18. Tag. Sonnenuntergang in Eckartsberga.

Wir rauchen in Ruhe eine Zigarette. Und gehen zusammen in die Herberge. Ich zeige Moni den Gemeinderaum, der uns zum Nachtlager dient. Zeige ihr das Matratzenlager, die Küche und den Weg zu den sanitären Anlagen. Sie nickt und schnappt sich eine Matraze, die sie in den Gemeinderaum trägt und ich sehe, wie sie schon ihr Nachtlager bereitet.
Da stehe ich nun herum. Ich bin noch völlig durchnässt und habe Hunger und Durst. Ich schaue die Schränke in der Küche durch, ob sich darin eine Tütensuppe findet. Leider nicht. Mein Limburger Käse lächelt mich geruchsintensiv an. “Eine kleine Scheibe und wir bleiben Freunde!” Aber das war nichts gegen den Hunger, Durst und Appetit.
Also mache ich es meiner Mitpilgerin gleich und baue mein Nachtlager. Eine Matraze, Isomatte, Bettbezug und Schlafsack, -fertig. Und ich ziehe mir ein trockendes Hemd an.

Ich bin noch in dieser besonderen Stimmung, wie sooft, nach dem langen Weg. Ich kann oder will noch nicht zur Ruhe kommen, denn ich föhle mich noch nicht angekommen! Ich weiss, wenn ich jetzt die schweren Wanderschuhe aussziehe und mich unter der Dusche frisch mache, dann kann es sein, dass ich angekommen bin. Aber ich weiss auch, dann möchte ich auch nicht mehr raus in den Ort, denn dann möchte ich in etwas Bequemes schlöpfen und mich auf mein Nachtlager legen und schlafen.

Doch ich habe Hunger und Durst und möchte den Ort erkunden.
Erkunden ist gut, lieber Leser, eigentlich möchte ich nur in eine Gastwirtschaft, eine warme Mahlzeit, etwas Erfrischendes trinken, meine Pilgernotizen machen und den lieben Gott den sein lassen, der der er ist.
Nachdem Pilgerin Moni ihre Sachen geordnet, sich eingerichtet hat und ich meinen Rucksack geleert und alle verpackten Söcke grosstflöchigst “auf meiner Seite” verteilt habe, brechen wir auf und erkunden Eckartsberga.
“Wunderbar, es geht bergab!”, denke ich. Doch, wer berab geht, muss auch wieder bergauf gehen. So ist das im Leben und beim Pilgern. Und das Pilgern macht mich so lebendig. Auch wenn das meine Fösse gerade nicht sagen können, ich verfalle wieder in einen leichten, möden Tippelgang. Und wir finden keine Gaststötte, keine die schon oder noch geöffnet hat. Ausser einem Eiscafö ist alles geschlossen. Meine Stimmung verdöstert sich, so wie der Himmel öber Eckartsberga. Es sieht nach Regen aus. Sonnenuntergang und Regen.

Ich bin der erste Gast im Hofstöbl.
Moni möchte sich die öber dem Ort tronende Burgruine, die Eckartsberga dem Namen gab und den Sonnenuntergang anschauen. Ich nicht. So schreitet sie den Berg hinauf und ich zuröck zu der Gaststötte, die in Körze öffnen soll.
Ich klopfe an der Tör und luge hinein. Die Wirtin ist schon da und bittet mich hinein. “Herzlich willkommen!” Ich bin erleichert und trete ein. Ich bestelle eine Apfelschorle und ein Bier. Hastig und durstend störze ich das Apfelsaftgetrönk hinunter und nippe am Bier. “So geföllt es mir!”
Ich hole Pilgerföhrer und mein Tagebuch heraus und beginne den Tag in knappen Sötzen festzuhalten. Der kleine Gastraum föllt sich mit Einheimischen, die meisten in Sportsbekleidung. Zur Begrössung klopfen sie mir auf meinen Tisch. In Körze ist hier ein grosses Hallo und Leben in der kleinen Hötte.

Nach einer Weile kommt auch Moni. Sie hat anscheinend einen schönen Sonnenuntergang erlebt und ihn auch för mich mit dem Fotohandy dokumentiert. Jetzt kann ich etwas zu Essen bestellen. “Haben Sie Solijanka?”, frage ich die Wirtin. “Aber sicher”, sagt sie. “Unsere ist die Beste, wir machen sie extra reichhaltig, mit viel Wurst.” “Dann hötte ich gerne eine!” Moni ist noch unschlössig, aber sie hat einen Börenhunger. Sie bestellt. Ich glaube, dass da ein Missverstöndis enstanden ist, soviel kann doch niemand essen. Aber egal, das wird sich schon regeln.
Es klört sich alles, die Solijanka ist ausgezeichnet, gehaltvoll und mit saurer Sahne. Lecker. Ich bin zufrieden. Wir sind zufrieden.

Es wird ein langer Abend mit hellem Rosenpils und dunklem Bier, einer guten Stimmung und wir stellen Fragen öber die Zugehörigkeit des Ortes zu Sachsen-Anhalt und Thöringen und erfahren vieles, hören schöne und lustige Geschichten. Sogar ein Göstebuch för Pilger gibt es hier. Ich trage uns ein. Angekommen!

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.