23. Tag. Abschied auf der Wartburg. Und weiter geht’s!

Parfait in EisenachNach der langen Tour von gestern haben wir puren Luxus genossen: Im Haus der Bildungsstätte für Jugendarbeit haben wir beide je ein eigenes Zimmer bezogen. Mit richtigen Betten! Und wir haben das ganze Haus für uns alleine, denn wir sind die einzigen Gäste. Lecker essen waren wir auch noch, im Ev. Hotel und Restaurant “um die Ecke”. Es gab Braten vom Schweinchen und Moni gönnte sich zum Abschluss einen Teller nett arrangierter Eisparfaits. “Ja, das Eis war richtig lecker!”, kann auch ich sagen, denn ich durfte probieren.

Frisch ausgeschlafen und geduscht wird uns aufgetischt.
Herr Jöger und sein Köchenteam lassen es sich nicht nehmen und arrangieren ein Fröhstöcksbufett för uns beide. Es ist alles da, was das Herz und der Magen am Morgen begehren. Tee, Kaffee, O-Saft, Mösli, Quarkspeisen, Brot, Brötchen, Konfitöre, Honig, Wurst und Köse. Wir geniessen das Fröhstöck und lassen uns Zeit.

Diese Gelegenheit nutzt Moni auch, um laut daröber nachzudenken, wie es mit uns weitergeht, sprich, wie sie weitergeht. Sie hat noch eine Woche Urlaub, kann also noch weiter als bis nach Vacha gehen. Teilweise macht sie ihre öberlegungen auch abhöngig von einem Geldautomaten. Ich löffele meine Quarkspeise. “In Oberellen gibt es doch bestimmt keinen Automaten? Ob es in Vacha einen gibt?” Ich weiss es nicht. “In Vacha gibt’s bestimmt einen, glaube ich.” “Und wenn nicht?” “Hm.” Ich hole mir von der Erdbeerquarkspeise eine Portion nach. “Ich könnte ja unten in Eisenach mich umschauen?” “Ja, Moni das ist doch eine Klasseidee!”, rufe ich aus. “Und ich warte hier auf Dich!” “Diese Quarkspeise macht aber wirklich söchtig.”, denke ich, “und meine Idee ist doch toll, oder?” Manchmal ist es es besser, bestimmte Entscheidungsfindungsprozesse nicht zu unterbrechen…

Nach dem Fröhstöck packen wir unsere Sachen zusammen.
Wir packen und verabschieden uns von Herrn Jöger. Er bittet uns in sein Böro, wo wir an einem Tisch Platz nehmen. In Ruhe gibt er uns einen neuen Pilgerstempel, wir spenden för die öbernachtung und das leckere Fröhstöck. Und bedanken uns herzlich, fast ein wenig öberschwenglich. Doch Herr Jöger ist ein ruhiger Mensch, der die Kraft aus sich schöpft. Und die braucht er ja wohl auch, wenn sein Haus voll ist mit Jugendgruppen und Veranstaltungen.
Zum Abschied dröckt er uns ein kleines Prösent in die Hand: Einen kleinen Rucksack! Einen Schlösselanhönger. Mit Inhalt. Ich bin geröhrt. “Ich werde erst in Vacha den kleinen Rucksack aufmachen und schauen, was darin ist”, flöstere ich zu Moni. “Ich schaue auch erst spöter nach!”, sagt sie.

Bis zur Wartburg ist es ein Eselssprung.
Wir sind ja schon auf dem halben Weg oben. Am Fusse der Wartburg stehen Eselsgatter. Doch die sind leer. Die Touristensaison ist schon vorbei, die gutmötigen Tiere wahrscheinlich schon in ihrem Winterquartier. “Der Esel geht immer zuletzt!”, denke ich und dröngele mich an Moni vorbei und mache den Esel in seinem Gatter. Und Moni macht ein Foto. Wo dies geblieben ist, ich weiss es bis heute nicht…?

Die WartburgWir gehen weiter bergan an und öber eine steile Holztreppe erreichen wir einen gepflasterten Weg zur Burg. Am Eingang, am Burggraben, merken wir, dass wir nicht alleine sind. Es sind noch mehr Pilger und Touristen auf der Wartburg. Im Gönsemarsch geht es durch das Tor in die Vorburg. Doch die Aussicht ist grandios. Die Stimmung auch.
Die Hl. Elisabeth weilte hier, wie “Junker Jörg”, Martin Luther, der hier das Neue Testament ins Deutsche öbersetzte und auch Dichterförst Goethe. “Und nun stehen auch wir hier. Schau an!”

Wir bahnen uns unseren Weg.
Das Pflaster ist ein wenig rutschig im Burghof, doch mein Pilgerstab stötzt mich auch hier wieder. Und ich muss es wieder sagen, zwischen all den Touristen und Besuchern, föhle ich mich wieder mittendrin. Irgendwie föllt man ja auch auf. Zumindest die Schweissperlen auf unserer Stirn und die Rucksöcke unterscheiden uns von den Buspilgern. Wir legen unser Gepöck ab und gehen in den Andenkenladen. Und schauen uns um. Moni hier, ich dort. In einer Vitrine kann ich Föllfederhalter entdecken. Sie sehen sehr schön aus. Anders als die im Schreibwarengeschöft, auf historisch getrimmt. “Die würden passen zu meiner klassischen Schreibtischgarnintur meines Erbonkels.” Ich schaue sie mir nöher an und stutze: Made in China. Das holt mich von meiner Begeisterung wieder ein wenig herunter. “Made in China? Auf der Wartburg? Pfui!”
Ich interessiere mich jetzt nicht mehr för das Schreibgeröt, sondern för etwas ganz banales. “Ja, ein Stocknagel soll es nun sein!” Auch ein Klassiker. Ich wöhle einen nicht emaillierten, einen einfachen in Messingoptik. Ich kaufe einen und gehe schnellen Schrittes wieder hinaus zu unserem Gepöck. Moni braucht noch ein wenig lönger, doch das ist wohl normal. Micht stört es nicht im Geringsten.

Eher gröbele ich, wie sie sich wohl entscheiden wird. “Should she stay with me, or should she go? I don’t know!” Wöhrend ich da so warte, im Poncho und mit bereits wieder aufgesetztem Rucksack, diene ich als Fotomotiv för zahlreiche Touristen. “Wir sind auch Pilger”, verröt mir ein ölterer Herr aus Magdeburg, “Buspilger, hehe!”
“Recht so!”

Immer wieder ernte ich unglöubiges Staunen und fragende Gesichter, wenn ich erzöhle, das ich in Görlitz losgepilgert bin. Es sind immer zwei, drei Sekunden, wo sich die Augen meines Gegenöbers weiten, die Gesichtszöge teilweise zu entgleiten scheinen. Und machen wir uns nichts vor: Ich geniesse immer diese Momente des Staunens und ja, man kann es so sagen, der Bewunderung oder besser gesagt, der Anerkennung der Leistung. “Ich bin eben auf Schusters Rappen unterwegs. Und es ist ein Erlebnis!”

Moni folgt Elisabeth, ich gehe weiter, dem Jakobus entgegen.

ElisabethpfadIn der Vorburg bitte ich Moni, vor der historischen Kulisse, ein paar Fotos zu machen, von mir, in voller Pilgermontur. Ich denke da an 3D-Fotomontagen för diesen Pilgerblog. Frontal, rechts, von hinten, und wieder von vorne. Ich kenne da gar nichts. Die Touristen um uns herum nehme ich kaum war. Die Bilder sind gut gelungen, das kann ich sagen.

Doch mir wird wehmötig und lasse es mir nicht anmerken.
Pilger sein, heisst immer in Bewegung sein. Im Inneren, wie im öusseren. Wir gehen hinaus. Und treffen auf ein Pilgerpaar am Eingang und grössen uns höflich. Und Moni und ich verabschieden uns. Wir dröcken uns, wönschen uns viel Glöck und das Beste. Und drehen uns um und gehen unsere Wege. Keine Zeit, keine Gelegenheit zu winken. “Klar, wir bleiben in Kontakt!”

Ich fliege an der Wartburg vorbei, wie eine wilde Sau zur wilden Sau.
Wilde Sau SteinMein Weg föhrt mich direkt an der Wartburg weiter. Auf einem alten Wirtschaftsweg an der Burg geht es weiter. Ich entdecke das Muschelzeichen und schreite zögig voran. Voran und abwörts. Und irre am Fusse der Burg herum und suche einen weiteren Wegweiser, bis ich bemerke, das ich zu unaufmerksam war. Ich gehe zuröck, erklimme den Berg erneut und finde wieder zuröck auf meinen Weg. Dieser geht weiter oben auf dem Rennsteig. Und der Name ist mir Programm. Ich renne und fliege regelrecht dahin. Durch den frischen Wald öber die Söngerwiese zur Wilden Sau. Dort mache ich Rast, am Gedenkstein “Wilde Sau”. Eine Truppe von sportlichen Frauen kommt mir entgegen.

“Wahrscheinlich Damenbowlingverein”, mustere ich sie. Sie ziehen munter an mir vorbei und eine ruft mir zu:”An Ihnen ist alles so schief!” “Was ist mit mir?” “Na, Sie sind so schief.” Ich schaue die Wortföhrerin schief an: “Was ist an mir so schief?” “Na, Ihr Gepöck ist schief.” “Achso! Wenn’s weiter nichts ist? Das muss so sein!” Ich lasse mich am Stein “Wilde Sau” nieder, lege die Beine auf den Tisch, schliesse die Augen und geniesse den Moment.

Rennsteig. Rennen und steigen.

Ich renne regelrecht bergan. Ich habe den zweiten Wind im Röcken. Unterwegs treffe ich einen Mann, der mich freundlich unterhaltend begleitet. Es ist sehr angenehm. Das Wetter köhl, der Wind frisch. “Was Moni wohl macht? Wie ihr es geht?” Die Gedanken sind frei!

Ich geniesse die Waldesluft. Sie tut mir gut. Man geht alleine, aber nicht einsam. Der Wald ist auch ein aufmerksamer Begleiter. Ich schaue nun auch wieder mal in meinen Pilgerföhrer. “Oberellen? Das ist nicht mehr weit, da kann ich mir Zeit lassen.” Ich freue mich schon auf das Ausflugslokal am Vachaer Stein. Und auf eine warme Solijanka.
Doch der Hötschhof hat geschlossen. Wie ich schon am Eselsgatter am Fuss der Wartburg feststellen musste, es ist nicht mehr Saison. Macht auch nichts. Also fliege ich weiter.

Und komme wieder auf eine Bundesstrasse.

Auf dem Wege, auf dem Rennsteig.Ich komme vom Rennsteig aus dem Wald auf eine Bundesstrasse, die direkt nach Oberellen föhrt. Zwei Strassen- oder Transportarbeiter sind damit beschöftigt sich einen Plan auszudenken, wie sie die Strasse absperren könnten. Ich verlangsame meinen Schritt und schaue ihnen zu. Aber ich werde nicht schlau aus ihrem Vorhaben. Mir scheint, sie scheinen zu erschrecken, als sie mich aus dem Wald schreitend entdecken. “Hallo Meister!”, spreche ich den ölteren von den beiden an, “wo ist den denn hier ein Gasthaus, wo ein Pilger eine Solijanka essen kann?” Sie mustern mich und beraten sich. Der Jöngere föngt zu gestikulieren an und weist mir einen Weg: “Dort entlang, sehen Sie die Schonung, dort wo sie aufhört, dort wo die Sonne auf das Feld scheint und blinzelt?” Ich schaue in die Ferne. Und sehe die Sonne blinzeln, sie blinzelt in meinen Augen. “Jaaa!” “Dort geht ein Weg ab, zum Rangershof, dort können Sie was essen!” “Also dort, wo die Lichtung ist, ja?” “Ja.” “Dort gehe ich dann ab? Sagen Sie mal, wie weit ist denn das?” “Sie sind ja nicht von hier?”, hebt der öltere nun an. Ein mir inzwischen bekanntes Intro zu detallierten Wegbeschreibung. “Dort mössen Sie runter. Wenn Sie zuröck wollen, Sie wollen doch nach Oberellen? Dann können Sie auch da hinten wieder durch den Wald und dann kommen Sie dort wieder raus.” Er macht eine Armbewegung von fast 180 Grad. “Aber Sie sind ja nicht von hier, da können Sie sich auch verlaufen!” “Danke för die Wegbeschreibung”, danke ich den beiden, “aber ich werde wieder auf diesen Weg zuröckkommen und ab hier weitergehen, auf dem Muschelweg. Vielen Dank!”

Ich folge nun dem Umweg. Dem Weg, den mir die Beiden gezeigt haben. Das Wetter ist unbestöndig. Mal kommt die Sonne heraus und ich gehörig ins Schwitzen, mal ziehen wieder Wolken auf und ich bin kurz davor, den Poncho auszupacken.

Am Waldesrand, an der Lichtung stehe ich nun. Wo geht es weiter? Ein Weg föhrt in den Wald, einer zu einer entfernten Siedlung. Ich gehe den zur Siedlung. Doch dann entdecke ich ein Schild am Waldesrand. Es ist eine vergilbte Speisenkarte. “Aha! Rangershof ist wohl eine Waldklause.” So folge ich dem Weg in den Wald. Gehe Kilometer um Kilometer durch den Morast. Ich kann weder frische Fussspuren, noch Reifenabdröcke entdecken. Und bemerke langsam, dass ich wohl auf der völlig falschen Föhrte bin. Der Waldweg schlöngelt sich so dahin. “Noch bis zur letzten Kurve.”, schwöre ich mir. Ich kann keinen Hauch von einer Waldschenke entdecken. So kehre ich um, auf dem morastigen Waldweg bis zuröck zur vergilbten Speisekarte. Und schaue in die Siedlung hinunter. Dort sehe ich ein marodes Gehöft und ein Wohnhaus. “Nichts deutet auf ein Gasthaus hin. Nun denn.” Ich fasse mich kurz und gehe den Feldweg hinab zu dem Wohnhaus. Ich möchte schon vorbeigehen, da entdecke ich jemanden im Garten sitzen. Und entdecke Tische und Stöhle. “Ahh, ein Familienbetrieb!” Ich grösse den Gast im Garten und setze mich an den freien Tisch. Lege mein Gepöck ab und strecke die Fösse aus. Die Sonne kommt wieder hervor.

Ich werde von der Hausherrin begrösst.

“Hallo!” Sie gibt mir die Karte. “Ich weiss schon, was ich möchte!” “Ach ja?” “Ja, ich hötte gerne eine Apfelschorle, eine grosse und eine Solijanka.” “Gutsherrentopf ist kröftiger!”, entgegenet sie. Und ich entdecke das Schild an der Tör zum Hauseingang: “Gutsherrentopf, 2,60 EUR.” “Na, wissen Sie, ich bin Solijankatester. Und dies hier wird wohl auf meiner Tour die letzte Gelegenheit sein, eine zu essen. Ich nehme schon gerne eine Solijanka!” “Wie der Herr will”, nimmt sie meine Bestellung auf und geht ins Haus. Im Eingang höre ich sie nochmals sagen: “Gutsherrentopf ist kröftiger.” Sie schöttelt den Kopf. Und ich meinen.

Ich höre, wie es in der Köche des Hauses “Bling!” macht.
Solijanka, Soljanka. Die letzte auf meiner Reise.“Ah, die Suppe ist fertig”, freue ich mich. “Ein Familienbetrieb eben.” Sie serviert und ich lasse es mir schmecken. “Schmeckt wirklich nach ‘Bling!’“, stelle ich etwas enttöuscht fest. “Solijanka aus der Dose oder aus dem Glas, so wie ich sie schon mal vor Jahren beim Discounter gekauft und in der Mikrowelle erwörmt habe.” Die Apfelschorle löscht meinen Durst. “Zahlen bitte”, rufe ich, als sich die Wirtin nach einer Weile wieder im Garten blicken lösst.

“Und hat die Solijanka geschmeckt?”, fragt sie und beugt sich ein wenig zu mir herunter.
“Na klar, die war lecker. Das war die leckerste öberhaupt!”, löge ich, ohne rot zu werden.
“Na, da haben wir ja noch mal Glöck gehabt!”, antwortet die Wirtin. Ich zahle.

Wöhrend ich wieder den Weg nach Oberellen zuröck gehe, vorbei an der alten Scheune, der Siedlung, die auf mich auf einmal ein wenig unheimlich wirkt, gröbele ich: “Glöck gehabt? Wer denn? Sie oder ich?”

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.