achso!?
Man zeigt mir den Weg mit Händen und Füssen. Mit einer konzentrierten Aktion oder brauchbaren Information hat diese Auskunft nicht zu tun. Ich gehe weiter über den Marktplatz. Ein älterer Herr hat die Szene beobachtet und zugehört. “Sie wollen zur Linden-Pension? In der Weststrasse?” “Ja, genau”, ich schöpfe wieder Hoffnung. “Das ist gleich dort.” Er zeigt mir den Weg. Am Platz kurz geradeaus, dann einige Meter links, dann bin ich da. Das ist doch eine unvermißständliche Auskunft! In wenigen Minuten stehe ich vor dem Hof der Linden-Pension. Ich pfeife ein Liedchen.
Der Hof ist noch in landwirtschaftlicher Nutzung. Bauernhof und Pension! Wunderbar. Das hat aber lange gedauert. Doch ich bin angekommen. Richtig angekommen! Mal wieder. Freudestränen rinnen mir über das Gesicht.
Ich bin nicht allein.
Richtig angekommen bin ich, in Dahlen, in der Linden-Pension. Ich gehe über das Kopfsteinpflaster zum rechten Seitenpflügel des Bauernhofes, denn dort sehe einige Stühle stehen, die Tür zu Wohnung der Gastgeber ist offen. Ich klopfe an. Ich werde freundlich von der Frau des Hauses, Frau Schober, begrüsst. Eilig holt sie mir einen Schlüssel und wir gehen zusammen zum anderen Seitenflügel, vorbei an der grossen Scheune.
Die Pensionsräume sind frisch renoviert. Das Erdgeschoss ist eine offene, moderne Küche und gleichzeitig auch Aufenthaltsraum. Ich folge, noch voll bepackt, meiner Gastgeberin die Treppe hoch. “Das erste Zimmer gleich, links. Das ist Ihr Zimmer,” sagt sie mir und schliesst auf. Ich schaue mich um und bedanke mich. Wir vereinbaren das Frühstück für acht Uhr dreissig. Sie verabschiedet sich. Ich stehe im Zimmer und freue mich, lege mein Gepäck ab, setze mich hin und ziehe die schweren Wanderstiefel aus. “Was für ein Tag, das waren heute doch noch knapp 26 Kilometer geworden. Das hätte ich heute morgen nicht gedacht!” Nun bin ich froh, dass die Jugendherberge geschlossen hat. Endlich habe ich eine Dusche, für mich alleine, sogar. Zwei Tage bin ich ohne ausgekommen.
Nachdem ich mich ausgiebig frisch gemacht, das Bett pilgergerecht bezogen und kurz mal den Fernseher angemacht habe, bin ich ausgehbereit. Ich sehe mich in der Küche um und finde Nudeln. Eigenes Proviant habe ich heute nicht mehr dabei. Das heisst Ausgehen, also. Ich frage nach einem Gasthof, um nicht sinnlos durch die Gegend streifen zu müssen, denn meine Füsse sind heute abend wieder richtig platt.
Frau Schober empfiehlt mir ein Restaurant in der Nähe. Ich finde es auf Anhieb. Draussen wird nicht mehr serviert, Solijanka gibt es leider nicht. “Macht nichts!” Ich bestelle einen Salat mit Parmesan und ein Bier, ordne die Gegenstände auf dem Tisch, packe mein Tagebuch aus und beginne zu schreiben. Der kleine Gastraum ist übersichtlich, zwei Tische weiter sitzt ein Paar beim Essen. Sie unterhalten sich über’s Pilgern. Ich grüsse und gebe mich auch als Pilger zu erkennen. Ich glaube, sie wohnen mit mir in der Linden-Pension, denn an der Treppe dort, standen zwei Paar Wanderschuhe.
Meine Vermutungen sind richtig. Ich setze mich an den Nachbartisch und komme nicht mehr zum Schreiben, denn wir unterhalten uns prächtig. “Sie müssen dann der Christian aus Berlin sein?” werde ich eingangs gefragt. Ich bin verwundert. Es stellt sich heraus, dass die beiden auch in Großenhain Station gemacht haben. Sie haben zwar nicht dort übernachtet, aber das Gepäck für einen Stadtbummel von Frau Zenker unterstellen lassen und so über mich erfahren. Ausserdem haben sie meine Gästebucheinträge gelesen. Die beiden kommen aus Augsburg und pilgern, seit sie in Rente sind. Auch in Santiago del Compostello waren sie auch schon. Viele Erzählungen, Anekdoten, eins, zwei Bier, etwas Rotwein später, gehen wir gemeinsam “nach Hause” zur Pension und verabreden uns zum Frühstück. Ich bleibe noch draussen im Hof etwas sitzen, geniesse die abendliche Stimmung und eine Zigarette.
Wieder im Zimmer, schaue ich ein wenig Fernsehen. Erst Nachrichten, dann eine Komödie. Schnell schlafe ich ein, schlafe tief und fest. Und aus.
[CMS]
die Schätze des Lebens
liegen vor deiner Nase
öffne die Augen und greif zu
bau dir aus den Steinen
die dich dein Leben lang
zum Stolpern brachten
einen Weg,der dich direkt zur
Sonne führt
atme das helle Licht
streichle sanft die Erinnerung
umarme liebevoll die Hoffnung
wärme dich an deinen Träumen
löse dich von der Wehmut
und lebe den Augenblick….
Verfasser unbekannt
Mehr Infos:
Highlanderhof Lampertswalde
