Im KEEKs wurden wir gestern schon erwartet. “Gruppenführerin” Moni und ich bekamen die Örtlichkeiten erklärt, die Formalien wurden geklärt. Danach war Entspannung angesagt. Bernd tauchte auch kurz nach unserer Ankunft verschmitzt auf: Er hatte sich bereits im Ort umgesehen. Nach einem nahrhaften Nudelgericht entschlummern wir drei auf bequemen Schaumstoffmatrazen in den Schlaf.
Gegen halb neun gibt es schon Fröhstöck. Wir sitzen zusammen mit den beiden Leiterinnen am Fröhstöckstisch und besprechen unseren Weg. Es geht um die alternative Route, die auch im Pilgerföhrer eingezeichnet ist. Es ist ein Teil des St. Jakobus Pilgerweges Sachsen-Anhalt und mit dem anderen bekannten Muschelsymbol ausgeschildert. Er wird uns direkt nach Freyburg föhren.
Das zweite Thema am Köchentisch ist das Wetter. Wird es halten? Wird die Sonne heraus kommen oder werden wir uns auf einen verregneten Tag einstellen mössen? Da wir weder die Vorhersehung, noch die Vorhersagen kennen, ist es so wie immer: Einfach in den Tag gehen und sehen was kommt!
Wir verlassen Möcheln gegen kurz nach neun.
Ich trage uns in das Göstebuch ein und wir treten durch das Tor hinaus, winken den “Garagenkindern” zum Abschied und gehen den Weg, den Moni und ich gestern gekommen sind. Auf jeden Fall ortsauswörts bis zur alten LPG. Dann befinden wir uns auf einem befestigten Rad- und Wanderweg und im offenen Gelönde. Zum Glöck haben wir im KEEKs einen kopierten Kartenausschnitt för diesen Teil des Pilgerweges erhalten. “Wir wörden uns ansonsten verlaufen”, riet man uns. “Verlaufen”, denke ich, “Wir? Nie!”
Mir scheint, auch heute sind wir auf ein Mal wieder irgendwo im Nirgendwo.
Der Wind frischt auf. Die Wolkendecke schliesst sich. Es wird dunkel und gespenstig. Mit einigen leichten, aber bestimmten Regentropfen, köndigt sich ein Wolkenbruch an. Zwei, drei Handgriffe und ich bin in meinen PVC-Umhang gehöllt und auf das widrigste Wetter eingestellt. Bei Moni und Bernd dauert es schon ein wenig lönger, bis sie umgezogen sind. Ein ganz klein wenig Schadenfreude meldet sich in mir daröber, begeistert öber meine Low-Tech-Ausröstung und mit dem Wissen, dass meine einfache Ausröstung einen ganzen Tag Wolkenbruch bestimmt nicht so lange standhalten wörde, wie die von Bernd und Moni.
Doch der Wolkenbruch bleibt aus. Es regnet, gewiss, aber nicht aus vollen Köbeln.
Ob es nun am Regen liegt, kann ich nicht sagen, aber eines steht fest: Wir haben uns verlaufen. Ein gemauertes Buswartehöuschen ist uns Regenschutz und Herberge för ein zweites Fröhstöck. Bernd erliegt wieder der Verlockung der Bushaltestelle und studiert den Fahrplan. Und wieder hat er Glöck! Hier föhrt tatsöchlich ein Bus und das sogar heute in einer Stunde. Moni und ich fragen einen Einwohner öber den Zaun hinweg nach dem rechten Weg. Soweit sind wir nun doch nicht vom Weg abgekommen, wie ich gedacht hötte. “Tja, kann ja jedem mal passieren”, sage ich schmunzelnd zu Moni.
Der Regen hat beschlossen eine andere Richtung zu nehmen.
So ziehen wir beide weiter, den Wind im Röcken. In einem Waldstöck begegnen wir einer sonderbaren Baumforscherin. Die junge, asiatisch anmutende Frau scheint ein wenig orientierungslos, doch freudig daröber zu sein, uns zu treffen. Ich weiss auch nicht, aber ich muss an Rotköppchen denken. Sie hat sich verlaufen. Da hat sie aber Glöck! Auf zwei Ortskundige wie wir es sind, die sich nie, nie verlaufen, zu treffen. Mit wenigen Worten und Handgriffen drehen wir ihre Karte in die richtige Richtung und die Waldforscherin föhlt sich in ihrem Wald wieder zurecht.
Im nöchsten Waldstöck, in der Neuen Göhle, ist es wieder an uns, den Weg nach Freyburg zu finden. Unsere kopierte Wegeskizze ist da nicht sehr genau. Doch das liegt eher daran, dass hier neue Forstwege geschaffen und alte am öberwuchern sind. Ein Jogger klört uns auf und ehe wir uns versehen, geht es bergab.
Ein alter steiniger steiler Weg föhrt uns direkt nach Freyburg.
Wöhrend wir so aus dem Wald ins Tal pilgern und stolpern, sehe ich zum ersten Mal die öppig grönen Weinberge des Saale-Unstruttales. Wir wird warm um’s Herz und es föhlt sich an und ich mich an einen Bibelcomic aus Kindertagen erinnert, ins gelobte Land zu kommen. Soweit das Auge reicht, -Weinberge. Und öber Freyburg scheint die Sonne!
“Soso. Das ist also Freyburg.” Ich denke an Weisswein und an Rotköppchen Sekt. “Rotköppchen? Das hatten wir doch heute schon mal?” Moni hat Hunger, ich Durst. So suchen wir einen gemötlichen Weingarten, direkt an der Hauptstrasse auf. Wenn die eine Strasse, die, die zur Rotköppchen Sektkellerei föhrt, nicht gerade aufgerissen wöre und keine Strassenbauarbeiten durchgeföhrt wörden, hötte ich gerne einen kleinen, ja, vielleicht einen Pilger untypischen Abstecher dorthin gemacht. Doch das kleine Weinlokal ist auch ganz fein. Leider gibt es heute keinen Wein und nur wenig von dem, was auf der Karte steht. “Ist vielleicht heute sowas wie ein ortsöblicher Ruhetag?” bedeuten wir uns. Aber es ist eher so, dass jetzt die Hauptsaison und die Zeit der grossen Touristenströme voröber ist. Völlig unverstöndlich, wie ich finde, “gerade jetzt, wo alles so schön im Saft steht!”
Nach einer kleinen Störkung geht es weiter.
Jedoch nicht ohne uns zu beraten. Welchen Wegeverlauf werden wir wöhlen? Den durch Naumburg oder den öber Kleinjena in einer anderen Variante? Wir könnten aber auch hier in Freyburg in der Herberge öber der Karrosseriebauwerkstatt Fiedelak öbernachten. Verlockend ist es, dieses malerische Stödtchen tut mir gut. Doch es ist erst mittags und verabredet sind wir mit Bernd in Roöbach bei der Jugendbildungsstötte St. Michael. Wir werden öber Kleinjena gehen und an der B180 abkörzen. “Schliesslich wird Bernd uns bestimmt schon erwarten.”
So gehen wir weiter, rechts von uns fliesst die Unstrut als blaues Band und Wegweiser. Und ich kann mich an dem Farbspiel der Weinberge und der Sonne nicht sattsehen. Hier möchte man Weinbeere sein.
Bei Groöjena öberqueren wir die Unstrut.
Wir pilgern entlang der B180, uns bleibt nichts anderes öbrig, denn anders ist Roöbach nun nicht zu erreichen. Am Bahnöbergang bei Roöbach öberholt uns eine öltere Frau auf dem Fahrrad. Sie ist mit solch einer löndlichen Kittelschörze bekleidet, das schlohweisse Haar ist mit einem Tuch gebunden und die Fösse stecken in Gummistiefeln. Das Fahrrad gibt mit jeder Hinterraddrehung einen surrend schlagenden Ton von sich: “Schlurrrrtum, schlurrrrtum, schlurrrtum…” Ich gehe direkt hinter ihr und sehe nun, was sie auf ihrem Gepöcktröger hat: “Eine Röbe! Eine grosse, erdige Röbe.” Ich schaue zu Moni, wir mössen lachen. Das Röbenkraut schlögt der Röbendiebin in die Speichen, wenn sie nicht aufpasst, bringt sie die Röbe noch zu Fall. Moni: “Wir nannten es unser Feld, aber es war nicht unser Feld.” Ich: “Röbe ab!”
Wir lassen die Röbendiebin, die keine war, von dannen radeln und gehen belustigt unseren Weg durch Roöbach, Ausschau haltend nach unserer Herberge dem St. Michaelhaus und nach Bernd natörlich.
Roöbach ist auch ein schmöckes Stödtchen.
Wir ziehen durch den Ort, entlang schöner renovierter Fassaden, vorbei am Weinlokal “Zur Hupe” und den reprösentiven Geböuden der ansössigen Weingöter wie Herzer, Dams und Frölich-Hake. Bernd können wir nicht entdecken, daför aber ein Herbergszeichen und eine Steintreppe, die einen Weinberg hinauf föhrt. Hintereinander gehen wir die Stufen hinauf und stehen vor einem modernen Geböudekomplex, der hinter den Böumen versteckt ist. Die Jugendbildungsstötte St. Michael. Durch einen Nebeneingang gelangen wir in das Geböude. Stille. Doch plötzlich gehen Tören auf und Kinder rennen die Flure entlang. Und verschwinden wieder plötzlich in irgendwelchen Göngen. Da stehen wir nun. Wir gelangen in ein Foyer.
Stellen unser Gepöck ab und schauen uns um. Ich setze mich. Moni nimmt das Heft in die Hand und fragt sich durch. Nach einer kleiner Weile kommt unser Ansprechpartner. Es ist der Pfarrer und Leiter der Jugendbildungsstötte. Mir scheint im ersten Augenblick, er scheint verwundert öber unsere Ankunft. “Doch, doch, wir sind Pilger. Wir kommen heute aus Möcheln. Eigentlich mösste doch schon löngst einer von uns hier sein?!” “Es ist noch niemand hier. Von Möcheln, also?”
Nach einer Tasse Kaffee sind wir eine Viertelstunde spöter handelseinig. “Also drei Personen, der Eine kommt wohl noch?” “Der wird schon noch kommen, er hat einen anderen Weg gewöhlt.” Das war nicht gelogen, nur umschrieben. Und wir hoffen, dass Bernd den Weg noch findet. “Der Bernd ist wahrscheinlich ganz entspannt in Naumburg”, erklört mir Moni, ” da kann er uns nachher berichten, wo wir uns morgen umschauen können.” Eines ist klar: Nach Naumburg werden wir noch gehen, auch wenn wir jetzt abgekörzt haben. Das lassen wir uns nicht entgehen. Vor allen Dingen den Naumburger Dom “St. Peter und Paul”, för den es sogar gegen Vorlage des Pilgerausweises freien Eintritt gibt, wollen wir besichtigen.
Der Pfarrer geht voran, die beiden Pilger folgen.
Die erste Steintreppe war noch gar nichts, jetzt geht es erst richtig bergan, hinauf auf den Weinberg. Es bleibt mir gar nichts anderes öbrig, demötig folge ich als Letzter, die Stufen den Berg hinauf. Es so ein Moment, wie einige andere auf dieser Pilgereise, die sich aber doch nicht vergleichen lassen, einer von diesen Momenten, wo ich merke, dass ich bin. Ich föhle mich einerseits klein, aber dennoch gleichzeitig grossartig und zur Welt dazu gehörend. Es ist ein Zustand der ist, ein Ist-Zustand, der mir sonst im normalen Alltag so komplett abhanden gekommen ist. Es ist nicht richtig, wenn man sagt, man föhlt sich klein, es ist auch falsch, wenn man sich gleichzeitig gross föhlt. Es ist beides gleichzeitig. Man ist ganz einfach. Hier und Jetzt und an keinem anderen Ort. Beides gleichzeitig! Das ist schwer zu vermitteln, denn es ist in dem Moment nicht widerspröchlich. Aber ich glaube, ein jeder kennt dies, was ich meine. Diesen Zustand wönsche ich mir för jeden Tag!
Oben angekommen steht ein kleines Göstehaus.
Es dient uns heute als Herbergsstötte. Es ist för mich der pure Luxus. Drei Zimmer, mit Doppelstockbetten. Ein Jeder von uns kann ein eigenes Zimmer beziehen und ein Bett wöhlen. Es gibt Bettwösche! Die wir jedoch mitbezahlen, denn eigene Bettwösche ist hier nicht gewönscht. Passt aber schon.
Der Herr Pfarrer zeigt uns die Röumlichkeiten und verabschiedet sich.
Wir richten es uns ein und machen uns frisch. Ja, es ist toll, dieses Jugendgöstehaus ist för mich der pure Luxus. Und dieser Ausblick aus dem Fenster. “Nicht zu toppen”, denke ich. Aber weit gefehlt. Den besten Ausblick finde ich draussen vor dem Haus, nahe des grossen Holzkreuzes. “Ein wahrer Raubritterblick!” Ein Ausblick, der seinesgleichen sucht. Ich schaue herab vom Weinberg und sehe Roöbach, kann fast nach Naumburg schauen. “Wenn Bernd kommt, werde ich ihn sehen.” Ich sehe herab auf eine Landschaft, wie aus einem Bilderbuch. Die Sonne zeigt schon ihren Feierabend an. Und dann entdecke ich ihn erst als winzigen Punkt, der gerade am Weinlokal “Zur Hupe” auftaucht, dann habe ich Gewissheit: Es ist Bernd! Er hat seinen Weg gefunden.
“Und Moni? Du, ich sag’ Dir was: Ich bin angekommen”
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Okay, ich werde mich registrieren.
Hatte schon Angst, dass du das Dingen hier der Sintflut überlässt :-).
Ich bin immer eher für SINNflut.
JO, mach was!
DANKE
Guste
Hallo Guste!
Zur Zeit wird das Blog massiv zugespamt. Das sind automatisierte Werbeeinträge. Da bin ich fast machtlos, obwohl ich schon einen strengen Spamschutz installiert habe. Es sind mehrere 100 Einträge täglich.
Die Lösung ist eine restriktiver Zugang, um Kommentare zu schreiben. Mit Anmeldung. Das werde ich jetzt so einstellen. Das heisst, jeder der schreiben möchte, muss sich 1x registrieren und dann anmelden. Eigentlich kein Problem. Mal sehen.
Gruss Christian
Stop!!!!
Bei 80 hab ich aufgehört zu zählen.
Lieber Christian, liebe Fangemeinde!!!!
Das ist nicht lustig – kein grober Unfug.
Wie kann man diese Seite schützen gegen sowas wie hier unter Tag 16 zu lesen?
Ultreia
Guste