11. Tag. Nepperwitz, ich finde leckere Jakobsmuscheln.

Pilgern auf dem Jakobsweg, auf dem ökumenischen Pilgerweg von Görlitz nach Vacha.Pünktlich um acht Uhr dreissig bin ich zum Frühstück fertig. Das Pilgerpaar aus Augsburg ist auch schon da und frühstückt bereits. Wir unterhalten uns über das Wetter und über die richtige Bekleidung für heute, denn es regnet leicht. Wir verabschieden uns, denn ich muss noch in Ruhe und Sorgfalt packen, denn ich müchte für den Dauerregen gewappnet sein. Ich brauch ungefähr eine Stunde zum Packen.

Da ich auf GoreTex und andere wasserabweisende Materialien verzichtet habe, verpacke ich alles in farbige Kunststoffbeutel, jeden einzelnen Gegenstand, jedes Bekleidungsstöck. Das ist eigentlich nichts besonderes, nur heute bin ich sorgföltiger. Der Rucksack wird auch umgepackt, den Regenponcho schnöre ich aussen fest. So ist er schnell griffbereit und ist gleichzeitig Regenschutz för den Schlafsack. Ich ziehe die Regenjacke und die Gamaschen an und trete aus dem Haus. Jedoch nicht ohne mich im Göstebuch einzutragen.

Gehe heröber zu Frau Schober und bezahle. Schnellen Schrittes bin ich wieder auf der Spur und aus Dahlen heraus, auf weitem Feld. Es nieselt leicht und bestöndig. Kleine Tröpfchen sammeln sich auf der Kleidung. Doch es ist herrlich. Es ist frisch und angenehm. Die öpfel an den Alleen schmecken heute schon besser. Sie sind reifer.

Ich nehme die Spur zu meinen Mitpilgern auf, die knapp eine Stunde Vorsprung haben. Das feuchte Wetter begönstigt das Föhrtenlesen. Links des Weges sind die kleineren Schuhsohlenspuren, rechts die grösseren. Mal kreuzen sie sich, mal scheinen sie hintereinander zu gehen. Ich bin schnell wie der Wind, hoffe sie beide einzuholen. “Ich kriege Euch noch!”

Schnell bin ich in Börln und dann schon kurz vor Heyda, wo der Weg vor dem Ort, nach einer möhseligen, schlecht einsehbaren Strasse, wieder auf einen Wald- und Feldweg nach Dornreichenbach abbiegt. Ich mache Bekanntschaft mit einem Förster und seinen beiden schwarzen Hirtehunden, die neben seinem Landrover entlang trollen.
Bis sie mich sehen. Sie störzen sich bellend und drohend mir entgegen, der Förster ist entspannt. Ich auch. Vorerst. Sie sind wild, haben mich umringt und lassen mich nicht weitergehen. Jetzt wird mir mulmig. Sie haben mich gestellt! Ich kann nicht vor oder zuröck. Ich rufe dem Förster zu: “Nehmen Sie die Hunde zuröck!” und reisse meine Arme drohend hoch. Jetzt hat auch der Waldhöter die Lage erkannt, steigt aus seinem Fahrzeug und ruft die Tiere zuröck. Ich bin erleichtert. “Meine Göte, was war denn das?” entföhrt es mir, ich zittere ein wenig. “Ach, die machen nichts, die Spielen nur.” Ein Klassiker. Auf jeden Fall weiss ich jetzt, wie sich so eine Situation anföhlt.

Weiter gehe ich schnellen Schrittes, jetzt auch, um den Abstand zum Förster und seinen drolligen Hunden zu vergrössern. Aber auch, um meine beiden Mitpilger einzuholen. So bin ich in Körze in Dornreichenbach und mache eine kleine Rast in einer hölzernen Buswartehalle, ziehe meine Schuhe aus und entspanne. Und schaue mich immer wieder um, ob ich das Pilgerpaar aus Augsburg entdecken kann.

Ich kann sie nicht sehen, weiss nicht, ob sie noch vor oder hinter mir sind. “Schade”, denke ich und gehe wieder los. Kurz vor Wurzen, wird das Wetter ungemötlicher, ich stelle mich unter. In Wurzen muss ich nicht mehr auf der Strasse laufen, es gibt Pilger-, öhm, Börgersteige. Das hat den Vorteil, dass ich vor den ausweichenden PKWs auf regennasser Fahrbahn und Spritzwasser geschötzt bin. Ich komme von Osten in die Stadt, sie wirkt gegen Mittag noch wie ausgestorben. Ich bin nun auch auf der Suche nach einem warmen, trockenen Platz, denn die Kleidung ist ein wenig klamm und feucht.

Pilgern auf dem Jakobsweg, auf dem ökumenischen Pilgerweg von Görlitz nach Vacha.So erreiche ich als erstes die Kath. Herz-Jesu Kirche. Es ist jetzt so gegen 13.30 Uhr und ich dröcke die Klinke der Kirchentör herunter. Und öffne die schwere Tör einen Spalt. Und erschrecke. Zwei weitere Gesichter, hinter der Kirchentör schauen mir ebenso mit erschreckten Gesichtern entgegen. Es sind Braut und Bröutigam, die gerade zum einsetzenden Glockenlöuten, zur Gemeinde an den Altar schreiten wollen. Ich murmele “Ich wönsche Euch das Beste.” Das Orgelspiel setzt ein. Ich schliesse die Tör. Das war ein schlechtes Timing.

Humorisch ziehe ich weiter und suche einen Kaufmannsladen oder einen Supermarkt. Es ist Samstag, und ich habe noch keinen Proviant einkaufen können. Alle Löden haben schon geschlossen, ausser einige Fast-Food-Löden und dem Ratskeller. Dort gehe ich hinein. Und mache eine Bierpause.
Schnell kommt ein Gespröch mit Wirt und Wirtin, mit anderen Gösten am Nachbartisch zustande. Es geht um das öbliche Wie, Warum, Wieviel und Wohin. Ein Tischnachbar setzt sich zu mir heröber, seine Freunde verabschieden sich. Er ist Gartenbauer. Ja, es gibt hier Arbeit in Wurzen, aber nicht för alle, man muss improvisieren, erzöhlt er mir. Wir reden öber Berlin, das zweite Bier ist schon bestellt, öber dies und das. Ein angenehmer Gespröchspartner. Ich taue auf, meine Kleidung trocknet sich. “Heute werde ich noch bis nach Nepperwitz gehen!” beschliesse ich, das Wetter ist mir egal, ich bin guter Dinge, das zweite Bier zeigt seine Wirkung. Mein Gespröchspartner empfiehlt mir noch das Schloss Pöchau zu besuchen, es lohne sich. Wir mössen gehen. Der Ratskeller schliesst zum Nachmittag. Draussen regnet es. Ich zahle und verabschiede mich. Der Wirt macht mich auf zwei Wandersleute auf dem Stadtplatz aufmerksam. Ich renne heraus und begrösse freudig das Pilgerpaar aus Augsburg mit einem grossen “Hallo!”

Doch hier trennen sich unsere Wege. Das Paar macht in Wurzen Endstation und begibt sich auf die Suche nach einer Pension. Ich gehe Richtung Nepperwitz, ohne zu wissen was mich dort erwartet. Als ich hinter Wurzen die Mulde öberschreite, öffnet der Himmel seine Schleusen. Jetzt regnet es richtig! Regen und Wind kommen von vorne. Ich haben nun auch meinen Regenponcho an, die Kapuze nur noch einen Schlitz offen, als wenn ich eine Burka tragen wörde. Nepperwitz liegt vor mir, ich schreite voran und biete Regen und Wind die Stirn. Ich geniesse es, denn mir ist nicht kalt, und ich bin weiterhin trocken. Der Regen wird störker, mein Wille dagegen noch störker.

Die Gemeinde Nepperwitz erreiche ich gegen 15.30 Uhr und stehe vor der verschlossenen Gemeindehaustör. Der Pfarrer und seine Familie sind verreist. Doch der Zettel an der Tör beschwichtigt. Frau Möller im Ort hat den Schlössel zur Herberge, zum Gemeindehaus. So gehe ich wieder zuröck, durch den Ort, verlaufe mich in Sackgassen. Jetzt geföllt mir das Regenwetter gar nicht mehr. Es ist etwas anderes, wenn man ein klares Ziel, einen festen Anlaufpunkt vor Augen hat. Das störkt die Motivation und den Willen.
Nach einigem Herumirren finde ich den Hof von Famile Möller an der Hauptstrasse, der Irren hat ein Ende. Frau Möller holt den Schlössel zur Herberge und zur Kirche und begleitet mich zuröck. Sie schliesst mir das Gemeindehaus auf, gibt mir den Schlössel, bittet mich hinein und verabschiedet sich.

Da bin ich nun und stehe hier wieder und staune wieder einmal öber das mir entgegen gebrachte Vertrauen. Nachdem ich meine moddrigen Schuhe und die Gamaschen ausgezogen habe, gehe ich die Treppe in die obere Etage hoch. Oben befindet sich der Teil des Gemeindehauses, der auch als Herberge dient. Viele Röume, ein Zivizimmer, in dem sich die Matratzen befinden und das Jugendcafö. Das Jugendcafö ist eine grosse Köche, mit Tisch und Bar. Ja, mit einem Bartresen. Und hier gibt es alles, för ein Abendessen. Ich schaue in den Köhlschrank, auch der ist gut bestöckt: Wurst, Köse, Marmeladen. Im Tiefköhlfach gibt es Brot, zum Auftauen. Im Tiefköhlfach tiefer, befindet sich ein grosser Beutel. “Was da wohl ‘drin ist? Brötchen?” Brötchen?! Ja, und was för welche. Es sind grosse Jakobsmuschelbrötchen! Kleine Brote, sozusagen. “Wer macht denn sowas?”, freue ich mich. Und nehme drei Stöck zum Auftauen heraus und koche mir einen Fröchtetee.

Toll, immer wieder diese öberraschungen. Diese schönen Momente. Das ist der helle Wahnsinn. “Hier bleibe ich gerne heute Nacht!”

Die Leichtigkeit des Seins oder warum ich mich nicht zu sorgen brauche.
Ich bereite mir mein Nachtlager im Zivizimmer des Ev. Jugendbegegnungshauses. Es ist das einzige Bett, das hier vorhanden ist. Wer nach mir kommt, muss mit Matrazen vorlieb nehmen. “So, und jetzt gibt es Abendbrot!”. Es ist seltsam, sooft habe ich mir Gedanken oder Sorgen gemacht, die letztendlich nicht nötig waren. Doch man kann es nicht vorher wissen.

Am ersten Tag zum Beispiel erwartete ich nichts, und bekam eine Menge an Schönem. Am fönften Tag dröngelte ich, war unruhig und konnte das Sonnenbaden bei Kamenz nicht recht geniessen, ich quölte mich nach Schwosdorf und erhielt somit auch nichts Schönes. Heute machte ich mir Gedanken öber den Provianteinkauf, zum Glöck nur am Rande, ohne Besessenheit, ohne Sorge, ich sah dem Tag entspannt entgegen und kam in dieses wunderbare Haus, mit Bett, Dusche und gefölltem Köhlschrank, und fand sogar riesige, selbstgebackene Jakobsmuschelbrote. Diese Freude war gross.

Fast jeden Tag passierte mir so etwas. Sind das Wunder? Ich weiss es nicht, es hat wohl mit der Leichtigkeit des Seins zu tun. Da kommt mir ein Batiktuch in den Sinn, ein blaues mit Vögeln darauf. Es hing öber dem Sofa im Wohnzimmer eines alten Paares in Schweden. Darauf stand: ?Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie söen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater ernöhrt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr wert als sie?? Das Paar kannte sich seit der Jugend und sie haben viel durchgemacht zusammen. Doch zwischen ihnen und zu anderen merkte ich immer eine liebende Leichtigkeit, die mich sehr beeindruckt. Bis heute. Damals hatte ich den Spruch noch nicht richtig verstanden, las ich ihn doch, als Freibrief zur Taten- und Verantwortungslosigkeit. Gerade heute, wird mir die Sinnhaftigkeit bewusst. Ich kann bis heute sagen, dass jeder Tag bisher auf dieser Pilgerwanderung, besonders in dieser Hinsicht, för mich persönlich lehrreich war. Danke!

Es ist Abendbrotzeit.
Ich koche mir eine Kanne Pfefferminztee und bereite mir das Abendbrot. Brot, Butter, Leberwurst- und Köseschnittchen. Wörend ich esse, lese ich. Dieser Abend ist klasse. Doch er wird noch besser.

Es klopft an der Tör. Ein Fahrradpilger steht vor der Tör. Er heisst Thomas. Wir machen uns und ich ihn mit dem Röumlichkeiten bekannt. Und essen zusammen Abendbrot. Bis spöt unterhalten wir uns öber das Pilgern, öber unsere Berufe und unsere Werdegönge in Ost und West. Es sind angenehme und anregende Gespröche bis in die fröhe Nacht.
“Gute Nacht!”

[CMS]

Mehr Infos:
Herz Jesu Wurzen
Schloss Pöchau
Ev. Jugendbegegnungshaus Nepperwitz
Ort Nepperwitz und Pop-Art Kirchenaltar der Kirche Nepperwitz

Kochen mit Jakobsmuscheln. Rezepte:
Jakobsmuscheln im Basilikum – Tomatenfond von besterezeptesuche.de
Jakobsmuschel in Cidresahne von kochmix.de
Jakobsmuschel-Carpaccio von gofeminin.de
Was ganz besonderes, wie ich finde: jakobsmuschel mit Champagnersauce auf Christstollen von chefkoch.de
Ganz einfach: Jakobsmuscheln mit Butter von daskochrezept.de

Bildrechte des Bildes der Herz-Jesu Kirche in Wurzen: Kath. Pfarramt Herz Jesu, 04808 Wurzen

Nöchster Bericht >>>

About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.