Thomas verabschiedet sich schon in der Frühe. Wir sind beide ganz froh, denn es regnet nicht mehr. Ich frühstücke in Ruhe. Es gibt ein Jakobsmuschelbrötchen mit Marmelade. Die anderen zwei Muschelbrote, die ich gestern zum Auftauen herausgelegt habe, packe ich in meinen Rucksack, die nehme ich als Gastgeschenk zur nächsten Herberge mit. So trage auch ich mich zum Abschied in das Gästebuch ein, schultere mein Gepäck und verstaue Pilgerstempel und Stempelkissen in einem Beutel, um diesen, zusammen mit meiner Spende und dem Hausschlüssel, wieder bei Frau Müller abzugeben. Aber nicht ohne in die Kasse des Vertrauens für die entnommenden Lebensmittel zu zahlen.
Es ist kurz vor zehn Uhr am Morgen, Zeit für den Sonntagsgottesdienst. Mein erster, auf meiner Pilgerwanderung. Besonders angezogen bin ich von den Geschichten über den Pop-Art-Altar der Kirche in Nepperwitz. Und gespannt dazu. Ich gehe herüber zur Kirche und werde vom Küster als Pilger begrüsst. Ich setze mich auf eine der noch leeren Kirchenbänke, in der Nähe zur Tür. Es wird zehn, die Kirche füllt sich nach und nach. Das hätte ich nicht gedacht. Kurz bevor die Pfarrerin eintrifft, kommt noch ein Rucksackpaar herein. Wir mustern uns. Wir denken bestimmt ähnliches: “Bestimmt Pilger.”
Während der Predigt schaue ich unablässig zum modernen Flügelaltar. Die Kirche ist durch ein modernes Altarbild bekannt geworden, das der Leipziger Künstler Michael Fischer geschaffen und der Kirchgemeinde geschenkt hat, nachdem das Muldehochwasser 2002 das Kircheninventar zerstört hatte. Man war sich nicht sicher und es gab zahlreiche Diskussionen, ob dieser Pop-Art-Altar “kirchengerecht” ist und so entschied man, nach einem Jahr Probezeit in 2007, den modernen Flügelaltar zu behalten.
Ich denke mir: Die Kirche ist für die Menschen. Heute ist die Kirche für die Leute von Heute. So war sie es auch in der Vergangenheit. Kirche wieder als etwas Modernes, Progressives zu begreifen, auch mit Hilfe der modernen kunstvollen Ausgestaltung eines Altares. Man kann sich daran stören und reiben, auch dann erfüllt es einen weiteren Zweck, nämlich Diskussionen. Und die sind wichtig, um Neues zu schaffen.
Während der Predigt erfahre ich, dass es heute der Tag Israels ist, der Gottesdienst der Pfarrerin und des Küsters fällt sehr alt-testamentarisch aus. Er steht im krassen Kontrast zu meinen Altargedanken von eben und zu meinem Empfinden und meinen Erlebnissen der Pilgerwanderung. Zum ersten Mal verlasse ich den Gottesdienst zum Ende verwirrt und ich kann sagen, auch enttäuscht. “Da hilft auch kein Pop-Art-Altar”, höre ich mich zum Abschied sagen.
Hoffentlich macht sich Frau Müller noch keine Gedanken, wegen des Schlüssels und des Stempels, der Gottesdienst schien mir sehr lang gewesen. Hurtig gehe ich die Strasse hinab, zu ihrem Hof. Und treffe sie im Gespräch mit dem Pilgerpaar aus der Kirche. Sie haben mich alle drei erwartet: “Da kommt der Stempel!” werde ich begrüsst. So kommen wir zusammen, die beiden erhalten den Pilgerstempel für diese Station, ich bekomme von Frau Müller einen Jakobsmuschelsticker geschenkt. Diesen befestige ich stolz an meiner Pilgertasche.
Das Pilgerpaar, sie kommen aus Rostock, und ich, beschliessen zusammen weiterzugehen. Wir wollen nach Leipzig heute. Ich nach Sommerfeld, die beiden in die Innenstadt, Freunde besuchen. Doch ich lasse mich immer wieder zurück fallen. Irgendetwas sitzt an meiner Kleidung heute nicht. Mal ist es die Hose, die Socken, mal die Gamaschen. Ich zupfe unentwegt an mir herum. In Machern, kurz bevor es über einen Golfplatz geht, trennt sich unser Weg. Ich habe nun genug an mir herum gezupft, jetzt sitzt alles, jetzt erst kann ich richtig losgehen. Die beiden machen ihre erste Rast.
Wir werden uns bestimmt später wiedersehen, denke ich und verzichte auf eine vorzeitige Verabschiedungszeremonie. Was weiss ich? Jetzt bin ich gut drauf, jetzt habe ich den Rückenwind, das kann in einer Stunde schon wieder ganz anders aussehen. Ausserdem bin ich noch immer nicht so gesprächig heute, der Gottestdienst in Nepperwitz beschäftigt mich noch sehr.
Solijankatestfest.
Am Püchauer-Tresen-Wald verlaufe ich mich ein wenig auf den teilweise verwilderten Feldwegen. Es ist eine harte Probe, die mich fordert, an meine neu erworbene Fähigkeit, der Intuition zuzuhören. Es klappt! Ich finde den Weg wieder und bin begeistert. Beflügelt von diesem Erlebnis bin ich flugs in Cunnersdorf und mache Rast auf einer Bank.
Im Blick habe ich den Weg bis zum angrenzenden Wald, den Weg den ich gerade zurückgelegt habe. Ich suche den Horizont ab. Ob ich das Pilgerpaar von heute morgen entdecken kann? Sie sind nicht zu sehen, also gehe ich weiter.
Langsamer und bedächtiger, damit sie mich einholen können. Kurz hinter Panitzsch ist ein Sportplatz. Und eine Vereinsschenke. “Soll’ ich es wagen?” Ich wage. Ausser einem Apfel habe ich heute noch nichts gegessen, die beiden Jakobsmuschelbrötchen in meinem Rucksack habe ich ganz vergessen. Ich setze mich in den Biergarten der Sportvereinsklause und werde von den anwesenden Gästen gemustert. Auch hier mustere ich sie zurück. Ein selbstverständlicher Vorgang. Die freundliche Bedienung kommt auch gleich an meinen Tisch. Ich bestelle ein kleines Bier -und? Na, klar! “Eine Solijanka, bitte.” Lange habe ich keine mehr gegessen, das wird ein Fest!
Die Solijanka kommt gut gewürzt, mit Fleisch- und Wursteinlage, mit saurer Sahne, mit Schnittlauch und getoastetem Weissbrot daher. Und natürlich Zitrone, diesmal in der Suppe. Bisher war noch keine wie die andere. Alle waren einzigartig und selbstgemacht. So auch diese.
Kaum habe ich die letzte Pfütze ausgelöffelt und schon die Rechnung bestellt, sehe ich zwei mir bekannte Gestalten, den Weg zum Biergarten kommen. Die Rostocker! Sie haben richtig getippt, wo sie mich finden können und dass es hier was Leckeres zur Stärkung gibt. Statt zu zahlen, bestelle ich noch etwas zu Trinken und sehe den beiden genüsslich zu, wie sie sich an Solijanka und Apfelstrudel erfreuen. Nach einer kleinen Weile geht es gemeinsam wieder weiter.
Auch dieser gemeinsame Weg währt nur kurz, hinter der Autobahn A14, entdecke ich das Herbergszeichen des Jakobsweges. Wir sind in Leipzig. In Leipzig-Sommerfeld, um genau zu sein. Dieses Mal verabschieden wir uns förmlich. “Vielleicht sieht man sich ja wieder?!” Die beiden gehen zur Haltestelle der “Pilgerbahn”, ich die letzten Meter zur Ev.-Luth. Kirchgemeinde Sommerfeld. “Pilgerbahn?” fragst Du lieber Leser? Ja, hier gibt es eine Pilgerbahn. Aber dazu später mehr.
Ich komme an.
Das Pfarrgelände ist, wie sooft und typisch, mit einer Mauer eingefriedet. Ich klopfe an und trete ein. Ich trete ein, in einen kleinen, leicht verwilderten Innenhof, mit einem Pflaumenbaum in der Mitte, Fallobst bedeckt den Boden. Er strahlt Üppigkeit aus. Ich erfreue mich an dieser Üppigkeit. Draussen stehen zwei Biertische, neben dem Eingang der Herberge. Es ist ruhig, von der Strasse abgeschieden, eine Minioase. Und menschenleer. Ich habe hier eher erwartet keinen Schlafplatz zu bekommen, statt niemanden anzutreffen. Ich bin doch schliesslich in Leipzig.
Kaum betrete ich das Herbergshaus, fahre ich herum und werde begrüsst, von einem sportlichen, älteren Mann, mit Basecap und Sonnenbrille, der aus einem Nebenraum kommt. “Welcome, willkommen in Sommerfeld!”
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