Die Sonne blickt morgens schon ins Zimmer und weckt mich. Sie verspricht mir, mich heute auf meinem Weg nach Vacha zu begleiten. Freudig stimme ich zu und schleiche ins Bad. “Ob die Beiden schon wach sind?”, frage ich mich. Nach der Dusche höre ich Stimmen im Nebenzimmer. Ich beginne langsam meine Sachen zu ordnen und zu packen. Susanne und Jürgen sind schon fast fertig. Jürgen hatte schon einen Morgenspaziergang durch Oberellen unternommen. “Bei Viola, am Ortsausgang, können wir frühstücken.”
Ich bin herrlich entspannt.
Der letzte Tag, heute nachmittag werde ich am Ziel, in Vacha sein. Ich wundere mich über mich selber, wie sooft auf dieser Reise. “Eigentlich müsste ich doch total gespannt sein, wo ist diese strenge Erwartungshaltung?” Stattdessen freue ich mich auf das Frühstück. Zu dritt gehen wir durch den Ort, Rucksack und Pilgerstab bleiben noch bei Familie Stützel im Haus. Violas Imbiss ist das, was man sich unter einem gelungenden Projekt “Mein Weg aus der Arbeitslosigkeit” vorstellen kann. Am Ortsausgangsschild ist der Imbiss das letzte Haus, gegenüber der Tankstelle. Viola hat sich auf Monteure und Handwerker spezialisiert. Und die Hütte ist voll, mit Blaumännern, sie ist schlicht und praktisch eingerichtet, aber professionell. Die Stimmung ist gut gelaunt. Ich bestelle einen Pott Kaffee und drei halbe Brötchen. Doch statt drinnen zu sitzen, setzen wir uns draussen in die Sonne und beschliessen zusammen weiter den Weg nach Vacha zu gehen. “Die letzten zwanzig, fünfundzwanzig Kilometer durch den Wald, das wird ein Spaziergang!”, stellen wir drei unisono fest. “Leichter Anstieg, doch Vacha liegt im Tal, das wird ein Fest.” Ich trinke noch einen Pott Kaffee.
Gestärkt ziehen wir gegen zehn Uhr dreissig los.
Wir schnappen unser Gepäck und verabschieden uns von Familie Stützel, nicht ohne uns zu bedanken und ins Gästebuch einzutragen. Flott gehen wir voran. Der Weg führt uns über eine Wiesenlandschaft am Waldrand entlang. Nach ungefähr dreissig Minuten zeigt der Kaffee bei mir seine Wirkung und ich fliege regelrecht dahin. Ich geniesse den Morgen. Doch es machen sich auch Zweifel breit und ich ringe mit den Gedanken: “Ist es jetzt unhöflich, wenn ich, ohne mich umzuschauen, einfach so dahin fliege? Soll ich besser auf die beiden warten?” Doch die Zweifel sind schnell zerstoben, denn ich sage mir, “jeder geht seinen Takt” und “wir sehen uns doch später in Vacha”. Es ist nicht rücksichtslos, nein, es ist spontan und es gibt Raum für neue Erlebnisse und Zusammentreffen. Und es ist auch “meine” Reise. Eine Reise, die mich nicht nur nach Vacha führt, sondern auch zu mir selber. Und dazu gehört auch, dass ich auf meine innere Stimme höre, die weiss, was gerade gut für mich ist. “Zentrale? Bitte verbinden Sie mich mit, -mir!” “Einen Augenblick, hier ist Ihre Verbindung…”
Ich kann es kaum glauben.
“Ick glob dit nich!”, denke ich euphorisch, “das ist der zweite Wind, der mich nach Vacha trägt!” Ich will es jetzt wissen. Im Ort Wünschensuhl raste ich kurz auf einer Bank. Verschwitzt nehme ich einen tiefen Schluck aus meiner Wasserflasche. “Jetzt bloss nicht zu lange rasten”, denn dann wird der durchschwitzte Rücken kalt und ich könnte frösteln. Also pilgere ich weiter, schaue mich ab und zu aber doch noch nach Susanne und Jürgen um. Ich kann sie nicht erblicken. “Sie gehen eben auch ihren eigenen Takt und das ist gut so.”
Übermut.
Ich bin auf meinem Weg. Und der hat mich bisher sehr selbstsicher gemacht. Zu sicher, wie ich kurz nach Wünschensuhl feststellen muss. Ich kann einfach kein Muschelzeichen mehr entdecken! “Umkehren? Kommt nicht in Frage. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.” Doch ich irre mich. Während ich auf einem Feldweg entlang gehe und zweifele, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin, sehe ich Susanne und Jürgen hinter mir einen Hügel hinauf gehen. Uns trennen bestimmt hundert Meter, auf jeden Fall, viele, viele Schritte. Die Sonne, meine Begleiterin, hat sich vollständig entfaltet und brennt auf mich hernieder. Die beiden sind zu weit weg, als dass wir uns zurufen könnten. Aber ich sehe, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Und ich sehe ein, dass ich mich vergaloppiert habe. Ich erklimme den steilen Hügel über eine fette Wiese und füge mich ein wenig verbissen diesem Schiksal. Ich stolpere über Stacheldrahtzäune und kleine Entwässerungsgräben und befinde mich kurz darauf wieder auf dem Muschelweg, weit hinter Susanne und Jürgen.
Am Lerchenberg hole ich sie wieder ein.
Ich bin jetzt ganz schön erschöpft. Wir rasten auf der Lichtung, bevor es wieder in den Wald geht. Ich nehme wieder einen tiefen Schluck aus meiner Wasserflasche, es ist der letzte. “Macht nichts, bis Vacha ist es ja jetzt nicht mehr weit.” Zehn Kilometer haben wir mindestens bestimmt schon hinter uns. Knapp zwei Stunden und wir sind am Ziel. Proviant habe ich sonst nicht mehr dabei. Ich stelle mir jetzt vor, wie es ein könnte, in Vacha anzukommen. “Heute abend gehe ich in das beste Gasthaus am Platze, in den Ratskeller wahrscheinlich. Soljanka? Nee, nee. Sauerbraten, Rotkraut und Knödel, das muss sein!” Mir geht es jetzt so, wie sooft, wenn ich raste. Ich geniesse die Rast, die Ruhe, das Durchatmen. Man kommt dabei ein wenig herunter und entspannt. Aber man darf den Bogen nicht überspannen, nicht zu ruhig werden, so dass Müdigkeit aufkommt und man zu frieren beginnt. Das lernt man mit der Zeit. Ich glaube ein Jeder, eine Jede, hat auch beim Rasten seinen eigenen Takt. Spannend wird es jedoch immer wieder in Gesellschaft. Natürlich nicht nur beim Rasten. Es ist faszinierend, regelrecht wunderbar, wie sich Menschen, die sich noch nie vorher gesehen haben, nach einigen Kilometern des Beisammenseins so aufeinander einstellen können. So zwanglos und doch für die Momente gebunden sind, ein Paar, ein Trio oder eine sich immer wieder neu organsierende Einheit bilden. “You never walk alone!”
Das gibt doch Mut, das bringt Hoffnung und Zuversicht.
Während wir rasten, ich streune ein wenig herum.
Und werde auf ein Hinweisschild aufmerksam, das Richtung Vacha und zurück nach Wünschensuhl weist. Ich staune wie ein Ungläubiger auf den Wegweiser. “Wünschensuhl: 10 km, Vacha: 19 km” Neunzehn Kilometer? 19? Zehn ja. Aber noch einmal neun? Ich kann das nicht glauben. Ich rufe es Susanne und Jürgen zu: “Bis Vacha sind es noch neunzehn Kilometer!” Als wenn wir auf der Stelle getreten sind. Die beiden sind auch fassungslos. “Wie jetzt? Das muss doch ein Irrtum sein. Laut Pilgerführer sind es ab Oberellen doch nur zwanzig Kilometer nach Vacha!” Wer irrt den jetzt? Der Pilgerführer, das Hinweisschild, der Schildermaler?
Zusammengeschweisst brechen wir auf.
Es wird nun doch kein Spaziergang. “Also dreissig Kilometer heute, na gut. Ist eben so.” Ich füge mich auch hier. Ein wenig belastend ist es doch. Nicht körperlich, es ist eher so ein psychologischer Faktor. Die letzten zwei Stunden bin ich so daher geflogen, jetzt hat mir das Hinweisschild einen Dämpfer verpasst. Ich kann es nicht ändern, Susanne kann es nicht ändern und Jürgen auch nicht. Wir machen das Beste daraus und gehen weiter. Durch den Wald, der jetzt so herrlich kühlt, fast als Entschädigung, sozusagen.
Wir muntern uns auf.
“Im Lehnhaus gibt es bestimmt eine Gastwirtschaft, in der wir uns stärken können.” Die beiden haben auch keinen Proviant mehr. Nach einigen Metern sehen wir zwei niegelnagelneue Landrover am Wegesrand stehen. Es sind Forstbeamte, die eine gross angelegte Schonung links des Weges kontrollieren. Wir sprechen sie an: “Sagen Sie mal, wie weit ist es bis nach Vacha?” Die Forstleute schauen sich fragend an. Ich schaue darauf irritiert. “Was grübeln die denn, die sind doch von hier? Das ist doch ihr Wald. Hallo? Was schauen die sich so fragend an?”
“Vacha, ja?”
“Ja, wir sind Pilger und Vacha ist unser Ziel. Wie weit ist es noch?”
“Na, da haben sie aber Glück. Da sind sie in einer Stunde…”
Eine eigenartige Stimmung rauscht gerade durch den Wald. Wir drei schauen uns freudig an und denken wahrscheinlich alle dasselbe: “Na, dann war das Schild doch falsch!” Diese Stimmung schien eine Ewigkeit anzudauern, real war es bestimmt nicht mehr als eine Sekunde. Denn der Forstbeamte hat den Satz noch nicht zu ende gesprochen:
“…das sind ja nur noch fünfzehn Kilometer!”
Fünfzehn Kilometer in einer Stunde? Zu Fuss? Ja, klar!
Wir ziehen schweigend weiter. Das Lehnhaus entpuppt sich als Hüttchen, von Gastwirtschaft keine Spur. Bei Grusberg ist im Pilgerführer ein rotes Turmsymbol eingezeichnet. “Das wird bestimmt ein Ausflugslokal sein.”, machen wir uns Mut. Doch den eingezeichneten Turm finden wir nicht. An der “Ruhebank” rasten wir. “Nur” noch neun Kilometer! Yippy yah, yippy jeh. Susanne zaubert uns ein Festmahl, einen rotgelben, leckeren Alleeapfel. Ihre eiserne und letzte Reserve. Wir teilen schwester- und brüderlich. Ein Genuss, ein wunderbarer Moment.
Susanne und Jürgen haben es nicht eilig.
Ich ja auch nicht, aber ich will es jetzt wissen. Sie interessieren sich für einen Kaliberg, den man in der Ferne sehen kann. “Sieht ja ganz fein und imposant aus.”, denke ich, “aber ich schalte jetzt wieder einen Gang höher und nicht herunter. Gerastet haben wir ja gerade!” Und ich spurte wieder los, wie ein Wirbelwind, mit Siebenmeilenstiefeln, im Zickzack den Lulluspfad entlang. “Rennen und steigen. Ist das noch immer der Rennsteig?”
Ich reisse mich zusammen, ich kämpfe. “Zur Not, wenn es darauf ankommt, gehe ich jetzt auch bis an Ende dieser Welt!”
Nicht dass jetzt ein falscher Eindruck entsteht: Ich hetze nicht, bin nicht verspannt, nicht auf der Flucht. Nein, überhaupt nicht. Nur entschlossen.
Dieses Wechselspiel von Ent- und Gespanntheit, dieser Sowohl- als Auchzustand, der widersprüchlich scheint, es aber nicht ist, ist ein wahnsinnig schöner Zustand des Hier-und-Jetzt. Es ist dieser Zustand, dieses gewisse Bewusstsein, das Sein im Einklang mit sich, mit der Natur und der Göttlichkeit, also der gesamten Schöpfung, das Paradebeispiel der Dreieinigkeit schlechthin, der unbeschreiblich, unübertragbar und nicht vermittelbar ist.
Viele tausend Bücher, viele hundert Bewegungen und einige selbsternannte Gurus versuchen dies in Kursen und Bewegungen zu vermitteln, was man nicht vermitteln, sondern nur selbst erfahren kann. Dieser Zustand des Seins und Erlebens war mir an vielen Tagen dieser Pilgerreise vergönnt. Es ist erlebbar und wunderbar. Es ist der Moment, wo ich weine und doch voller Freude über die Grossartigkeit des Lebens bin. Ich kann darüber erzählen, aber ich kann es nicht vermitteln. Das ist wahrhaft esoterisch, also geheim, für jeden nur selbst erfahrbar. Und so unbeschreiblich.
Ich gehe ins Tal.
Ich verlasse den thüringischen Wald und gehe hinab in Tal. In Oberzella ist die Strasse aufgerissen, sie wird saniert. Hunde bellen mich an den Grundstücken der schick hergerichteten Einfamilienhäusern an. Ich kümmere mich nicht darum. Ich laufe inzwischen im Standby-Betrieb. Mein Mund ist trocken wie eine Wüste. Die wenigen Menschen, die mir begegnen könnten wahrscheinlich meine extentiellen Bedürfnisse nicht nachvollziehen. Ich möchte auch niemanden ansprechen. “Ich ziehe das jetzt durch.”
Wenige Meter später sehe ich ein Werbeschild: “Ein Getränkehandel!” Ein Getränkehandel, so wie ich ihn auf der gesamten Reise schätzen gelernt habe. Ein Getränkehandel in einem Privathaus. Das finde ich immer wieder gut, “das muss erhalten werden!” Meine Freude ist riesig, ich gehe in ihr auf.
“Schönen guten Tag.”, begrüsse ich die ältere Dame, die sich in der Garageneinfahrt sonnt. “Ich habe solchen Durst, können Sie mir etwas empfehlen?”
Ehe sie antworten kann, bestelle ich zwei Flaschen Brombeerwasser. Einen Liter trinke ich direkt auf Ex und setze mich zu ihr an einen Gartentisch in den Schatten. “Wissen Sie, ich bin Pilger, komme aus Görlitz und mein Ziel ist Vacha. Das ist hier ein Teil des Jakobswegenetzes, der ökumenische Pilgerweg, der hier vor ihrer Tür entlang führt. Und ich hatte einen solchen Durst! Aber ich muss aufpassen, da kommen gleich noch zwei daher.”
Wir schweigen. “Sie haben mich vor dem Verdursten erettet! Vielen Dank. Und sagen sie den Beiden, die bestimmt auch bei Ihnen vorbeikommen, ich bin in Vacha und warte auf sie. Auf Wiedersehen!”
Bei Unterzella gehe ich auf einem asphaltierten Rad- und Fussweg. Die Füsse und alle Gelenke schmerzen. Ich kann die Werra sehen. Ich schaue mich um, “wo sind Susanne und Jürgen?” Vor mir sehe ich das Ortseingangsschild von Philippstal, links die Werrabrücke. Die Brücke der Einheit. Vacha!
Mit dem ersten, mit dem zweiten Schritt, auf der über sechshundert Jahre alten Steinbrücke bin ich an meinem Ziel dieser Reise angekommen. Ich bin in Vacha!
“Ich muss nur noch über diese Brücke, dort drüben, in Sonnenuntergangsrot geborgen, ist die Stadt Vacha.”Ich lasse jetzt alles los, ein Sturzbach von Tränen ergiesst sich über meine Wangen, über die Lippen, in den Mund, den Hals hinunter.
Ich muss so fürchterlich schluchtzen. Es ist so schön. So fantastisch, so herrlich. So unbeschreiblich wunderbar. So unbeschreiblich einzigartig und so unbeschreiblich real. Das Salz meiner Tränen schmeckt so einzigartig, das Augenwasser kühlt mir das Gesicht. Auf der Mitte der Brücke, die Tränenbäche sind so reinigend und befreiend, kommt mir ein Päarchen entgegen. Wie routiniert, nestele ich meine Sonnenbrille aus der Pilgertasche und setze sie mir auf. “Keiner, niemand soll sehen, was mir gerade widerfährt!” Ich kann jetzt nicht reden, nichts erklären. Es ist einfach so. So unbeschreiblich. Das toppt alles.

Meine Güte! Es ist. Es ist, es ist. Es ist geschafft. Ich bin angekommen!
“Ick glob dit, dit kannst’e mir glauben!”
Und liebe Leserin, lieber Leser, glaub’ste das war’s? Mitnichten. Es geht weiter!
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Hallo Christian,
mein Begleiter und ich sind im August von Göttingen ausgestartet. Nach Etappen über Heiligenstadt, Martinfeld, Kloster Hülfensberg, Treffurt und Creutzburg kamen wir dann in Eisenach auf den ökumenischen Pilgerweg.
In Vacha war aber noch nicht Schluss, sondern wir sind noch bis Fulda weiter gegangen.Interessant zu lesen, wie sich deine Beschreibungen bzw. Eindrücke zwischen Eisenach und Vacha fast 1zu 1 mit den unsrigen decken. Insbesondere die Erkenntnis, dass es von Oberellen 10km mehr sind… ;-)
Gruss & guten Weg Holger
Hallo Christian,
ich kann gut mit dir auf der letzten Etappe mitfühlen. Im April auf dem Weg von Eisenach waren wir zu früh in Oberellen, um schon Feierabend zu machen. Deshalb gingen wir weiter nach Vacha um dann auch nach zwei Stunden festzustellen, dass wir wohl erst erst einen Kilometer gelaufen sein sollten. Aber der letzte Abend und Morgen in Vacha waren wirklich ein toller Abschluss.
Herzliche Grüße aus der Heide,
Johann.
Hallo Christian,
endlich ist es vollbracht, du bist heil in Vacha angekommen. Diese letzte Etappe hat dir offenbar noch einmal alles abverlangt. Ich möchte dir noch einmal dafür danken, daß du uns Leser an deinem Pilger-Abenteuer (kann man es so nennen?!?) durch deine, so realistisch geschriebenen Berichte, hast teilnehmen lassen. Du hast natürlich recht, wenn du sagst, man muß es selbst erleben, sozusagen selbst ‘erpilgern’. Darauf freue ich mich auch schon – genau so, wie auf neue Berichte von Dir!
Herzliche Grüsse aus Bad Segeberg/Schleswig-Holstein von Joachim