Immer noch 12. Tag. Werner betreibt Ahnenforschung.

Pilgern auf dem Jakobsweg, auf dem ökumenischen Pilgerweg von Görlitz nach Vacha.“Hallo! Ich bin Pilger, komme heute gerade aus Nepperwitz, aus Wurzen. Hier möchte ich heute Nacht gerne bleiben. Ist noch ein Platz frei?” “Der Herr Pfarrer ist auf Reise. Du findest hier ein Bett. Ich zeige Dir alles.” entgegnet der Mann. Er hat eine Sonnenbrille auf, obwohl die Sonne hier im Hof nicht besonders blendet. Aber in dem Moment der Begrüssung, als er die Sonnenbrille aufsetzte, sah ich, das er ein Augenleiden hat. Es ist ungewohnt, aber mich stört es nicht.

Er rückt die Stühle an den Biergartentischen zurecht. Ich setze mein Gepäck ab und mich auf eine der Bänke, nicht ohne grob die darauf liegenden roten feuchten Blütenblätter zu entfernen. “Ich bin der Einzige hier”, erklärt der weissblonde Hüne mir. “Ich war in Siebenbürgen, wegen der Stipendien. Andrea, die Tochter der Maria, hat mich gefragt. Gott habe ihre Seele gnädig. Der Onkel, von Maria, bat mich um diesen Dienst. Ich bin schon lange hier in Leipzig. Wir hatten ein Grundstück da vorne.” Er zeigt in die Richtung der Pfarrhofsmauer. “Meine Ur-Ur-Urgrossmutter, mütterlicherseits kommt von dort, sie hat den Garten und das Feld. Sie sind eingewandert, wohnen schon lange in Leipzig.” “Ja, ich komme gerade aus Nepperwitz”, hebe ich an. “Ahh, Nepperwitz, das ist ja nicht weit.” Ich finde schon, sage es aber nicht. Und höre meinem Gesprächspartner aufmerksam zu. Er erzählt von hier und von da, von seinen Reisen, von Menschen und Erlebnissen. Und von seinem Stammbaum und Verwandschaftsverhältnissen, Geschichten, als wenn sie sich gestern zugetragen hätten, aber schon 500 Jahre her sind. Mir wird schwindelig ob der vielen Details und Information.

“Ich bin Christian”, unterbreche ich ihn. “I’m Werner, aus Texas, JUU-ESS-ÄJH.” Aha.

Werner’s Ahnenforschung, ein Abriss über die letzten 500 Jahre.
Werner ist schon viel herumgekommen. Seine Vorväter kommen aus Deutschland, hier aus Leipzig. Oft ist er in Siebenbürgen, aber auch in Norditalien, Südtirol, wie ich glaube. Dort möchte er gerne ein Haus kaufen, aber irgendwie klappt das nicht, weil, ich weiss jetzt nicht wer genau, aber irgendeiner kommt nicht in die Gänge. Oder so. Er kennt auch viele Leute und deren Verwandschaftverhältnisse bis in dritte, vierte, fünfte Glied, zurückliegend, selbstverständlich.
Ich kann sagen, Werner gestaltet unsere Unterhaltung eher wie einen Monolog. Einen Monolog gespickt mit historischen und örtlichen Daten, weit geshifted in der Zeit. Glaubte ich gerade ihm noch zu folgen, muss ich in der nächsten Minute feststellen, dass wir uns gerade 300 Jahre zurück oder auf einem anderen Kontinent und in einem anderen Land befinden. Es ist ein wenig anstrengend. Aber sympatisch.

Während mir Werner einen kurzen Abriss der Zeit, der Zusammenhänge seiner Ahnen und denen seiner Bekannen gibt, nestele ich an meinem Rucksack herum und bringe die beiden Jakobsmuschelbrötchen auf den Tisch. “Schau’ mal hier, die habe ich heute aus Nepperwitz mitgebracht. Zwei Stück, das passt doch? Ich habe Hunger, was ist mit Dir?”, frage ich. Werner unterbricht seine Erzählungen und staunt. Und freut sich. Zusammen gehen wir in die Küche. Er ist schon wieder bei Celilia und deren Schwester, die aus, -na ich weiss nicht ist. Aber der Tisch ist schnell gedeckt. Mit Butter und Marmeladen. “Die Heidelbeermarmelade hat mir der Egon aus Siebenbürgen mitgegeben. Selbstgemacht. Ich wusste ja auch nicht, aber ich fuhr dort als Anhalter und da hat die Maria gesagt, wegen den 100 Euro Stipendium. Die habe ich dann gegeben. Da habe ich auch dieses T-Shirt her.” Ich staune und wir lassen es uns schmecken.

Gustav II. Adolf, der schwedische König, leistet uns Gesellschaft.
“Ur-Krostizer!” sagt Werner plötzlich. “Ja, Ur-Krostizer, das ist ein Bier von hier. Leider ist kein Bier mehr da.” Ur-Krostizer? Bier? War das jetzt eine Frage? Hm. Ich nutze die Gelegenheit und sage: “Ja, ein Bier, das wäre schön. Wo kann man eines kaufen?” Werner: “Na, hier nicht, aber an der Bäckerei um die Ecke, die macht auch Pizza. Ich bin da oft morgens und trinke Kaffee. Da gibt es Ur-Krostizer. Ein gutes Bier. Von hier.” “Na gut”, sage ich, “dann werde ich uns mal ‘ne Flasche holen!” “Die Bäckerei, die hat heute nicht offen, aber in der Nähe gibt es eine Tankstelle.” Auch gut. Also beschliesse ich, zur Tanke zu gehen. Aber vorher möchte ich noch meine Sachen in die Herberge bringen, mich umziehen und mich frisch machen. Werner, der Ahnenforscher, zeigt mir mein, unser Quartier, denn er schläft auch im Pilgerzimmer. Und das nicht erst seit heute, wie ich feststelle. But it’s not my business.

Aus dem Pilgervorhaus heraus führt eine Stahltreppe unter das Dach. Sie ist nicht sehr breit und sie verläuft gerade, aber aussen am Haus entlang, zu einem Dachgeschoss. Hier ist es heiss, die Luft steht. Werner kommt nicht mit hoch, nicht mit herein, er ist anscheinend nicht mehr so gut zu Fuss. Ich sehe mich um. Ein langestreckter Dachraum liegt vor mir, rechts und links sind Betten angeordnet. Bestimmt zehn auf jeder Seite. Eines in der Mitte ist bezogen. “Das ist bestimmt Werner’s”, glaube ich. Ich gehe bis an den Ende des Raumes, an das Fenster. Und nehme ein Bett in Beschlag. Ich beziehe es auch gleich, wie üblich, mit Isomatte, Deckenbezug und Schlafsack. “Meines!”

Ich gehe unten duschen, ziehe mich um, mache mich frisch. Und gehe los zur Tankstelle. Werner hat mir den Weg beschrieben. Mal sehen, ob ich ihn finde. Ich finde die Tankstelle. Und kaufe vier Flaschen “Ur-Krostizer”, das Bier von hier. Das Bier ziert ein Portrait vom schwedischen Königs Gustav Adolf, den II. Der kommt mir bekannt vor. Ich war auch schon mal eine Zeit in Schweden, da fallen mir doch prompt ein paar Geschichten ein. “Ob ich die Werner erzählen werde?” sinniere ich auf dem Heimweg.

Werner emfängt mich, den Bierkurier, den von hier, wieder herzlich. “Ahh, Ur-Krostizer, ein gutes Bier! Wie bist Du denn darauf gekommen. Ein wirklich gutes Beeeeeer.” Ich weiss auch nicht, habe ich wohl vergessen. “Prost, Werner!” “Prost!”

Wir plaudern, bis in die tiefe Nacht. Mein Interesse an Siebenbürgen ist entfacht, an Ahnenforschung ein kleines Wenig. Morgen werde ich nach Leipzig hereinfahren, mit der Pilgerbahn, einen Waschsalon finden, grosse Wäsche machen und dann im Westen Leipzigs eine neue Herberge finden. Und mir die Stadt anschauen. Das ist mein Plan.

Gute Nacht, Freunde der Nacht.
Es kommen heute keine weiteren Pilger. Plötzlich überkommt mich eine grosse Müdigkeit.
Wir löschen die Kerzen, räumen auf, schliessen die Tür und gehen nach oben, in den Schlafraum. “Gute Nacht, Werner!” “Gute Nacht!” Ich schlafe sofort ein. Aber nur kurz. Ich wache schnell wieder auf. Ein mir bekanntes Geräusch summt in meinen Ohren. Da sind sie wieder: ?Sssssssss, Sssssssss, Ssssssssrrrrrttt, Ssrrttt!? Meine Lieblingsmücken! Und ich dachte schon, sie finden mich nie wieder…! Doch zu dem ?Sssssssss, Sssssssss, Ssssssssrrrrrttt, Ssrrttt!? gesellt sich heute Nacht noch ein Geräusch: ?Rsssssssst, Rssssssst, Rsssssssrrrrrtttssss, Rassssssrrrrrtatatüüüüüürst!? Werner schnarcht. Ich mache heute nacht aus den Mücken keinen Elefanten mehr und drehe mich um. Nochmals: “Gute Nacht!”

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.