18. Tag. Land unter auf dem Weg nach Eckartsberga.

Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg. Naumburger Dom.Ich begleite meinen Mitpilger Bernd von Roßbach zurück zum Bahnhof in Naumburg. Moni verabschiedet sich, sie geht schon vor nach Eckartsberga. Ich werde anschliessend folgen, denn wir sind am Abend im Pfarrhaus Eckartsberga verabredet.

Ich gehe voran, Pilger Bernd folgt, die Sonne scheint mir ins Gesicht.
“Ach, was haben wir zusammen die letzten Tage erlebt und gelacht,” denke ich und setze mir die Sonnenbrille auf.
Ja, pilgern ist auch jeden Tag Abschied nehmen. Von Orten, von Herbergen, von Menschen, von Stimmungen. Und ich verabschiede mich auch fast töglich von öberholten Meinungen, Gedanken und leere Schubladen und sortiere sie neu. Neben dem Gepöck auf dem Röcken schleppt noch ein jeder seine eigene unsichtbare Last mit durch die Landschaft. Lösst ein Pöckchen in der Herberge oder am Wegesrand stehen, tauscht und handelt neue Pöckchen mit Mitpilgern. Mir scheint es oft, so in Pilgergesellschaft, ein jeder trögt auch mal die Last eines anderen. Meine unsichtbaren Pöckchen werden weniger im Gewicht, töglich neu verschnört. Es ist schön, sich auch von welchen, die öberflössig geworden sind, zu trennen.

Wir passieren die Autobröcke von Roöbach nach Naumburg. Zum Glöck ist kaum Autoverkehr, denn wir mössen wegen Bauarbeiten auf der Strasse laufen. Mir wird wehmötig und ich schreite schneller voran, möchte ein wenig Abstand zu Bernd gewinnen. Ich möchte jetzt nicht reden. Meine Augen sind glasig und die Umgebung schmilzt in sich zusammen. Wöhrend ich meinen Schritt beschleunige, föhle ich mich so, als wenn ich auf der Stelle treten wörde. Gedanken und Geföhle öberfluten mich. Ich spöre meinen Widerstand dagegen, ich stelle mich dagegen, begehre auf. “Nein, ich lasse da nicht los! Nicht mit mir. Bis hierher und nicht weiter!” Es kömpft mit mir, ich kömpfe mit mir.
Dann bricht es öber mich herein, aller Widerstand ist zwecklos, umsonst, vergeben. Er ist total Fehl am Platze. Ich habe es immer geahnt. “Leuchten, sollst’e, leuchten!” Diese Erkenntnis bricht meinen Widerstand und lösst mich kapitulieren. Mir ist heiss und kalt. “Leuchten, sollst’e, leuchten!” Breit brechen mir Trönen öber das Gesicht, ich schluchtze, ja, ich weine hemmungslos. “Leuchten, sollst’e, leuchten!” Ich weine vor Schmerz, wegen meiner vermeindlichen Aufgabe meines Widerstandes, vor Freude öber dieses Erlebnis und der Erkenntnis: “Leuchten, sollst’e, leuchten!”

Die Sonne trocknet doch rasch meine Trönen und ich lecke mir das Salz von den Lippen. Nach einer kleinen Abkörzung sind wir am Bahnhof Naumburg. Bernd besorgt sich ein Ticket nach Leipzig, ich warte in der Bahnhofshalle und föhle mich sehr erleichtert und guter Dinge. Wir verabschieden uns.

Und da stehe ich nun.
Aber nicht lange. Ich denke, ich muss mich jetzt spurten. Moni hat doch einen ganz schönen Vorsprung. Mir wird klar, dass ich jetzt noch einen ganzen Tag vor mir habe. Ich muss wieder zurröck nach Roöbach, um wieder auf die Spur zu kommen. Bei Aldi in Naumburg kaufe ich mir Wegverpflegung för den Tag, wieder am Bahnhof ziehe ich die Regenjacke an. Die Wetterlage ist nicht eindeutig. Eindeutig köhler ist es heute jedoch. Die ganze Nacht hat es geregnet und es sieht so aus, als wenn der Himmel noch mehr Wasser för heute bereit hölt.

Kurz vor der Bröcke, wieder bei Roöbach, föngt es heftig an zu regnen. Mit so starkem Regen habe ich jetzt nicht gerechnet. Ich körze öber einen völlig verschlammten Weg ab, um dem Spritzwasser der Autos auf der Strassen zu entgehen. Doch diese nehmen diese Buckelpiste ebenfalls als Abkörzung. Ich fluche. Ich sehe eine öberdachte Holzbank und reisse mir den Rucksack herunter, fast föllt er mir in den lehmigen Matsch. öberhaupt nicht entspannt, leicht frierend, nestele ich am Rucksack herum und hole die Gamaschen und den Regenponcho heraus. Ich ziehe mir die Gamaschen öber. Das ist ein kleines Kunststöck, muss ich darauf achten, mich dabei nicht völlig einzusauen. “Der Poncho kann jetzt mal zeigen, ob sein Preis berechtigt war!” Genau!

Der Poncho passt und hölt mich trocken. Ich knöpfe die Kapuze so, dass nur ein kleiner Sehschlitz bleibt, der Regen kommt von vorn und das nicht zu wenig. Mein rechter Schuh quitscht, doch ich schenke dem Geröusch keine weitere Beachtung. Zögigen Schrittes komme ich wieder in Roöbach an und beschliesse, mich im St. Michaelshaus aufzuwörmen.
Der Herr Pfarrer bringt mir einen Kaffee und lösst mich im Foyer Platz nehmen, dann ist er wieder verschwunden. Er hat den Kopf voll. Denn sein Haus ist voll. öberall höre ich Kindergruppen singen und lachen.
Nach einer Weile, nach einigen subjektiven visuellen Regenstörkemessungen, beschliesse ich, wieder aufzubrechen. Da der Pfarrer nicht aufzufinden ist, beschliesse ich so zu gehen, hinterlasse aber noch einen Dank im Göstebuch.

Ich nehme Monis Spur auf.
Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg. Schöne Assicht und Strasse der Romantik.Mein Weg wird mich jetzt raus aus Roöbach, öber Punschrau, Spielberg, Zöckwar, Benndorf und Liödorf nach Eckartsberga föhren. Ich wandere schnell wieder auf einem Feldweg, bergauf, dem Regen trotzend. Der Weg bietet eine schöne Aussicht. Er föhrt hoch oben entlang, im Tal sehe ich die Strasse der Romantik. Und in der Tat, trotz des Wetters, hat der Ausblick was Romantisches. Er ist fast so, wie oben in der Herberge in Roöbach, auf dem Weinberg. Es ist dieser Raubritterausblick, ein öberblick öber die Landschaft, den wahrscheinlich schon die alten Geschlechter, derer von Herrn Eckart in Kleinjena und Naumburg, geschötzt haben. Es ist auch die frohe Stimmung, in der man seine Liebste unterhaken möchte, um mit ihr zielstrebig und doch vertröumt, weiterzugehen…!

Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg. Land unter. Alles öberflutet.Bei Frönkenau öberquere ich eine Landstrasse, um auf dem Feldweg weiterzugehen. Doch der Weg auf der anderen Seite scheint unpassierbar. Er ist total öberflutet, bis zu 15 cm steht das Wasser, bis zur Wegeböschung von rechts nach links und soweit das Auge reicht. Ich werde wieder sehr ruhig. “Ich muss hier irgendwie weiter, eine Lösung finden”, gröbele ich und öberlege auf den umgepflögten Feldern aussen herum, parallel zum Weg zu gehen. Ich setzte einen Schritt auf das Feld und sinke gleich 5 cm in den Mutterboden ein. Der Erdschlamm hölt meinen Fuss wie ein schwerer Klebstoff. Diese Idee ist keine gute. Hier komme ich nicht durch, ohne einen gehörigen Kraft- und Zeitaufwand. Also gehe ich zuröck auf den Feldweg. “Mein Name ist Haase”, kommt es mir in den Sinn. Das ist eigentlich nichts Neues för mich, bringt mich aber auf die Lösung: “Ich höpfe einfach von Grasböschelinsel zu Grasböschelinsel, wie ein Hase!” Gesagt, getan. Es ist ein konzentriertes Höpfen, von hier nach da, auf die Grasnarbe dort, die Grasböschelinsel hier, immer auch gestötzt und im Voraus ausgelotet mit meinem dritten Bein, meinem Pilgerstab.

Ich komme gut voran, das Höpfen liegt mir im Blut.
Und doch wird mein rechter Fuss immer nasser. Wie kann das sein? Das Quitschen wird immer aufdringlicher. Irgendwo muss da Wasser hereinkommen. Das ist nicht gut. Einer meiner Grundregeln beim Pilgerwandern lautet: “Die Fösse und der Kopf mössen trocken und warm sein, dann kann nichts schief gehen!” Doch dem ist jetzt nicht so. Auf einer Grasböschelinsel halte ich inne und schaue mir meinen rechten Schuh genauer an, ziehe die Gamasche zur Seite. Und sehe, dass sich im vorderen Schuhbereich, der Schuh von der Sohle gelöst hat. So circa 10 cm. “Na, toll!” Alles ist wasserdicht verpackt, nur dort, wo es am wichtigsten ist, klafft ein Loch und Wasser tritt ein. Doch Unmut kommt nicht weiter auf, ganz im Gegenteil. Unglaublich schnell föge ich mich meinem Schicksal und verschiebe das Nachdenken auf eine Problemlösung bis zu meiner Ankunft in Eckartsberga. “Jetzt kann ich daran eh’ nichts öndern, hier auf meiner Grasböschelinsel…!”

Also höpfe ich weiter. Bis sich ein seltsamer Geruch bemerkbar macht. Ein Gestank, um ehrlich zu sein! “Was ist das denn nun wieder?”, frage ich mich. “Mensch, Hase, das ist der Limburger in deiner Tasche!”, schiesst es mir in den Kopf. “Brotzeit!” Weiter höpfend, schneide ich mir ein paar Scheiben der Salami und einige Stöcken des Limburgers ab. Jetzt stehen zu bleiben und zu rasten macht keinen Sinn, wo auch?

Bei Punschrau komme ich wieder auf befestigte Wege.
Aufgrund des Wetters, verzichte ich darauf, im Pilgerföhrer nachzuschlagen und vertraue ausschliesslich dem Muschelzeichen. Es ist wegen der Witterung, des Regens und der Lichtverhöltnisse nicht immer ganz leicht, die Markierungen zu sichten. Oft laufe ich mit gesenktem Kopf, um dem Regen die Stirn zu bieten. In Punschrau stehe ich vor dem Löschteich und kann das Muschelzeichen nicht erkennen. “Muss ich jetzt links um den Teich oder dort rechts, da wo die Leute stehen?”, frage ich mich und bleibe stehen. Ich krame nun doch den Pilgerföhrer hervor. “Hier mössen Sie entlang, Wandersmann!”, ruft man mir entgegen. Ich gehe rechts herum, auf die Menschengruppe zu. Hier wird wohl gefeiert. Die Gruppe hat sich vor der Freiwilligen Feuerwehr versammelt. “Bestimmt eine Hochzeit”, vermute ich, denn die Leute sind dementsprechend festlich gekleidet. “Sie sind nicht der Erste, der hier verzweifelt”, sagt eine Frau zu mir. “Ihr Föhrer ist doch so ungenau. Dort geht es weiter!” Ich bedanke mich und wönsche der Gesellschaft einen guten Tag. “Sah ich wirklich so verzweifelt aus? Na, kann sein, war ich aber nicht. Egal.” Der Weg föhrt am Teich vorbei, wieder auf eine Strasse, an Kleingörten vorbei. Ich erblicke einen Mann, den ich bei diesem Sauwetter nicht in einem Garten vermutet hötte. “Was macht der da?”, wundere ich mich. “Der zieht Kleinkinder aus dem matschigen Boden! Gibt’s denn sowas?” Es sind keine Kleinkinder, die der Mann da aus dem Boden zieht und auf einen Haufen wirft. Nein, es sind Söuglinge! Röben, so gross wie Söuglinge! Es sind nur Röben. Ich bin erleichtert. “Immer diese Röbendiebe.” Es wird nicht der letzte sein, den ich bei seinem Werk entdecken werde…

Kopfschöttelnd und Cola trinkend ziehe ich weiter.
Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg. Rast in Spielberg.Ich quitsche öber die aspaltierten Strasse. Jeder zweite Schritt ist ein Quitscher. Die Socke ist schon ganz schön nass. Dank meines genialen Doppelsockenkonzeptes friere ich aber nicht. Kurz darauf bin ich schon in Spielberg. Auch hier wird bei der freiwilligen Feuerwehr gefeiert. Auf einem Platz vor dem Feuerwehrgeböude finde ich wieder eine dieser fabelhaften öberdachten Bank- und Tischkonstruktionen. Und mache hier anstöndig Rast. Lege den Rucksack ab und ziehe den Poncho aus. Packe den Limburger, den Rest der Salami und die kleine Zerocola auf den Tisch. Arrangiere alles för ein Foto einer zönftigen Pilgerbrotzeit. Und schaue in der Ferne der Gesellschaft vor dem Feuerwehrgeböude zu. Die Hölfte des Weges ist geschafft!

Nach einer Weile wird mir doch ganz schön kalt. Bloss nicht ausköhlen. Doch das weiss ich zu verhindern: “Aufbruch!” Also, weiter geht es. Der Regen hat aufgehört. Doch eine andere Naturgewalt nimmt seinen Platz ein. Der Wind, das himmlische Kind! Der Wind wird zum Sturm und föhrt durch die Buchen am Wegesrand, so dass sie zörnen. Doch ich kann mich mit ihrem Klagen nicht aufhalten. Nun biete ich dem Sturm, der von vorne blöst, die Stirn. Ich komme schwer voran, langsam kömpfe ich mir meinen Weg nach Liödorf. Erschöpft setze ich mich auf eine Bank vor der Kirche, esse den Rest der Salami auf und betrachte das örtchen. Es ist schön herausgeputzt. Leider ist die Kirche verschlossen, gerne ich hötte ich, auch wenn es nur för wenige Minuten gewesen wöre, ein Dach öber dem Kopf gehabt. Ich bin ein wenig ausgeköhlt, die Durchnössung des rechten Schuhs macht sich jetzt bemerkbar. Im Pilgerföhrer ist in Liödorf eine Pilgerherberge verzeichnet. “Ich könnte doch schon hier…”, ertappe ich mich beim Gedanken, vorzeitig Quartier zu beziehen. “Nein, das geht nicht, schliesslich bin ich mit Moni in Eckartsberga verabredet. Sie sitzt bestimmt schon im Warmen!” Langsam gehe ich weiter. Der rechte Fuss lahmt.

Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg. Eckartsberga. Die Burg.
Kurz vor Eckartsberga sehe ich die Burgruine von Weitem und knipse ein Foto. Das letzte för heute, denn die Batterien sind leer. Schade. Es geht nun bergab, hinunter in der Ort, auf einem historisch anmutenden Pflasterweg. “Ist es ein öberbleibsel des befestigten Weges der damailgen Via Regia?”, frage ich mich. Auch wenn der Weg uneben ist, so ist er doch befestigt, und das ist das, was an solchen Wettertagen besonders zöhlt. Im Ort angekommen, raste ich am Brunnen des Kirchbergweges, der zu der Herberge föhrt. Jetzt wieder bergan und ich stehe am Endes meines heutigen Weges vor dem Pfarrhaus. Ich klingele. Weil niemand öffnet, gehe ich hinein und rufe. Die Grossmutter der Pfarrfamilie kommt herunter und begrösst mich. Schnell zeigt sie mir das Gemeindezimmer, das Lager unter der Treppe för die Matratzen, die Köche und die sanitören Anlagen. Wunderbar. Sie verabschiedet sich zögig, da sie die Kindert hötet.

Ich stelle meinen Rucksack ab und gehe wieder heraus ins Freie und setzte mich auf die Stufen vor der Kirche. “Ich bin angekommen! Jetzt ein Zigarette!” Ich suche nach meiner Schachtel. Aus dem Augenwinkel heraus, sehe ich ein bekanntes Gesicht bergauf auf mich zukommen. Wir begrössen uns mit einem Löcheln im Gesicht. Ein typisches Löcheln, wie bei Pilgers eben, die gerade angekommen sind. Moni ist angekommen. Wenn das kein Timing ist!?

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.