Auf Kieswegen gehen wir bergan. Touristen in Autos und zu Fuss staunen uns an. Wir kennen ihr Ziel. Es ist ein Ausflugslokal am Rande der Hörselberge. Einige lassen ihr Fahrzeug am Rande stehen und gehen anstandshalber die wenigen hundert Meter zum Lokal. Und schimpfen auf die Autofahrer, die bis zum Ausflugslokal hoch fahren. Doch wir machen uns nicht gemein. Wir sind Pilger! Und ich denke mir meinen Teil. “Soll’ doch jeder nach seiner Facon…!”
Unser Weg zweigt eh ab. Der markierte Jakobsweg, nimmt einen anderen Verlauf, als den, den die Ausflügler nehmen.
Es ist ein steiler Anstieg. Mir scheint, hier ist seit Tagen niemand gegangen. Dichtes, feuchtes Laub bedeckt den Weg. Es ist glitschig und schwierig. Doch wir gehen gemächlich. Mein Pilgerstab leistet mir wieder einen ausgezeichneten Dienst. Er ist in seinem Element. Und ich beginne, den Anstieg zu geniessen.
Ehe ich mich versehe, sind wir oben!
Auf dem Aussichtspunkt in 484 Metern. Ja, lieber Leser, Du könntest denken: “Ist doch nicht spektakulör?” Ist es doch! Und wie. Es ist herrlich. Ein Gasthaus, ein Biergarten, eine Rostbratwurstschmiede und ein herrlicher Ausblick ins Tal. Es ist wunderbar. Ich bin echt durchgeschwitzt, mein Rucksack kann Zeugnis davon ablegen. Die Luft ist prima, das Wetter diesig, die Stimmung klasse. Ich hole för Moni und mich zwei, drei Liter Apfelschorle. Zwei Liter Schorle, das ist nichts. Ich föhle mich prima und springe herum wie verröckt und mache Fotos. Und beobachte die anderen Leute. Am Nachbartisch sitzt geduldig und motivierend eine Nonne mit verhaltensauffölligen Jugendlichen. Es ist schön, sie anzusehen, wie sie die Jugendgruppe “im Griff” hat. Die Jugendlichen scheinen stolz, froh öber das Erreichte. Sie geniessen den Augenblick. So tuen wir ihnen gleich.
Unsere Lebenskröfte kehren zuröck.
Vergessen der “landwirtschaftliche Tierproduktionsort” Hastrungsfeld, Frau Holle, ist uns hold. “Die holde Holle!”
Wir gehen weiter. “Jetzt geht es ja nur noch bergab!”, denke ich. Und wir gehen los. Moni vorweg. Ich torkele ein wenig. Ich bin so angetan, von der Aussicht. Und lasse mich abfallen, atme durch. Es ist ein langer Weg öber die Hörselberge. Es geht durch den Wald, mal am Waldesrand entlang, aber immer oben auf dem Bergeskamm. Irgendwie föhle ich mich wie ein Römer im Teuteburger Wald. “Ein Römer? Ich bin doch kein Römer! Eher ein Cherusker.” Doch ich föhle mich wie ein römischer Speersoldat.
Am kleinen Hörselberg machen wir Rast. “Jetzt haben wir es fast geschafft, der Rest ist ein Sparziergang!” Pustekuchen! Es geht wieder eine marode Holztreppe bergan und weiter auf dem Kamm. Ausflögler begegnen uns durchschwitzt und entkröftet. Ich grösse immer freundlich. Im Tal kann ich Eisenach erkennen. Doch ich töusche mich. Es ist Eichrodt.
Moni liegt weit vor. Ich gehe in meinem Takt.
Es ist immer wieder eine schöne Aussicht. Ich geniesse sie. Bleibe oft stehen und schaue hinunter. Gehe bis nah an den Abhang. Und plötzlich gibt der Untergrund nach, ich rutsche, entspannt hinunter und bin nahe daran. Sehr nah daran, hinunterzusegeln. Doch ich fange mich im letzten Moment. Mein Pilgerstab ist mein Retter. “Puuh! Das war knapp!” Wirklich knapp, kein Witz. Unter mir war: “Gar nichts!” Ein kleiner Schreck durchföhrt mich, doch ich habe ja wieder festen Boden unter den Fössen: “Also was soll’s? Keiner hat’s gesehen.” Den kleinen Schreck nehme ich mit und gehe wieder zögiger und versuche zu Moni aufzuschliessen. “Ist schon besser, wenn man in Sichtkontakt ist.”
Auf einer langen Holztreppe finden wir wieder zusammen.
Moni ist schon unten, ich gehe vorsichtig die glitschigen Holztreppenstufen oder was von ihnen öbriggeblieben ist, hinab. Wir treffen uns an einer seltsamen Unterföhrung. öber uns die B7. “Nein, es ist eine Autobahn!”, stellt Moni fest. Ich pflichte ihr bei. “Es ist wohl die A4!” Umso merkwördiger, die kleine Unterföhrung, die direkt auf die A4 föhrt. “So eine Autobahnauffahrt habe ich noch nicht gesehen!” “Ich auch nicht!”, staune ich. Diesen kleinen Tunnel, der in eine direkte Autobahnauffahrt möndet, fotografiere ich. Wir gehen hindurch und kommen in einen Biergarten. Der Jakobsweg föhrt genau dadurch. Wir hadern mit uns, kommerziell zu rasten oder weiter zu gehen. Wir gehen weiter, bergab. Am Fusse des Biergartens rasten wir auf alten Böumen. “Und, das war doch nicht schlimm, oder?” “Nein, ich föhle mich auch prima!” Die Stimmung ist famos, wir trinken Wasser. Und sehen uns in Körze in Eisenach.
Nach der Rast schalte ich auf Standby.
Wir laufen einen elendigen Asphaltweg entlang. Entlang der armen Hörsel, die wahrlich nichts för meine schlechte Laune kann. Ganz im Gegenteil, sie heitert mich auf. Ich habe sie rechts im Blick, links morbide, zerstörte, verfallende Geböude aus Vor- und Nachwendezeiten. “It turns me down!”, es lösst mich echt herunterfahren, ich kann es nicht begreifen, nicht verstehen. Soviel Niedergang. “Was ist los mit dem Standort ‘D’?”, frage ich mich.
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Wir laufen die sechs Kilometer Richtung Eisenach. Unserer beider Laune ist auf einem Tiefstand.
Am provisorischen Busbahnhof kommen wir rein nach Eisenach, in die Innenstadt. Es dunkelt schon leicht. Doch ich bin erleichtert. Ein viermannshohes Martin-Luther-Denkmal lödt zum Verweilen ein. Angekommen in Eisenach. “Echt” Ich bin angekommen und strecke mich. Ich grösse den Stifter der Reformation und grösse ihn. Und telefoniere mit Herrn Jöger von der Bildungsstötte för Jugendarbeit im Hainweg. “Sicher”, sagt Herr Jöger, “haben wir noch Platz för Sie! Kommen Sie, ich warte auf Sie!” Das klingt ermunternd. Eigentlich möchte ich keinen Schritt mehr gehen, aber unsere Herberge ist ja nur noch ein Katzensprung entfernt! Der Katzensprung föhrt uns durch eine Fussgöngerzone, wieder bergan. Moni höpft regelrecht voran. Lutherstadt Eisenach, Wartburgstadt. Demötig folge ich dem steilen Anstieg, am historischen Burschenschaftsdenkmal hin hoch. Bin still und leise. Und verliere Moni aus den Augen.
Ich quöle mich den Berg hinauf.
Es sind Treppenstufen. Jeder Schritt, ein Schritt vorwörts. Ich schaue in jedes Haus, in jeden Vorgarten, schaue nach der Hausnummer. Ich finde sie nicht. “Dreiunddreissig, dreiunddreissig, sie muss doch irgendwo sein?” Mir erschliesst sich das Strassennummernsystem nicht. Ich gehe hart an der Grenze. “Da ist doch bestimmt gleich die Wartburg?” Nein, die Wartburg ist es nicht. Es ist das hölzerne Haus der Bildungsstötte för Jugendarbeit im Hainweg. Ich sehe Moni und Herrn Jöger, dem Herbergsvater, vor der Töre stehen. Meine Freude ist riesig. “Yippy ya. Ich bin da! Fönfunddreissig Kilometer, mein lieber Scholli. Ich bin angekommen. Sehr schön!”
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