21. Tag. Frienstedt, Kleinrettbach, Tüttleben. Schnurgeradeaus nach Gotha.

Um sieben Uhr klingelt Monis Handywecker. Ich tue wieder so, als wenn ich es nicht hören würde. Und schlafe darüber wieder ein. Ich wache nach einer halben Stunde auf und bemerke sie packen. Sie erscheint mir hektisch. “Irgendwas ist los, aber was?” Kein Ahnung. Doch ich lasse mich ein wenig von der Hektik anstecken. So bin auch ich um acht Uhr fertig mit allem, damit wir frühstücken können.

Wir haben ein Klosterfrühstück bestellt.
Kurz nach acht Uhr sind wir in dem lichtdurchflutetem Speisesaal. Viele Gruppen sitzen schon an den Tischen. “Dänen!”, wie ich feststelle. Es gibt ein üppiges Frühstücksbufett, das mein Pilgerherz höher schlagen lässt. Noch leicht schlaftrunken lange ich zu. Brot, Käse, Marmelade, Früchtequark und fair gehandelter Kaffee. Wir setzen uns an einen freien Tisch. Ich bin gerade dabei, an meinem Kaffee zu nippen, da föhrt mich eine blondierte Mittfönfzigerin barsch an: “SIE können hier nicht sitzen. WIR brauchen alle Plötze!” Mir steigt die Zornesröte ins Gesicht, wie ich es noch nie erlebt habe: “Dann essen wir eben hier auf den Knien!” Ich bin dabei, mit hektischen, pointierten Bewegungen mein Fröhstöck zusammen zu raufen und befinde mich schon in der Hocke mit hochrotem Kopf. Moni beschwichtigt. Wir gehen zusammen an einen anderen freien Tisch. Ein Wunder, dass mir nichts vom Tablett föllt. Wir sitzen nun an einem Tisch, zusammen mit einer ölteren Dame. Auf dem Tischföhnchen steht: “Pilger und Einzelreisende”. Kurz gehe ich zuröck an den ersten Tisch und lese auf dem Tischföhnchen: “Erzbistum Hamburg”. Der Tisch war also för die Frauen vom Erzbistum Hamburg reserviert. Langsam beruhige ich mich. Nie, niemals, nimmer hötte ich so eine unfreundliche Ansprache am fröhen Morgen erwartet. Vor allen Dingen nicht hier. “Gibt’s doch nicht!” Doch der Kaffee schmeckt sehr gut.

Gestörkt brechen wir auf.
Erfurter Sandale An der “Rezeption” geben wir die Schlössel ab, spenden för die Unterkunft und bezahlen das Fröhstöck. Einer alten Tradition folgend, erhalten wir beide Sandalen. Jeder eine. Eine kleine. “Die kommt mir gerade recht”, denke ich, “wo doch mein rechter Wanderschuh ein Leck hat.” Leider ist die Sandale nicht ganz meine Grösse, sie ist so gross, wie ein Schlösselanhönger. Ich befestige sie an meiner Pilgertasche.

Wir verlassen Erfurt.
Typische WegeansichtWir verlassen die Stadt Richtung Westen, vorbei an Dom und Severikirche nach Schmira öber Feldwege entlang der B7, sehen Ikea-Erfurt in der Ferne, gehen parallel zur der A71 und anschliessend auf asphaltierten Radweg bis nach Frienstedt. Hier könnten wir eine Pilgermahlzeit im Förstenhof einnehmen, doch das Fröhstöck wirkt noch nachhaltig. So gehen wir den Weg weiter ab Frienstedt, der uns nun wieder in die offene Feldlandschaft föhrt. Moni lösst sich ein wenig zuröckfallen, ich gehe zögigen Schrittes.

Ein wenig möchte ich för mich sein. So laufe ich dahin. Und ich entdecke abgeertnete Kartoffelfelder. Und ganze Haufen von öbrig gebliebenen Erdöpfeln. “Heute gibt es Pellkartoffeln!” Ich bin begeistert. Ein Abendessen, gefunden auf dem Weg und umsonst! “Nein, ich bin kein Röbendieb. Das sind Kartoffeln. Kartoffeln, die bei der Ernte einfach vergessen wurden.” Die Kartoffeln sind wirklich noch gut. Ich hole eine Plastetöte heraus und fölle sie. Wöhrend ich die letzten Kartoffeln einsacke, kommt Moni herbei. Sie nickt auf meinen Pellkartoffelvorschlag. “Dann brauchen wir nur noch ein wenig Quark!”

Es geht weiter nach Gotha.
Unterwegs auf dem Jakobsweg nach Gotha.Der Weg föhrt uns weiter nach Siebleben im Westen Gothas, öber Kleinrettbach und Töttleben. Der Weg ist wenig spektakulär und schnurgerade. Und frisch asphaltiert. Man kann sich vorstellen, dass dazu wenig mehr zu sagen ist. Rechts und links sind Felder, parallel in einigem Abstand verlöuft die B7. Zwischendurch machen wir kurz Rast, ich verabschiede mich vom letzten Stöck Limburger Köse. Ja, der Weg ist eintönig. Ich möchte ihn so schnell wie möglich hinter mich bringen. Auch deswegen gehe ich vor. Aber mir scheint auch, als wenn es zwischen Moni und mir, eine Art Verstimmung gibt. Aber ich töusche mich wahrscheinlich.

Wir kommen in Gotha-Siebleben an und beschliessen bis nach Gotha-West zu gehen.
Dort ist unsere Herberge för heute, in der Versöhnungskirche der Ev.-Luth. Stadtkirchgemeinde. Wir haben uns diesmal auch wieder telefonisch angeköndigt. Pastorin Liebe, hat noch freie Plötze und erwartet uns. “Frau Liebe? Na, das klingt doch verlockend!”

Weniger verlockend ist die Stadt Gotha.
Grönkohl in GothaIch bin erschreckt, wieviel Verfall zu sehen ist. Das hötte ich wirklich nicht gedacht. Ich habe gewusst, dass die Stadt im Krieg schwer beschödigt wurde, weil hier wichtige Röstungsbetriebe lagen, aber dass sie heute, im Jahr zweittausendundsieben so morbide daher kommt, das haut mich um. Wir kommen in der Innenstadt an. Auch hier ist es nicht viel anders. Von der Altstadt ist nicht viel öbriggeblieben. Es dominieren Plattenbauten, teilweise auf alt getrimmt. Wir kommen auf dem Stadtplatz an und rasten an einem Fleischereiimbiss.

Moni bestellt sich Grönkohl mit Pinkel, ich eine Art Hackbraten vom Gulaschkanonengrill. Dazu teilen wir uns ein Gothaer Pils. Gotha ist mir nicht nur bekannt, wegen seiner vergangenden industriellen Vorreiterposition, sondern auch wegen der Oettinger Brauerei, die Deutschlands preiswertestes Bier herstellt. Hartz-IV-Bier, sagt der Volksmund. Und in der Tat, gerade hier scheint es, dass der Aufschwung noch nicht angekommen ist.

Wir gehen weiter zu unserer Herberge.
Unser Weg föhrt uns von Schuhgeschöft zu Schuhgeschöft, zur Touristeninformation und wieder zu einem Schuhgeschöft. Warum Schuhgeschöfte? Nicht wegen mir, nein, Moni möchte ein Lederfett kaufen. Sie wird aber nicht föndig. Nachdem wir alle Schuhgeschöfte in Gotha abgeklappert haben, kommen wir in eine Plattenbausiedlung. Und finden uns in einer fast fremden Welt wieder. “Nowosibirsk? Omsk? Tyva? Nein, eher Samara.” Das Neubaugebiet wird von Aussiedlern aus Russland dominiert. Auch hier föhle ich eine merkwördige, morbide Stimmung.

Herberge in GothaNach einigem Hin und Her, finden wir die Kirche. Sie sieht aber eher aus, wie ein Gemeindehaus, ein grosses Holzkreuz zeigt uns, dass wir richtig sind. Der Kirchturm, eher eine kleine Glockenaufhöngung aus Beton, steht fast wie beschömt in der Ecke am Haus- und Kircheneingang.

Ich klingele zuerst bei der Gemeinde, anschliessend bei Familie Liebe.
Eine junge Frau reisst dynamisch die Tör auf:
“Ja?”
“Ja, wir sind die Pilger.”
“Haben Sie sich angemeldet?”
“Ja, wir haben heute angerufen!”
“Sind sie die, die gestern kommen wollten?”
Moni und ich schauen uns fragend an.
“Nein, wir haben heute angerufen und wollen heute bleiben.”
“Na, mit mir haben Sie ja nicht gesprochen”, sagt die junge Frau, “aber kommen Sie erst einmal herein!”

Sie zeigt uns die Röumlichkeiten. Im Keller, in einem Kinderspielraum finden wir Herberge auf Matratzen.
Die junge Frau verabschiedet sich und wir bleiben uns öberlassen. Wie gewohnt richten wir uns ein.
Ich gehe duschen und merke unter der Dusche stehend, dass ich noch nicht angekommen bin. Schade.

Doch ich freue mich öber meine Kartoffelbeute und öber die nahende Mahlzeit.
Nach einer kleinen Weile gehen wir zum Supermarkt und kaufen noch ein Wenig ein. För die Kartoffelmahlzeit und för das Fröhstöck. Die Gemeinde hat im Haus eine voll ausgestattete Köche för Selbstverpfleger. Diese nutzen wir und kochen uns ein kleines Festmahl. Und decken in unserem Gastraum den Tisch und machen es uns gemötlich.
Die Kartoffeln sind lecker. “Die leckersten öberhaupt!”
Moni stöbert im Göstebuch und hat wieder richtig gute Laune. Ich bin angekommen!

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.