22.Tag. Golanhöhen, Panzerweg und Frau Holle.

Wir machen uns Schnittchen und brechen gegen neun Uhr auf. Und schauen, wie wir wieder auf den ausgeschilderten Jakobsweg kommen, denn die Herberge in Gotha-West liegt nicht direkt auf der Spur. “An den Golanhöhen rechts vorbei, dann auf den Panzerweg, dann ist wieder alles im Lot.”, hat man uns gestern geraten.
Die Golanhöhen in Gotha sind ein bebauter Hügel, der nicht zu übersehen ist. “Es sind eher Golanhöhlen”, stellen wir beide fest, als wir daran vorbei pilgern. Unbewohnte Plattenbauten, sie sehen aus, wie nach Artellieriebeschuss im Bürgerkrieg. Sie werden wohl bald rückgebaut, sprich abgerissen. Doch sie weisen uns den Weg, hinauf, bergan durch ein Neubaugebiet hin zum Panzerweg. Es ist diesig und feucht. Unablässig halte ich die Augen auf, um das Wegesymbol mit der Jakobsmuschel zu finden. Es nieselt.

Es geht höher. Aber noch nicht hoch genug für heute.
Doch ehe wir uns versehen, sind wir auf dem Weg. Auf dem Panzerweg. Wir befinden ins in einem langläufigen ehemaligen Truppenübungsplatz der Russen. Und in einer schönen Heidelandschaft, die zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Inzwischen ist es nebelig. “Wenn der Nebel nicht wäre, könnte man bestimmt prima zurück in die Stadt sehen.” Ich fühle mich, als wenn ich einen längeren Anstieg hinter mir hätte. Nicht kräftemässig, sondern es fühlt sich einfach so an, als wenn wir auf einer Hochebene pilgern würden. Doch zum Thema Anstieg, weiss ich noch gar nicht, was heute noch auf mich zu kommen sollte. Windräder schnurren leise.

Irgendwie haben wir heute kein festes Ziel ausgemacht.
Hinter jedem Pilger steht auch eine Pilgerin!So mag ich es am Liebsten. Nichts gegen Ziele. “Der Weg ist das Ziel.”, höre ich jemanden sagen. Es ist nicht Moni, die das sagt, das Thema hatten wir schon in Naumburg. Dieses Thema ist ein rotes Tuch für mich. “Der Weg ist das Ziel, nene nene, nöh, nöh!” Ich kann es nicht mehr hören. Ein fast jeder haut diesen Spruch unreflektiert heraus. Auch auf dieser Reise. “Der Weg ist das Ziel!” Das beschäftigt mich gerade. Dabei werde ich auch immer ein wenig wütend. “Ein Weg ist ein Weg, ist ein Weg. Und das Ziel ist das Ziel, ist das Ziel!” Entweder man hat ein Ziel und geht den Weg dorthin oder man kein Ziel. Oder man geht den Weg nicht. Oder man verliert das Ziel auf dem Weg aus den Augen. Das ist wahrscheinlich, was die meisten Schlaumeier damit meinen: “Ich habe mein Ziel aus dem Auge verloren, egal, ich war ein wenig faul, ich habe mich ablenken lassen, das Ziel war nur vorgeschoben, es war nicht wichtig, jetzt habe ich etwas anderes gefunden und bin glücklich damit.” “Das ist doch das, was die meisten damit meinen!” Dann reden wir eben von verschiedenen Dingen.

“Ich bin losgegangen, um Vacha zu erreichen und freue mich auf den Weg. Aber er ist nicht mein Ziel. Mein Ziel ist Vacha!” Manchmal empfinde ich Mitleid mit den Leuten, die diesen Spruch unablässig zitieren. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Heute haben wir kein konkretes Ziel definiert, ausser vielleicht das, dass wir in einer Herberge übernachten wollen. Ich mag das, sehr sogar. “Einfach mal so ins Blaue!”

Doch heute ist gar nichts blau, eher grau.
Das Wetter ist immer noch diesig, grau in grau. Der Panzerweg scheint auch wieder schnurgerade. Ist er auch, fast. Und aspfaltiert, natürlich. Ich gehe wieder zügig vor. Langsam geht es wieder bergab. Wir rasten am Waldesrand in der Nähe des Ortes Aspach. “Zweites Frühstück!”
Wir grübeln. “Vielleicht gehen wir bis zum Bodelschwinghof?”, schlägt Moni vor. Ich habe nichts dagegen. “Wieso nicht? Ist bestimmt schon dort. Am Liebsten würde ich jedoch in Neufrankenroda bei der Familienkommunität SILOAH Herberge finden. Das hört sich nach ‘Leben auf den Bauernhof’ an. Das finde ich spannender.” Dahin ist nicht mehr weit.

In knapp einer Stunde sehen wir schon das grosse Holzkreuz.
Das grosse Holzkreuz der Familienkommunität SILOAH sieht man schon in der Ferne. Es ist ein prima Wegweiser. Doch hier in Neufrankenroda zweigen wir nicht ab, der Tag ist noch zu jung. “Wir sind bestimmt erst 10 Kilometer gegangen”, stellt Moni fest. Und sie hat recht. Das kann es noch nicht sein. Schade eigentlich. Aber ich fühle mich prima, sie fühlt sich prima, so kann es weitergehen. Und wir gehen weiter.

Es geht auf und ab.
Man darf diesen Weg nicht unterschätzen. Er hat so seine Steigungen.
Beim Hainberg sehe ich sie wieder: “Rübendiebe!” Sie haben sich in Massen auf den Rübenfeldern links des Weges zusammengefunden. Rechts des Weges stehen ihre Fahrzeuge: Pkw, Lieferwagen. Pkw mit Anhängern und Fahrräder. “Und das am hellichten Tage!” Na gut, die Sonne scheint nicht, es ist weiterhin diesig und leicht nebelig. “Das ist wohl die Kulisse, die Deckung, die diese Rübendiebe brauchen!” Die Fahrzeuge sind vollgeladen, mit Rüben, so gross, wie ich sie schon so oft gesehen habe. Warum ich immer an Rübendiebe denke? Tja, ganz einfach. Nirgends, wirklich nirgends, in keinem Gasthof, stand je ein Rübengericht auf der Karte! Die Rübendiebe pflücken die Rüben, wie unsereins Erdbeeren auf einem Selbstpflückerfeld. Ich tue so, als würde ich davon nichts mitkriegen und gehe weiter zügig meinen Weg.

Hörselberge nach EisenachMir scheint, wir sind noch nicht viel weiter gelaufen und schon sehen wir das Herbergsschild zum Bodelschwinghof. Jetzt hier schon einkehren, kommt für uns aber auch nicht in Frage. Wir gehen weiter. Und wir wissen, was wir tun. “Jetzt aber erst recht!” Wir gehen weiter und wissen, was das bedeutet. “Bestimmt noch einmal fünfzehn Kilometer, unsere nächste Herberge kann erst Eisenach sein!” Jetzt ist das Tagesziel klar. Umkehren gibt es nicht. Wir gehen jetzt nach Eisenach. Und müssen über die Hörselberge. “Bis jetzt war es Warmlaufen, jetzt geht es los!”

Wir kommen nach Hastrungsfeld.
Bis jetzt war der Weg wieder recht eintönig , aber schnell zu gehen. Wir stimmen uns schon auf den Anstieg auf die Hörselberge ein. Ein Wenig sind wir jetzt beide matt. Wir haben kein Wasser mehr. Und dursten. “Wir brauchen Wasser für den Anstieg.” Doch kein Kaufmannsladen in Sicht. Hastrungsfeld ist ein Ort, den man schnell wieder verlassen möchte. Eine landwirtschaftliche Siedlung. Rechts und links des Weges Tierproduktionshallen. Und frische Gülle auf der Strasse. Und der Ort zieht sich in die Länge. Hastrungsfeld-Burla / Hastrungsfeld. Dazwischen Strasse. Der Himmel zieht sich zu und wird finster.

In Hastrungsfeld rasten wir an der Kirche.
“Wir brauchen Wasser!” Nicht von oben, sondern in unseren Flaschen. Wir schauen uns um. Und da sehe ich wieder einen: “Einen Rübendieb!” Wie er Rüben in einen Holzverschlag bringt. Ich gehe herüber und spreche ihn an. “Sagen Sie mal, wir sind Pilger, auf dem Jakobsweg und brauchen Wasser.” Er nickt geheimnisvoll und kommt aus seinem Verschlag. ” Wasser? Können Sie haben!” Ich folge ihm. “Wo will er mit mir hin?” Ich verliere Moni aus den Augen und ich gehe mit dem Rübendieb in ein Gehöft. “Geben sie mir die Flaschen, ich fülle sie auf!” Ich schaue mich um. Sehe die Stallungen, den Trecker, einen Teil des Hofes. Ehe ich mich versehe, ist er wieder zurück mit den beiden Wasserflaschen. “Vielen Dank!”, sage ich und frage ihn das, was ich diese Rübendiebe immer fragen wollte: “Was sind das für Rüben? Was machen Sie mit den Rüben?” “Ach, die Rüben? Das sind Futterrüben. Die sind jetzt reif. Und günstig. Die brauche ich für das Vieh. Die gibt es gerade überall.” Futterrüben, also?” “Ja, Futterrüben! Früher, früher zu Ostzeiten wurden die auch gegessen. Aber das macht heute niemand mehr. Aber essen kann man sie.” “Ich habe auch schon mal Rüben gegessen”, sage ich. “War’n aber nicht so lecker.” “Ja, essen kann man die auch heute noch, manche machen das.”
Ich danke dem Landwirt und verabschiede mich.
“Moni, Wasser, schau’! Vom Rübendieb.”

Briefkasten der Frau HolleWir brechen auf. Jetzt werden wir bergan gehen. Und mit dem Wasser sparsam umgehen. “Das Wasser im Bauch hält dich am Leben, nicht das in der Flasche!”, kommt es mir wieder in den Sinn und ich nehme einen tiefen Schluck. Bevor es ansteigt, stutzen wir. Wir sehen einen aus einem Holzstamm geschnitzten Briefkasten. “Frau Holle” steht darauf. “Wenn ich jetzt ein Briefpapier hätte, würde ich ihr schreiben.” Einfach nur deshalb, um zu bitten, jetzt keinen Regen oder gar Schnee vom Himmel rieseln zu lassen, nicht solange wir auf den Hörselbergen sind. “Hörselberge! Eisenach, wir kommen!”, rufe ich hinauf.

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.