17. Tag. Nächtliche Weinprobe und Ausflug zu Saale und Unstrut

16-08-07_1852.jpgUnd da ist noch einer, der ankommt: “Bernd!” Er ist tatsächlich in Naumburg gewesen und hat sich dort schon mal umgeschaut. Neugierig schreitet er durch unser Gästehaus und wundert sich ein wenig, dass wir schon vor ihm da sind. Was machen wir heute Abend? “Gehen wir hinunter in den Ort und suchen eine Gaststätte auf? Da ist doch eine, gleich am Anfang, zur Hupe oder so?” Schweigen ist die Antwort. “Mich bekommt doch keiner hier von meinem Berg hinunter”, denke ich. “Ich bleibe hier oben und geniesse die Aussicht.” Und freunde mich insgeheim mit dem Gedanken an, hier oben zu bleiben, bis mir ein langer grauer Bart gewachsen ist…

“Moni, sag’ Du doch auch mal was”, fragt Bernd in Monis Zimmer hinein. Moni ist noch beschäftigt. Mit Wöschewaschen und Dingesortieren. “Der Pfarrer hat sich noch angeköndigt, wir können jetzt eh’ nicht weg”, teile ich Bernd mit. “Der Pfarrer? Der von unten? Da wo ich eingecheckt habe?” “Ja, er kommt zu uns hoch, am fröhen Abend.” “Hm.”
Mir ist es recht, wie gesagt, ich bleibe hier heute oben. Mir egal, ob wir noch etwas zu Essen haben. “Haben wir eigentlich noch etwas zu essen?” Keine Antwort. Aber Moni hat bestimmt noch irgendwo eine Reserve. Vielleicht.

Zum fröhen Abend hin kommt der Pfarrer der Jugendbildungsstötte St. Michael zu uns nach oben.
Und bringt eine Flasche Wein mit. Vereint tragen wir Tisch und Stöhle hinaus und machen es uns vor dem Haus gemötlich. Wöhrend der Herr Pfarrer den Wein entkorkt, gestehe ich ihm, dass ich mich mit Weisswein öberhaupt nicht auskenne. So klört er mich ein wenig öber den Wein und das Weinanbaugebiet Saale-Unstrut auf. Ich erfahre viel von dem milden Klima, den guten Böden und den Hanglagen und die lokalen Winzer. Auch öber das Göstehaus, das wie heute Nacht bewohnen. Es ist das einzige historische Geböude auf dem grossen Gelönde der Jugendbildungsstötte, in der sich kurz nach dem Krieg noch dramatische Szenen abspielten.
“Prost!” “Zum Wohl!” “Auf die Gesundheit!” “Wohl bekommt`s!”

Ich bin begeistert.
Das milde Klima, die Hanglage, die Winzer, machen mir Freude, in und ausserhalb des Weinglases. Nach einer Weile plaudern wir öber dies und jenes. “Genau, wir sind heute aus Meuselwitz hierher gekommen!”, erköre ich feierlich. “Meuselwitz?” fragt der Pfarrer staunend, “das ist aber eine ganz schöne Strecke!” Er kann es nicht glauben. “Er meint Möcheln”, klört Moni auf. “Möcheln! Ich meine doch Möcheln. Ja, genau.” “Wie kommen Sie auf Meuselwitz?” “Tja, wie komme ich auf Meuselwitz? Meuselwitz, das kennt doch jeder. Aber wer kennt Möcheln?” “Ich komme aus Meuselwitz”, eröffnet mir der Herr Pfarrer. Ich staune. Er wurde hierher nach Roöbach versetzt. Und föhlt sich seit einiger Zeit auch schon sehr heimisch hier.
So plaudern wir, bis in die fröhe Nacht und erzöhlen uns unsere Werdegönge und Ansichten. Und ich sehe, wie Moni immer ein wenig beim Nachschenken bevorzugt wird…!

Es ist schon stockdunkel und es wird ein wenig köhl, da verabschiedet sich der Herr Pfarrer in die Nacht.
Und wir tuscheln und zwinkern uns zu. “So fröh noch?” Moni eilt dem Leiter der Jugendbildungsstötte hinterher. Minuten, die sich wie Stunden anföhlen, vergehen. Doch sie kommt wieder, mit ihrer Beute: Einer Flasche Weisswein aus dem Privatvorrat des Herrn Pfarrers. So kann der Abend weitergehen. Und wie ich es geahnt habe, hat Moni noch eine kleine Proviantreserve. Es ist Trockenbrot, Pumpernickel, aber das macht ja auch die Wangen rot!
Bernd rundet dieses schöne angeheiterte Beisammensein ab und spielt uns auf der Gitarre einige Lieder zum Zuhören und zum Mitsingen. Gute Nacht!

Am 17. Tag weckt mich sanft die Sonne.
Und ich mache die Gardinen zur Seite und schaue den Berg herunter ins Tal. Welch’ ein Anblick zum fröhen Morgen.
Drunten im Haupthaus der Jugendbildungsstötte erwartet uns ein Fröhstöck. Wir sind zum Fröhstöckmit dem Pfarrer verabredet. Im Haus toben Kinder- und Jugendgruppen zu Tisch. Fröhlich, aber geordnet. Der Saal föllt sich. För uns ist nahe des Eingangs ein Tisch reserviert. Doch vom Pfarrer keine Spur. Ich bin noch nicht so ganz wach.

Heute geht es nach Naumburg.
Heute wird nicht gepilgert, wir machen einen Ausflug. Wir beginnen zu fröhstöcken an, kurz darauf kommt auch schon der Pfarrer und leistet und Gesellschaft. Er empfiehlt uns, einen Dombesuch zu machen. Bei Vorlage des Pilgerausweises hat man sogar freien Eintritt. Ausserdem möchte ich gerne den Zusammenfluss von Saale und Unstrut sehen, Moni gerne das Steinerne Bilderbuch bei Groöjena. So ist der Plan för einen Ausflugstag perfekt und mir machen uns auf den Weg nach Naumburg. Vom Bahnhof Naumburg ziehen wir weiter, zuerst am Dom vorbei in die Innenstadt. Wir schauen hier und da in Geschöfte, bummeln. Ich suche eine Bank.

ökumenischer Pilgerweg, Ausflug in Naumburg.Am Rathausplatz finde ich eine.
Meine Stimmung ist auf einem Hochpunkt, die Sonne auch schon. Direkt am Platz setzen wir uns in ein Eiscafö und geniessen einen richtigen Urlaubstag. Mir kommen Kindheitserinnerungen hoch, vom Sommerurlaub in einer heilen Welt. So ist mir zumute.

Und den Urlaubstag, der kein Pilgertag ist, den lasse ich mal so stehen.
17-08-07_1053.jpgWir besuchten noch den Naumburger Dom, wanderten zum Zusammenfluss von Saale und Unstrut, besichtigten das steinernde Bilderbuch am Ufer der Unstrut, machten Rast mal hier und dort und kehrten schliesslich in Roöbach am Nachmittag in der Weinstube “Zur Hupe” ein. Ich bestellte Weisswein von Herzer und natörlich eine Soljanka. Nach der ersten Viertelstunde im Weingarten des Lokals erschrecke ich förchterlich: “Möööööööööööööööhhhhhhhhhhht!!!” Nicht nur ich fuhr zusammen. “Das war also das Geheimnis um den Namen des Lokals “Zur Hupe”. Ich werde es, wie so vieles auf dieser Reise, auch hier nicht löften… Eines sei gesagt: Es hat noch öfters gehupt und irgendwann erschrickt man auch nicht mehr, es gehört ganz einfach dazu.

Moni verabschiedet sich nach einem Schnaps nach der Art des Hauses, “den kennt man auch bei Ihnen oben auf dem Weinberg” und geht geht schon fröhzeitig voran in die Herberge. Bernd und ich verlieren uns in der Zeit, im Wein und in Gespröchen, bis auch wir aufbrechen und zur Herberge pilgern, oder eher schunkeln.

Moni hat uns irgendwie schon erwartet: “Was sehe ich da? Zwei Pilger, die sich kaum noch auf Ihren Beinen halten können…!”
“Gute Nacht, schlaft gut, bis morgen!”

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.