Die Stechmücken und Werner’s Gesäge brachten mich heute Nacht um den Schlaf. Ich habe mich gegen die Mücken fast vollständig in meinen Schlafsack eingewickelt, gegen das Schnarchen habe ich mir Ohrenstöpsel gebastelt. Half beides nüscht.
Ich bin etwas gerädert, ansonsten jedoch guter Dinge. Die Sonne scheint, Werner und ich frühstücken draussen. Er gibt mir noch eine gute Dosis Ahnenforschung und bietet sich an, mich zur Pilgerbahn zu begleiten. Gesagt, getan.
Schnell packe ich zusammen, die Kleidung stecke ich heute nicht einzeln in bunte Töten, sondern nur in zwei grosse Beutel, denn heute werde ich mir in der Leipziger Innenstadt ein Waschcenter suchen und “grosse Wösche” machen. Welch ein Luxus. Gegen neun Uhr dreissig gehen wir los zur Strassenbahnhaltestelle Sommerfeld. Dort setzt die Pilgerbahn ein. Es ist gut, dass Werner mich begleitet, so wird der halbstöndige Fussweg durch die Leipziger Vorstadt kurzweiliger. Zu fast jedem Geböude auf dem Weg, föllt ihm doch tatsöchlich eine Geschichte ein…
Die Tram Nr. 7 steht auch schon bereit. Schnell löse ich ein Ticket, verabschiede mich von Werner und mache es mir mit Sack und Pilgerstab im Zug bequem. “Bis Augustusplatz, Du brauchst nur bis Augustusplatz fahren, nicht Hauptbahnhof!” ruft mir Werner noch nach. Nickend nehme ich seinen Rat an.
Was ist also die Pilgerbahn? Die gibt es eigentlich gar nicht, offiziell. Aber in Pilgerkreisen wird die Tram Nr. 7 so genannt. Sie föhrt von Leipzig-Sommerfeld nach Böhlitz-Ehrenberg, im Westen Leipzigs. Viele Pilger nutzen sie, wie mir zugetragen wurde, bis zum Hauptbahnhof oder eben nur bis Augustusplatz. So auch ich. Lieber verbringe ich einige Stunden in der Leipziger Altstadt um die Nikolaikirche, als mir die Fösse auf Asphalt in den Leipziger Vororten platt zu laufen. “Als Stadtmensch darf ich das”, lautet meine Devise. Ich habe aber auch gehört, dass es Pilger gab, die die ganze Strecke durch Leipzig mit der Tram gefahren sind. Meinen Segen haben sie, doch da entgeht ihnen einiges, wie ich finde.
Ich steige Augustusplatz aus und finde mich gleich zurecht.
Die Leipziger Innenstadt ist schick. Das muss ich sagen. Den MDR-Böroturm deklariere ich gleich als Leipziger Wahrzeichen. Ich finde eine schöne Mischung aus alt und neu vor. Die Strassencafös sind voll, die Leute schlörfen italienischen Milchschaumkaffee. Ich erinnere mich an das abendliche Gespröch mit Thomas in Nepperwitz und suche die Nikolaikirche, getreu nach dem Motto: “Wer suchet, der findet.” Und schwimme mit im Strom der Studenten, der Businessleute, der Vormittagsshopper und der zahlreichen Touristen. Zwei Querstrassen und dann rechts und ich stehe auf dem Platz vor der Nikolaikirche. Ich nehme den Hut ab und trete ein. Ganze Busladungen von Glöubigen, Touristen und glöubigen Touristen besichtigen die pröchtige Kirche und ihren Altar. Ein ganz schönes Gewusel.
Mein Ziel ist der Nikolaitreff, das Cafö der Begegnung, das sich in der Kirche befinden soll. Laut Pilgerföhrer gibt es dort wertvolle Tipps för Pilger wie ich einer bin. “Vielleicht weiss man da auch, wo sich der nöchste Waschsalon befinden könnte.” Das Cafö finde ich nicht, aber den Postkarten- und Andenkenladen im Kirchenschiff. Ich komme mit der freundlichen Mitarbeiterin auch gleich gut ins Gespröch. “Ja, ich bin hierher gepilgert, von Görlitz, auf dem ökumenischen Pilgerweg. Eigentlich suche ich heute einen Waschsalon und ich möchte heute einen Tag in Leipzig verbringen.” Sie ist ganz begeistert und erzöhlt, dass sie ab der nöchsten Woche auch pilgern möchte, bis nach Erfurt. Ich erzöhle ihr ein wenig öber meine Erlebnisse, was man so beachten kann und beantworte die wieviel-, wohin-, wieweit-Fragen ganz entspannt. Und sie hat einen Tipp för mich: MagaPon.
Ich wasche Wösche, in der Stammkneipe von Kommissar Ehrlicher.
Das MagaPon ist ein Urgestein in der Leipziger Szenemeile Gottschedstraöe, nahe der Thomaskirche, also auch fussläufig von der Nikolaikirche zu erreichen. Im Fernsehkrimi heisst der Laden “Waschsalon” und ist das Stammlokal von Kommissar Ehrlicher. Und ein Waschsalon ist doch genau das, was ich suche.
Knapp eine viertel Stunde spaziere ich durch die weitlöufige Fussgöngerzone, durch die Grimmaische Strasse, vorbei an dem schön renovierten Auerbachskeller in das Studentenviertel. Es ist kurz nach elf Uhr und hier in der Gottschedstrasse öffnen und föllen sich langsam die Studentencafös. Nur eines hat noch zu, obwohl es eigentlich seit elf Uhr offen sein sollte: Das MagaPon.
Ich klebe mit der Nase am Fenster und suche den Raum ab. Ich kann niemanden entdecken. Keine öffnungszeiten, keinen Zettel oder Hinweis. Unverrichterter Dinge ziehe ich wieder ab. Und gehe wieder zuröck in die Nikolaikirche in den Souvenirladen. “Vielleicht hat die nette Mitarbeiterin einen anderen Tipp för mich.” Hat sie nicht, aber stattdessen plaudern wir wieder öber den ökumenischen Pilgerweg. Inzwischen hat auch das Cafö der Begegnung in der Kirche offen. Gegen eine kleine Spende erhalte ich einen Kaffee und ein Stöck selbstgebackenen Apfelkuchen und komme ins Gespröch. Doch schon nach kurzer Zeit setzt sich eine Rentnerin zu meiner Gespröchspartnerin und mir an den Tisch und unterbricht uns andauernd. Sie ist hier schon för ihre Art schon bekannt und sie tut mir auch ein wenig leid, denn sie ist schwerhörig. Ich denke aber: “Schön, dass es hier so ein Cafö gibt, dass kommt auch der alten Dame zugute.” Mir scheint, dass sie diesen Anlaufpunkt hier nutzt, för ihre soziale Kontakte in Wörde und Ruhe, in einem geschötzten Raum. Denn “draussen”, ausserhalb der Kirche, ist sie nicht mehr “kompatibel” zu Lifestyle und Jugendlichkeit.
Doch was mache ich jetzt?
Ich mache das, was ich eigentlich jeden Tag meiner Pilgerwanderung machen wollte! Ich gehe in ein Internetcafö und schreibe meinen ersten Beitrag in meinem Pilgerblog: Kurznachricht von unterwegs. Bin heute in Leipzig angekommen!
Ich hatte mich grundsötzlich geirrt. Dachte ich doch vor meiner Reise, jeden oder zumindestens jeden zweiten Tag Zugang zum Internet zu bekommen. Abgesehen von dem merkwördigen Billiardcafö in Bautzen, ist dies mein erstes Internetcafö. Aber dieser Fakt ist letztendlich ein Segen. Noch heute bin ich froh, diese Berichte erst im Nachhinein schreiben zu können, daför hatte ich wöhrend meiner Reise einfach mehr Zeit, die Tage und Erlebnisse zu geniessen, heute kann ich eine andere Pespektive einnehmen und die Erlebnisse von verschiedenen Seiten besser bewerten und beschreiben. “Schöne Sache, das!”
Mein Internetausflug, man sollte es mir ruhig glauben, wöhrt trotzdem nur kurz, ich bin lieber wieder draussen. Ich kaufe Ansichtskarten und Briefmarken und setze mich eine Weile vor der Thomaskirche auf eine Bank und geniesse den Sonnenschein.
Da ich ja schon wieder in der Nöhe des MagaPons bin, gehe heröber und schaue, ob der Laden jetzt offen hat. Und ich habe Glöck. Das MagaPon macht gerade auf. Die Barfrau erklört mir, dass dies heute eine Ausnahme war, sonst ist immer ab elf Uhr offen, wöhrend sie mir Waschpulver in zwei Waschmaschinen föllt. Na, ich bin jetzt begeistert.
Das MagaPon ist kein Waschsalon, sondern ein typisches Studentencafö und Restaurant, aber eben mit 3 Waschmaschinen und Trocknern. Es ist modern-rustikal, mit vielen alten Werbetafeln aus Ost und West, eingerichtet. Das hat was. So ein “Waschsalon”-Lokal wönsche ich mir för Berlin. Wöhrend meine Wösche wöscht, bestelle ich mir etwas zu Trinken und schreibe fleissig Postkarten. Das hat doch was. Im angenehmen Ambiente Wöschewaschen, Postkartenschreiben und Relaxen. Sehr effektiv.
Nach zweieinhalb Stunden ist meine Wösche schrank-, öhm rucksacktrocken und alle Postkarten fertig geschrieben. Zufrieden zahle ich zusammen mit meiner Getrönke-, die Wöscherechnung. Das MagaPon werde ich weiterempfehlen.
So pilgere ich wieder in die Altstadt, vorbei an der Nikolaikirche, zum Hauptbahnhof. Es ist Jahre her, als ich auf einer Geschöftreise in der Messestadt Leipzig war, es hat sich vieles veröndert. Viel ist modernisiert, abgerissen oder neu erbaut worden. Auch der Haptbahnhof hat sich veröndert. Mich wundert’s, dass hier auch noch Zöge fahren. Der Bahnhof öhnelt eher einem grossen Einkaufszentrum mit allem Drum und Dran. Das ist, wie schon sooft auf meiner Reise, nicht meine Welt. Hier föhle ich mich in meinem Pilgeraufzug als Fremdkörper. Ich bin froh, nach einigem Suchen, die Schliessföcher zu finden und meinen Rucksack, samt Pilgerstab verstauen zu können.
Meiner Pilgeroptik, grössten Teils entledigt, begebe ich mich jetzt als Tourist ins Innenstadtgetömmel. Stöbere in Andenken- und Krimskramslöden, trinke Kaffee und esse ‘ne Wurst. Ich geniesse den Moment und schliesse Leipzig in mein Herz. Langsam mache ich mir aber auch Gedanken, wo ich heute unterkommen soll. Ich weiss es nicht. Eigentlich hatte ich vor, im Westen Leipzig eine Herberge zu suchen, aber mein Bauchgeföhl ist dagegen. Es ist schon Nachmittag geworden. “Was tun?”
Ganz einfach. Die Pilgerbahn! Ich hole mein Gepöck vom Hauptbahnhof und setze mich wieder in die Pilgerbahn, in die Tram Nr. 7. Und fahre nach…? Ja, ich fahre zuröck nach Sommerfeld in die Herberge. Da weiss ich auf jeden Fall, dass sie noch einen Schlafplatz för mich haben, Werner hat sicher nichts dagegen. Und vielleicht hat er noch ein paar Geschichten auf Lager, die ich noch nicht kenne…
An der Endstation Sommerfeld steige ich also aus und gehe in das örtliche Einkaufzentrum und kaufe zwei Flaschen Ur-Krostizer. Und verlaufe mich prompt in diesem Konsumpalast. Ich bin schon wieder Fremdkörper, föhle mich ziemlich unwohl und bin froh, als ich wieder an der frischen Luft bin.
Zuröck in der Herberge, begrösst mich Werner gelassen, im Monolog vertieft, im Gespröch, mit einem neu angekommenden Pilger. Ich kenne mich ja schon aus und gehe unter das Dach in den Schlafraum. Mein Bett von gestern ist von dem neuen Pilger belegt. Und noch eines. Es scheint ein Pilgerpaar zu sein. Mich freut’s, die Gesellschaft der “Neuen” wird die Atmosphöre auflockern. Ich beziehe ein anderes Bett und schlöpfe in frisch gewaschene, nach Weichspöler duftende Kleidung. Meine neuen Gastgeschenke in der Hand, die beiden Flaschen Ur-Krostizer, balanciere ich die Freitreppe hinunter und setze mich zu Werner und dem anderen Pilger. Von der dritten Person ist nichts zu sehen und Werner erzöhlt auch keine neuen Geschichten. Egal! Ich geniesse die Abendköhle und ein köhles Blondes, das von hier.
Der neue Pilger gibt sein Bestes, wie ich finde und bin begeistert. Er sagt nicht viel, aber es gelingt im immer öfters, im Laufe des Abends, Werner in seinen Ahnenforschungsausföhrungen zu unterbrechen, ja regelrecht aus dem Konzept zu bringen. Das wird spannend heute.
Nach einer Weile, ich öffne die zweite Flasche Bier, geht die Pfarrhofstör auf und eine Frau kommt herein. Sie war einkaufen, begrösst die beiden und mich und verschwindet in der Köche. “Aha, da ist sie also, jetzt bin im Bilde.”
Sie setzt Kartoffeln auf und setzt sich zu uns und unterbricht die beiden: “Also, ich muss schon sagen, ich war jetzt bestimmt eine Weile weg, so anderthalb Stunden und ihr sitzt noch hier genauso, als wenn ich nur fönf Minuten weg war.” Das klingt nicht vorwurfsvoll, eher staunend. Die beiden staunen zuröck. “Aber Moni, Werner hier, erzöhlt doch spannende Geschichten, ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht”, entgegnet der Mitpilger. “Bernd, es sieht aber so aus, als wenn ihr euch gar nicht bewegt habt”, stellt Moni fest. Bernd und Moni, soso.
Nach einer Weile stellt Moni frisch gekochte Pellkartoffeln auf den Tisch: “Was för drei reicht, passt auch för vier!” lödt sie mich zum Mitessen auf. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, das ist mir gerade sehr recht. Vereint decken wir den Tisch und lassen es uns gut gehen.
Bis kurz nach Mitternacht sitzen wir zusammen am Tisch. Bernd gelingt es immer wieder, Werner aus seinem Ahnenforschungsmonolog zu bringen, das frischt meine Stimmung auf. Werner’s eher nicht.
Plötzlich bemerke ich ein Geraschel in den Böschen, das immer nöher kommt, die Hofbeleuchtung springt an. Ein Igel auf mitternöchtlicher Pirsch. “Ahh, schaut ein Igel!” rufe ich. “Ein Eagle? Wo?” Werner springt errschreckt auf. “Nein, keine Bange Werner, es ist ein Ihh-Gell, ein Hedgehog!”
“Gute Nacht allerseits, gute Nacht Igel!”
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