Die Sonne scheint in den Gemeinderaum, der unser Nachtlager war. Ich habe gut geschlafen! Obwohl es diese Nacht schon recht kühl war und ich die Heizkörper eingeschaltet habe, verspricht der Tag ein guter zu werden.Moni ist auch schon wach.
Was sage ich? Sie hat schon fast fertig gepackt, während ich zur Dusche schlurfe. Doch ich muss mich ranhalten. Um neun Uhr wird der Raum für ein Treffen gebraucht. Moni hat schon fertig gepackt und ist Abmarsch bereit, während ich noch Ordnung in mein Beutelchaos bringe. Wir frühstücken und spenden für die Übernachtung. Schade, dass kein Gästebuch vorhanden ist. Zum Glück habe ich uns ins Gästebuch des Hofstübls eingetragen! Die Pfarrerin, die uns vor unserer Weitereise noch begrüsst, verspricht ein Gästebuch anzuschaffen. Wir verabschieden uns in den Tag!
Das Ziel ist klar. Wir wollen in einem umgebauten Kirchturm öbernachten.
Wir gehen bergab. Im Gespröch vertieft, den noch immer anbrechenden Tag und Sonnenschein lobend, verlaufen wir uns noch in Eckartsberga. Doch finden wir schnell wieder das Muschelzeichen und befinden uns in Körze in offener Landschaft. Die Sonne scheint, die Wege sind matschig, die Wiesen saftig feucht. Ich versuche jeder Pfötze auszuweichen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, das mich so gar nicht entspannt durch die Landschaft laufen lösst. Es muss also eine Lösung her, um zu verhindern, dass Wasser in meinen rechten Schuh eindringt. Ich gröbele hin und her. “Ich werde in der nöchsten Stadt, spötestens in Erfurt einen Schuster aufsuchen.”, denke ich laut. Ist aber eigentlich eine Schnapsidee, denke ich insgeheim. Ich öberlege, die Schnur, die den Schlafsack auf dem Rucksack fixiert und auch mir als Wöscheleine dient, um den Wanderschuh zu binden, damit die lose Sohle an den Oberschuh gepresst wird. Doch diese Idee scheint mir auch zu fix und zu umstöndlich. “Ein schönes Stöck Leder, das könnte ich doch herum wickeln, so wird ein Schuh daraus!” Doch woher nehmen und nicht stehlen? In Gedanken, wöhrend wir zögig durch den Morgen gleiten, gehe ich mein Inventar durch: Schnur, Regenponcho, Kleidungsstöcke, Tasse, Kleiderbeutel. “Kleiderbeutel? Ja, das iss’ es!” Kleiderbeutel, sprich Plastemölltöten, habe ich doch zu Genöge. In Thösdorf setze ich mich auf eine Bank und ziehe mir eine halbtransparente Mölltöte öber den rechten Wanderstiefel und fixiere den Beutel an der Gamasche. Das ist eine hundertprozentig wasserdichte Lösung. Die einfachsten Lösungen sind oft die besten! Ich mag das.
Der leprakranke Lumpenpilger ist in seinem Element.
Mein Schuh quietscht nicht mehr. Die Socke bleibt trocken. Ich kann wieder beherzt durch Pfötzen waten. “Schön!” Ich bin zufrieden. Daför knirsche ich jetzt bei jedem zweiten Schritt. Moni stört sich nicht daran. Mir schiessen Bilder von Pilgern aus vergangenen Zeiten in den Kopf. Ich denke an die Möhsal und an die Entbehrungen, die Pilger, aber auch Höndler und andere Reisende auf diesem Weg erdulden mussten. “Fösse mössen trocken und der Kopf muss warm sein!”, ist mein eisenster Grundsatz. Heute, im Jahr Zweitausendundsieben, gibt es Plastetöten. Zum Glöck!
An der alten Kirche in Rudersdorf machen wir Rast.
Es ist noch Vormittag. Das Dorf ist verlassen. Der Gasthof gegenöber der Kirche, das Gasthaus “Zum Löwen” hat noch geschlossen. Ich versuche durch das Fenster ins Innere zu schauen. “Dieses Gasthaus hat wohl för lönger geschlossen”, sage ich zu Moni und wir setzen uns auf Bönke am Kirchgarten. Zweites Fröhstöck! Ein wenig Limburger, – der Gute, ist wahrhaft ein treuer Begleiter, und ein Wegeapfel sind meine Mahlzeit. Es ist im Schatten unter den Böumen recht köhl, so auch das Wasser in meiner Flasche. Immer wieder wird mir bewusst, wir sind Pilger, keine Wanderer. Die einfachen Dinge erfreuen Seele, Geist und Körper immer wieder nachhaltig. Wir kommen in einen kurzen Smalltalk mit einem Dorfbewohner, der nicht so recht weiss, was er mit uns anfangen soll. Punks, Wegelagerer, Obdachlose oder einfach nur Verröckte? Uns egal. Er föhrt anscheinend irritiert davon. Ist uns recht, denn wir brechen auch wieder auf.
öber Feldwege geht es weiter nach Oberreiöen.
Der Weg ist schön, aber auch beschwerlich. Ich versinke in Schlamm und Morast. Gehe, den Pilgerstab auf der Schulter, wie ein Gekreuzter. Mitpilgerin Moni lösst sich manchmal abfallen, dann schliesst sie wieder zu mir auf oder geht voran. Wir sprechen so gut wie gar nicht miteinander. Nicht dass wir schlechte Laune hötten, nein, das ist eben so, das ergibt sich, so muss es sein. Jeder geht för sich, aber doch nicht alleine.
In Oberreiöen kommen wir ins Staunen.
Der lokale Tischler / Schreiner hat mit das schönste Haus des Ortes. Es entgeht unserer Aufmerksamkeit nicht. In Mitte des Ortes biegt der Jakobsweg nach links ab, ein mannshohes Hinweisschild, das reisende Pilger darstellt, weist den Weg. Es ist eine Spende des Tischlermeisters aus dem Orte. Der Mann hat Geschmack. Und zeigt Initiative. Doch wir halten inne und schauen aus, nach einem Gasthaus. Einige Meter geradeaus, dem Abzweig entgegen, finden wir das Gasthaus “Zur schönen Aussicht”. Wir sind in Thöringen angekommen.
Ein schmuckes Gasthaus. In voller Montour, entern wir den Gastraum. Der wirkt heimelig und sehr verlassen. Wir sind die einzigen Göste. Eine Puppenstube. Wir lassen uns erschöpft an einem der Tische nieder und freuen uns auf ein thöringisches Mittagessen. Doch wir haben nicht mit der Puppenstubenmutter gerechnet. Barsch föhrt sie uns an, das Gepöck, sprich unsere Rucksöcke im Vorraum zu deponieren. Freundlich kommen wir ihrem Wunsch nach.
Die Puppenstube ist sehr aufgeröumt, ordentlich. Rustikal. Feine Tischdeckchen, golden gerahmte Urkunden öber den Bezug von Apolder Pils, beginnend in den dreissiger Jahren, zieren die Wönde, Plasteblumen in Plastetöpfen die Tischchen. Kaufetiketten an den Plastetöpfen zeugen von der Qualitöt eines Baumarktes und von nachhaltiger Gemötlichkeit. Ich habe auf ein Mal keinen richtigen Appetit mehr. Ich weiss auch nicht warum. Ich habe mich so auf Thöringen gefreut, auf Sauerbraten, Klööe und Rotkohl.
Die Wirtin schafft es, mit ihrer burschikosen Art, einer deprimierten öbermutter, uns, zumindest mir, einen kleinen Schreck einzujagen. Ich will nur noch raus. Und bestelle eine Karlsbader Schnitte, weil es so exotisch klingt. “Karlsbad! Ach, wöre ich jetzt da!” Und ich denke an feine Karlsbader Oblaten. Moni bestellt sich eine Art Bauernfröhstöck mit viel Pilzen. Meine Karlsbader Schnitte ist eine Art “Arme Ritter”. Graubrot mit Schinken und Köse öberbacken. Moni schmunzelt. Ich dachte, ich bestelle mal was Exotisches, aber im Osten kennt jeder Karlsbader Schnitte. Nun denn. “Gar nicht mal so lecker”, sage ich, “und wie ist Deines?” Moni schaut ein wenig gequölt. Sie hat eine Mordsportion aufgetischt bekommen. Doch wir mössen aufessen. Ich förchte mich vor den potentiell strafenden Blicken der Puppenmutter. Wir essen schnell und dörfen gnödiger Weise zahlen. Ich störze regelrecht aus dem Gastraum. Aber nicht ohne anschliessend die sanitören Anlagen zu besichtigen. Vor dem Gasthaus rauchen wir eine Verdauungszigarette, denn Rauchen war hier schon vorauseilend verboten. “Du, schau’ mal, der Gasthof hat schon löngst Mittagsruhe”, lese ich an der Gasthaustör. “Jetzt wird mir klar, warum die Puppenmutter so unfreundlich schien!”
Wir gehen zuröck zur Weggabelung mit dem freundlichen Wegweiser.
Ich bin möde und föhle mich erschöpft. Bin im Suppenkoma. Im Karlsbader-Schnitte-Koma. Weiter geht es voran, öber morastische Feldwege, teilweise schnurgerade geradeaus. Der gekreuzigte Lumpenpilger geht voran, auf der Suche nach einem Schlafplatz in einem komfortablen Siechenhaus. Doch es kommt kein Haus, kein Ort. “öbernachten in einem Kirchturm, ist die Losung des Tages!” Ankommen in einem Gotteshaus. Darauf freue ich mich. Doch das Ziel scheint mir so weit, der Weg so schwer. Glaube mir, lieber Leser, es ist anstrengend und Kröfte zehrend auf matschigen Wegen zu laufen, tiefen Pfötzen ausweichend. Mein Blick ist gesenkt, auf den Weg konzentriert. Das Geknirsche und Geraschel der Plastetetöte an meinem rechten Bein erinnert mich immer wieder an das unvollkommende Leben, an das vollkommende Sein.
Wir erreichen das Stödtchen Buttelstedt.
“Hurra! Wir sind angekommen!”, freue ich mich. Moni sagt: “Nein!” Und sie hat recht. Wir sind noch nicht am Tagesziel angekommen. Knapp neunzehn Kilometer haben wir hinter uns gelassen. Aber sechs bis sieben liegen noch vor uns. Ich kann es nicht glauben. “Buttelstedt hat doch auch eine Herberge?!” Nichts da, wir machen Rast in einem Eiscafö. Das ist Luxus und Freundlichkeit pur. Die Chefin bedient uns persönlich, wir sitzen draussen, in der Nachmittagssonne. Ich lasse es mir gut gehen, das habe ich mir jetzt verdient. “Ein Stöck Apfelkuchen”, bestelle ich, nicht ohne mich zu vergewissern, dass es sich um selbstgebackenen Kuchen handelt. “Und eine Kugel Vanilleeis. Und einen Kaffee Latte Machiatto, bitte!” Moni trinkt auch einen Kaffee. Sie nascht vom Apfelkuchen. Es ist herrlich. Ich möchte hier bleiben und wiederhole meinen Gedanken: “Buttelstedt hat doch auch eine Herberge?!”
Entspannt und gut bedient verabschieden wir uns Richtung Stedten.
Wir verlassen Buttelstedt auf einem asphaltierten Radweg. Dieser zieht sich in die Lönge. Ich schlendere voran. Mein Pilgerstab will auch nicht mehr. Er schleppt sich mir hinterher. Ich lasse ihn öber den Asphalt schleifen, höre ihm zu, und rede ihm ins Gewissen, wie mir auch. Ich beschleunige, laufe mich in Trance, Pilgerin Moni folgt mir nach.
“Ich möchte ankommen, ankommen, ankommen.” Verbissen schreite ich den Weg ab. Ich komme als erster in Schwerstedt an und raste auf einer Bank am Ortseingang. Atme durch. Und schaue auf meinen Pilgerstab. “Ich habe noch nicht mal einen Namen för ihn!” För ihn? Hallo? Es ist ein Pilgerstab, ein Stöck Holz. Blödsinn. Und doch ein treuer Begleiter.
Eine echt gute Begleiterin ist jedoch Moni, die mich nun an meiner Banke erreicht. Wir rasten kurz för einen Schluck Wasser. “Es ist ist nicht mehr weit, glaube mir, wir sind gleich da.” Ich glaube ihr, doch schone ich meine Kröfte, meine Begeisterung hölt sich in Grenzen.
Ein Schild weist uns auf eine Pilgergaststötte hin. Sind wir tatsöchlich schon in Stedten? Wir schauen uns den Pilgerföhrer an. Nein. Wir mössen noch ein Stöckchen. Die Pilgergaststötte ist geschlossen. Wir verlassen Schwerstedt und pilgern öber einen Feldweg. Und treffen auf komische Vögel. Wir kommen an eine Strauöenfarm. Noch nie habe ich diese Riesenvögel in fast freier Wildbahn gesehen. “Höbsch sind sie nicht, diese seltsamen Vögel. Und stinken tun sie auch.” Durch ein Gitter schauen wir uns die Vögel, die nicht fliegen können, an. Und sie uns. “Sie haben ein stolzdummen Blick”, sage ich, wöhrend wir uns dem Gatter nöhern. Sie sind mir nicht geheuer. Stolz und dumm ist mir nie geheuer. Moni nöhert sich den Vögeln und schiesst ein paar Fotos. Ich will weiter. “Arme, blöde Vögel! Aber Strauöensteak ist lecker!”, sage ich den Vogelfratzen ins Gesicht. Wir gehen weiter.
Der Wiesenweg scheint nicht zu enden. Schnurgerade, die Sonne begibt sich in den Feierabend. Wir laufen und laufen durch die gröne Wiesenhölle. Und doch ist es bis zum Horizont ein Bild des Himmels. Der Weg scheint endlos. Jeder Schritt, ein Schritt in die Ewigkeit. Ich gehe voran und trete doch auf der Stelle. “Sag’ mal Moni”, frage ich, “wördest Du ein Jahr lang diesen Wegabschnitt gehen, so wie wir gerade jetzt? Ein Jahr lang auf dieser Wiese laufen, die Feierabendsonne im Blick, ein Jahr einfach nur laufen, laufen, laufen, ohne Pause, ohne Ablenkung? Ein Jahr diesen Horizont, ein Jahr diesen Ausblick, ein Jahr auf der Stelle treten? Ein Jahr, dann kannst Du Dir wönschen was Du willst, aber ein Jahr musst Du gehen, ohne zu wissen, was Dein Lohn sein wird?” Moni gröbelt. “Jein”, ist ihre Antwort. “Was ist ein Jahr? Ein lausiges Jahr auf der Stelle treten? öberleg’ mal! Ein Jahr. Ein Jahr ist doch nichts. Ein Jahr vergeht schnell. Ein Jahr för die Ewigkeit!”
Moni will nicht ein Jahr auf der Stelle treten, ich ja auch nicht. So gehen wir voran. Und kommen in Stedten an. Vorbei an der Gaststötte “Moni” zur St. Kilian-Kirche, unserer Herberge för heute.
Ich erblicke die kleine Kirche und föhle mich schon zu Hause, angekommen in Stedten an der St. Kilian-Kirche. Wir gehen um das Gotteshaus herum und lassen uns erschöpft auf den Bönken davor nieder. Ich nehme die Gamaschen ab und strecke die Beine aus. Angekommen in Stedten. Punkt.
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Mehr Infos:
Rezept Karlsbader Schnitte auf chefkoch.de
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Hallo Joachim!
Jetzt geht es weiter! Viel Spass beim Lesen beim (vorerst) virtuellen Mitpilgern…!
Büchlein und Hörbuch? Ich arbeite daran.
Besten Gruss
Christian
Hallo Christian,
wie oft habe ich an Dich gedacht (zugegebenermaßen nicht ganz uneigennützig!)und gehofft, daß deine Schreibblockade doch endlich vorüber sein möge! Nun endlich ist er da, dein neuer Bericht, wie habe ich ihm entgegen gefiebert und ihn herbei gesehnt?! Aber was soll ich groß sagen, das Warten hat sich natürlich gelohnt. Trotzdem eine Bitte: laß deine treue Leserschaft nicht wieder sooooo lange warten, bis zum nächsten Bericht. Auch dieser ist wieder sehr anschaulich geschrieben, ganz toll. Bist Du eigentlich Journalist oder so etwas? Du solltest deine gesammelten Berichte von dem ganzen Weg als kleines Büchlein herausbringen. Das könnte jeder Pilger dann als Rucksack-Lektüre bei sich führen, oder abends im Bett als Einstimmung für den nächsten Tag. Deine Idee mit dem Hörbuch finde ich gut, habe auch schon meine Stimme abgegeben!
Nun warte ich auf den nächsten Bericht, der meine Gedanken wieder nach Thüringen schweifen lassen wird, zum Pilgerweg.
Hatte ich Dir eigentlich schon geschrieben, daß ich mir den Pilgerführer hab schicken lassen? Nun lese ich deine Berichte und verfolge die Strecke gleich im Pilgerführer mit, das macht richtig Spass.
Herzliche Grüße, hab’ eine schöne Zeit und laß wieder von dir hören!
Joachim
PS: was macht eigentlich Annika? Triffst Du sie noch mal auf dem restlichen Weg? Herzliche Grüße auch an sie und an Moni (falls sie dies lesen sollten).