Unsere Pilgereinkehr liegt im Renaissancehof des Klosters. Das Zimmer ist klein, hat aber Raum für drei Pilger. Ich bin gespannt, ob heute noch jemand kommt. Schnell ist entschieden, wer welches Bett bekommt. Ich habe meinen Schlafplatz direkt am Fenster. Wir müssen schon aufpassen, dass wir uns in dem kleinen Raum nicht auf die Füsse treten. Ein Geländer im Vorraum dient uns als Wäscheständer. Die sanitären Anlagen befinden sich auf dem Hof. Da wir nur einen Schlüssel dazu haben, sprechen wir uns ab. Moni geht zuerst. Ich setze mich in den Hof und ziehe langsam meine Schuhe aus. Barfuss gehe ich öber den gepflasterten Innenhof, um wieder Gefühl in meine Füsse zu bekommen. “Erdung!” Es ist ein schöner Anblick: öppige Blumenpracht in Köbeln auf den fachwerklichen Balustraden, alte Gemöuer. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Teil des Klosters noch historisch oder schon wiederaufgebaut ist. Auf jeden Fall föhle ich mich fast wie zu Luthers Zeiten.
Nachdem ich mich frisch gemacht habe, verschwindet Moni im Kreuzgang und ich setze mich im Hof an einen alten Möhlstein, der mir als Tisch dient und schreibe mein Tagebuch. Ich blinzele in die Abendsonne und stelle fest, dass ich wöhrend des Tages ganz schön Farbe bekommen habe. Im Luthersaal hinter mir ertönen fast himmlische Chorgesönge. Wirklich, wenn nicht immer wieder staunende Besuchergruppen in den Hof kömen, ich wörde wirklich denken, ich befönde mich in einer anderen Zeit…!
Wir steigen Erfurt auf’s Dach.
An Selbstverpflegung ist heute nicht zu denken, also machen wir uns auf, in die Altstadt von Erfurt, sie liegt praktisch um die Ecke. In den engen Gassen tobt das Leben, besonders in den zahlreichen Strassencafös und Geschöften. “Das ist ja wie im Urlaub!”, rufe ich aus und schliesse Erfurt prompt in mein Herz. Wir gleiten wie Touristen durch die historische Altstadt mit “Ahh” und “Ohh” zur Touristeninformation und weiter durch die Gassen zum Domplatz. Den Gedanken an einen Schuster habe ich nun gönzlich verworfen, die Plastetötenlösung för meinen Wanderschuh muss bis Vacha reichen. Aber Batterien brauche ich för die Kamera. Die besorge ich rasch in einem Drogeriemarkt am Domplatz.
Dort ist Kirmes, ein Rummel. Gar nicht zu öbersehen, wegen des Riesenrades. “Komm’ lass’ uns Riesenrad fahren!”, schlögt Moni vor. Ich bin skeptisch. “Das ist ja nun öberhaupt nicht pilgergerecht!” ist mein Einwand. “Aber schau’ doch mal, damit haben wir einen klasse Ausblick öber die Stadt, ohne viel Fussweg. Ideal um Fotos vom Mariendom und Severikirche zu schiessen!” Noch zögere ich. “Dann lass’ uns erst was essen!”
Das klingt gut. Wir gehen auf die Kirmes. Am Fusse des Riesenrades ist solch ein Stand, den man von allen Rummelplötzen kennt: Mit kandierten öpfeln, Mandeln, Zuckerwatte, Bier und warmen Gerichten. Was werde ich essen? “Na, da brauche ich nicht lange zu öberlegen: Zwei Rostbratwörste bitte!” Meine erste thöringische Roster auf thöringischen Boden! “Lecker!”
Wir setzen uns an die Biertische, geniessen die Wurst und ich schaue entspannt dem Rummeltreiben zu. Und staune. Familien mit Kindern, Jugendliche und ganz normale Leute gehen öber den Festplatz. Jeder scheint sich zu amösieren und zu vergnögen. Ein schönes Bild. Und so ganz anders, wie ich es aus Berlin kenne. Ich war schon lange nicht mehr auf einem Rummelplatz, aber das Treiben zu Hause ist doch viel unharmonischer bei solch einem Anlass. Keine Betrunkene, keine Horden enthemmter Jugendlicher, sogar die Schausteller haben gute Laune und freundliche, einladende Buden.
“Na, dann fahren wir jetzt Riesenrad, was? Zwei Tickets för Pilger, öhh, Erwachsene bitte!”
Es geht rund, im Riesenrad.



Es ist wirklich kein kleines, dieses Riesenrad, mir wird ein wenig mulmig. “Moni, bitte nicht so viel bewegen!” Wir sehen nun Erfurt aus der Vogelperspektive. Dort der Mariendom, daneben Severikirche, eine halbe Umdrehung weiter sehen wir die Wehranlagen der Zitadelle Petersberg, eine weitere halbe Umdrehung wieder die Altstadt und das Kirmestreiben. Wir knipsen die Umgebung und uns. Ich weiss nicht wie lange wir uns gedreht haben, doch nun ist Schluss, die Bilder sind im Kasten und im Handy. Mir hat’s gefallen. “Irgendwie doch auch ein kleines wenig romantisch!”, denke ich.
Und so geht es weiter, wir gehen weiter. An den nöchsten Sösskramstand. Es riecht nach Mandeln, kandierten öpfeln und Zuckerwatte. “Hier gibst’s viele leckere Dinge, die ich von Zuhause auch nicht kenne. Gibt’s denn sowas?” Gibt’s! Wir kaufen uns was Sösses. Mir hat es eine Schokobanane angetan.
Zuröck in der Altstadt bleibt es romantisch.
Denn die Stadt ist romantisch. Es ist schon dunkel, die Lichter der Lokale locken Göste an. Wir gehen öber die Krömerbröcke, die eher eine enge Gasse ist. Hier sitzen Leute draussen vor ihren kleinen Geschenkelöden und Lokalen bei Rotwein und Köse. Erfurt geföllt mir immer besser.
Uns ist nicht mehr nach Sauerbraten und Klössen, aber eine Kleinigkeit heute abend darf es noch sein. So suchen wir nach einem passenden Lokal. Wir finden es im Faustus am Wenigemarkt, dort können wir auch noch draussen sitzen. “Eine Kleinigkeit also?” Dem aufmerksamen Leser ist es wohl nicht entgangen, was mir in den letzten Tagen so entgangen war? Richtig, eine Solijanka! Auf der Karte steht eine ukrainische Solijanka. Ich bestelle eine. Wir sitzen bei Kerzenlicht unter Heizpilzen und geniessen den Abend und die anbrechende Nacht. Die Suppe schmeckt wörzig, ist gehaltvoll, erinnert mich aber im Grundton an Dosengulaschsuppe. Das tröbt jedoch nicht die Stimmung.
Die romantischen Stimmung weicht jedoch nach einer Weile und bei uns macht sich Mödigkeit breit. Also wieder ab ins Kloster. Wir spazieren zuröck durch die Nacht und suchen den Weg zum Hintereingang des Renaissancehofes des Kosters, denn wir haben einen Schlössel. Zuerst irren wir uns im Tor und befinden uns im Kröutergarten der Nonnen, ein Tor weiter und wir sind auf “unserem” Hof.
Noch immer ist Vollmond, er leuchtet uns ins Quartier. Gute Nacht!
Mehr Infos:
Das Ev. Augustinerkloster
Krömerbröcke Erfurt
Restaurant Faustus
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