Übernachtung im Kirchturm und 20. Tag: Wir gehen ins Kloster!

Wir sitzen auf den Bänken und ich freue mich, angekommen zu sein. Eine ältere Frau kommt auf uns zu. Moni hatte sie angerufen, damit sie uns die Herberge aufschliesst. Sie begrüsst uns freudig und herzlich. “Willkommen in Stedten!”

Sie schliesst mit einem altertümlichen Schlüssel die Kirche auf. Moni folgt ihr. Ich bleibe noch sitzen und strecke mich. Und wechsele meine Schuhe. Raus aus den schweren Wanderschuhen und barfuss in die Flipflops. Mein rechter Fuss ist ein wenig geschwollen. Das liegt mit an der Plastetüte, die ich inzwischen nicht mehr über dem Schuh gezogen habe, sondern über die Socke im Schuh. Es hatte sich ergeben, dass die Plastetüte über den Schuh gezogen nicht besonders lange gehalten hat. Nun, so eine Plastetüte ist nicht besonders atmungsaktiv.

Ich stehe auf und humpele in die kleine Kirche. Schleppe mein Hab und Gut hinein. Rechts ist die Toilette, links eine kleine Teeküche, vor mir der Kirchenraum, am Ende der Altar. Alles ist frisch renoviert und instand gesetzt. Ich nehme mir einen Kirchenstuhl, einen einfachen Klappstuhl und setze mich. Ich bin noch immer ziemlich erschöpft.

Moni ist mit unserer Herbergsmutter “oben”. “Oben” ist der Kirchturm. “Moni wird’s schon richten!” Ich warte, bis die beiden wieder zurück sind. Dann schlurfe ich nach “oben” und bringe meinen Rucksack ins Schlafgemach. Das Schlafgemach ist ein kleiner Raum im Kirchturm, ein Tisch, Stühle und Matrazen. Meine Begleiterin hat sich schon ihr Nachtlager bereitet. Ich beziehe eine andere Matraze. Die Luft ist ein wenig stickig. Und überall fette Fliegen. Ich öffne die beiden Fenster, in der Hoffnung, dass die Fliegen hinaus schwirren. Das tun sie aber nicht, wohl in dem Wissen, dass es in unserem Schlafraum wärmer ist als draussen. Ich sammele mir Kleidungsstücke zusammen, schnappe mir meinen Kulturbeutel und gehe wieder hinunter, um mich frisch zu machen. Eine Dusche gibt es hier nicht. Heute bin ich mal wieder eine Frostbeule. Katzenwäsche! Gestärkt und erfrischt trete ich wieder hinaus, ins Freie und finde Moni im Gespräch vertieft mit einem älteren Herrn. “Ich möchte einfach nur Ruhe heute, und ein Abendessen, das wäre schön!”, sind meine Gedanken. Ich geselle mich dazu, sitze wieder auf der Bank vor der Kirche und schweige, während ich dem Gespräch der beiden lausche.

Herr H. Brand ist Bauunternehmer, er stammt aus dem Ort. Er war wesentlich am Aus- und Umbau und der Sanierung der St. Kilian-Kirche beteiligt. Und es ist ihm sehr gut gelungen, wie ich finde. Liebevoll, die Steinplatten vor der Kirche, mit Muschelmotiven, rationell und modern der Innenraum des Gotteshauses. “Welch’ Kontrast”, sage ich, “wenn man das Haus gegenüber sieht!” Gegenüber verfällt ein Haus. Das sehe ich immer wieder, auf dieser Pilgerreise: Entwicklung, Modernisierung, schmucke Häuser und Verfall und Ruinen. Ein wirkliches Dilemma, das mich immer wieder ins Grübeln bringt.

Mit Moni bei Moni.
Nachdem sich der Bauunternehmer verabschiedet hat, macht sich Moni ausgehbereit. Wir haben den Tipp bekommen, die ein paar Meter zurück in den Ort zu gehen. Dort gibt es einen kleinen Gastraum. Moni’s kleine Kneipe. Da gehen wir hin. Wir essen eine Kleinigkeit in dem Gastraum, der eher ein Wohnzimmer der Gastgeber ist. Ich trinke thüringisches Bier: Braugold. Monis Wohnzimmer ist gut besucht, wir kommen mit den Einheimischen ins Gespräch. Während Moni uns bedient, erkennt man “meine” Moni am Dialekt. Ich oute mich als Westberliner, was aber niemanden von der Bank haut. Auch gut. Nachdem ich meine Tagebucheintragungen fertig habe, verabschieden wir uns in die Nacht. “Macht’s hübsch!” verabschieden uns die Stedter. Vor uns liegt unsere Herberge, vom Vollmond beschienen. Ein klarer Sternenhimmel begeistert mich. Angekommen im Kirchturm, im Schlafgemach, drehe ich die Elektroheizung hoch und falle in Nullkommanix in einen tiefen Schlaf.

Ein Wunder, dass wir nicht erstickt sind, der 20. Tag, ein neuer Morgen, begrüsst uns freundlich.
Nachlager in der Kirche zu Stedten Gegen acht Uhr wache ich auf. Noch im Halbschlaf habe ich es geahnt, dass Moni schon vor mir wach ist. Ich finde das interessant: Auch wenn wir uns erst seit einigen Tagen begleiten, habe ich den Eindruck, dass man sich auf solch ‘ einer Pilgerwanderung sehr nahe kommt und in Kürze ein “eingespieltes” Team wird. Unabgelenkt von irgendwelchen Schnickschnack, von Technik, Sorgen und Alltag, verbringt man den ganzen Tag zusammen, elementar, immer in Bewegung, mit einem gemeinsamen Ziel. Das ist doch Klasse! So lernt man sich kennen. Besonders in den Phasen, wo man schweigend durch die Landschaft läuft, finde ich zumindest.

Natürlich habe ich längst gehört, dass Moni schon auf ist und Kaffee gekocht hat…! Aber ich tue so, als wenn ich es nicht bemerkt hätte…

Die Luft steht in dem kleinen Herbergsraum. Das war wohl doch keine gute Idee, den Heizkörper so aufzudrehen. Ich kriege kaum Luft und öffne die Fenster. “Kühle Frischluft! Herrlich!” Ich fühle mich wieder lebendig.
Und gehe hinunter zur Morgentoilette. Als ich die Tür zum Kirchenschiff öffne, schlägt mir die ganze Kälte des Morgens entgegen. Ich fröstele. Bin aber dadurch mit einem Schlag wach.

Moni ist schon fast gehbereit. Sie erwägt auch vor mir zu gehen, da sie den Alternativweg durch den Buchenwald gehen möchte. “Das ist aber eine ganz schöne Strecke, ich bin nicht dabei!”

Das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald wäre sicherlich ein Pflichtbesuch, aber nicht auf dieser Reise. Das ist meine Meinung. Ich werde heute bis Erfurt gehen. Ins Kloster.

Moni hadert mit sich. Ich packe meine sieben Sachen zusammen, ein wenig mit einem schlechten Gewissen. A), weil ich mich verspätet fühle und B) weil ich nicht weiss, wie ich zum “Buchenwaldumweg” stehe.
Einerseits denke ich, dass es doch ganz schön sein kann, wieder mal einen Tag alleine zu gehen, andererseits denke ich, dass es Moni nicht bis Erfurt schaffen würde, wenn sie durch den Wald geht. Das fände ich schade.
Nachdem ich fertig gepackt habe, trage ich uns ins Gästebuch ein. Und entdecke, dass Anika auch hier übernachtet hat. “Wo sie jetzt wohl ist? Sie werde ich nicht mehr einholen!”

Ich trinke hastig eine Tasse Kaffee, wir werfen unsere Spende ein und ziehen die Tür hinter uns zu.
Den Schlüssel legen wir auf das Tischchen im Kirchenvorraum und verabschieden uns. Moni geht mit mir direkt nach Erfurt. Sehr schön. Wir sind schnell wieder auf dem Weg und pilgern über morastische Feldwege über Ottmannshausen und Hottelstedt nach Ollendorf. Unterwegs frühstücke ich meinen letzten Wegeapfel.

In Ollendorf besichtigen wir die Herberge Wasserburg Ollendorf, die sich noch in der Sanierung befindet. “Im nächsten Jahr sieht das hier bestimmt toll aus!” denken wir. Wenige Meter weiter machen wir eine Zigarettenrast an einer dieser wunderbaren überdachten “Tisch-Bank-Konstruktionen”.
Wir sind an der Glotzgasse. Das ganze Dach dieser Bankkonstruktion ist mit Postkarten aus aller Welt versehen. Diese überdachte Bank hat also eine eigene Postadresse. Ich bin begeistert und schreibe mir die Adresse ab. “Ich werde eine Postkarte schreiben, wenn ich wieder zuhause bin!” Es macht sich Hunger breit, bei Moni und bei mir. Mein treuer Begleiter, der Limburger Käse, versprüht seinen unnachahmlichen Charme, als ich meine Brotbox öffne. Doch er ist keine Mahlzeit für zwei ausgehungerte Pilgersleute heute, ohne Brot, versteht sich.

Wir haben Glück! Nur ein paar Meter weiter ist ein Kaufmannsladen, der noch einige Minuten geöffnet hat, bevor die Vormittagsruhe beginnt. Voller Freude entern und plündern wir das Geschäft. Mit unserer Beute, frischen Brötchen, Wurstaufschnitt und Getränken verziehen wir uns in den Kirchgarten von Ollendorf. Im Schatten der Bäume und der maroden Kirche frühstücken wir.
Wir geniessen den Vormittag, die Einfachheit des Frühstücks und die Sonnenstrahlen. Nicht ganz unbeobachtet: Eine Piratenkatze, eine, mit einem Laubblatt als Augenklappe, lungert um unsere Bänke herum und hat uns einäugig fest im Blick. Auch sie hat Beute im Visier. “Da fällt doch bestimmt was ab”, denkt sie sich bestimmt. Ich verscheuche sie einige Male, doch das berührt sie nicht, denn dies hier ist ihr Revier.
Und sie hat richtig spekuliert: Es fällt etwas ab, für den Dorfpiratentiger, ein wenig Wurst.

Gestärkt brechen wir wieder auf Richtung Erfurt.
Auf Feldwegen gehen wir weiter über Wallichen bis nach Kerbsbach. Das ist teilweise ein schwieriges Unterfangen, da die Wege nicht befestigt, sehr morastisch und teilweise überflutet sind. Der Matsch verlangsamt den Gang. Ich versuche teilweise auf dem Wegekamm, am Feldrand zu gehen, da dieser durch Grasbüschel befestigt ist. Der ist jedoch ein schmaler Grad, manchmal ein Balanceakt. Diesen Wegabschnitt gehen wir beide oft viele Meter hintereinander, schweigend. Der Boden will den Fuss festhalten, ich stemme mich mit jedem Schritt dagegen, den Blick geradeaus, der Sonne entgegen.
Mein Pilgerstab, als drittes Bein, ist mir eine grosse Hilfe, ich bin immer nah dabei auszuglitschen. Moni hat immerhin zwei Gehhilfen, ihre Nordicwalkingstöcke.
“Erfurt, wir kommen!”

Bei Kerbsleben kommen wir auf einen Radweg. Wir sind uns uneins.
“Sind wir von Weg abgekommen?” In der Ferne sehen wir eine nagelneue Autobahn. Wir sprechen Arbeiter, die sich gerade auf dem Nachhauseweg befinden, an. Manche gehen wortlos an uns vorbei, oder haben “keine Ahnung”. Moni möchte einen anderen Weg gehen und zeigt mir ihre Kartenskizze.
“Das da drüben ist Erfurt, dort bei der Autobahn, hier sind wir richtig!”, beharre ich. Es kann nicht anders sein, davon bin ich überzeugt. Ein Passant kann Moni doch dann überzeugen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir nähern uns der Autobahnbrücke und können das Orteingangsschild von Erfurt und anschliessend auch wieder das Muschelzeichen entdecken. Wir sind in Erfurt! Wieder in einer Stadt! Auf ins Kloster!

Anger in ErfurtWir haben uns telefonisch versichert, dass wir im Ev. Augustinerkloster unterkommen können. Doch der Weg dahin ist noch lang. Ein Stündchen, ungefähr.
Dieses Stündchen zieht sich jedoch in die Länge. Es ist nicht schön, durch Industrie- und Neubaugebiete zu pilgern. Die letzten Kilometer nehmen wir die Erfurter Pilgertram. Wir kommen auf dem Anger an, einem zentralen Platz in Erfurt. Mitten im Fussgängerzonenstadtleben.

Bevor wir zum Kloster gehen, setzen wir uns und lassen das Treiben auf uns wirken. Eine kleine Verschnaufpause. Mein rechter Fuss hat sie auch wieder nötig. In der Plastetüte geschützt und eingehüllt, fühlt er sich an, wie in einer Sauna.
“Hoffentlich sind wir bald da!” Ich möchte duschen und mich ausstrecken.
Das Augustinerkloster, ist wie andere Gotteshäuser und Sehenswürdigkeiten in Erfurt, fabelhaft ausgeschildert. Trotzdem verlaufen wir uns kurz vor dem Ziel in einer Gasse und müssen Passanten nach dem Weg fragen. Wie ich später feststelle, genau an der der Stelle, wo sich vorigen Jahres der im Ruhestand stehende evangelische Pfarrer Roland Weisselberg seinem Leben in einem schrecklichen Fanal durch Selbstverbrennung ein Ende setzte.

Wir kehren um und erreichen das Augustinerkloster.
Das Kloster ist gut besucht, von Touristen und Buspilgern. Ich finde, wir fallen auf. Und ich geniesse immer wieder dieses Pilgerprivileg, nicht nur dabei, sondern mittendrin zu sein. Und geniesse das alte Gemäuer, das ansprechend durch moderne Elemente ergänzt wurde.

An der “Rezeption” sprechen wir vor und und uns wird ein einfaches Pilgerzimmer zugewiesen. Es liegt in einem Hof, der auch teilweise von christlichen Besuchergruppen aufgesucht wird, aber abseits, des “grossen” Rummels. Ich finde es idyllisch.
Was soll ich sagen? Lieber Leser, Du ahnst es wahrscheinlich? “Ja, ich bin angekommen! Aber richtig!”

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.