Zurück auf dem Pilgerweg. Zurück in Görlitz 2008.

Bahnhof Breslau / Wroczlaw

“Do widzenia!” Wortkarg verabschiede ich mich aus dem Hotel Tumski in Breslau und schiesse zum Abschied hastig einige Fotos. Der Himmel ist zugezogen, es ist diesig. Über die Grüne Brücke gehe ich nochmals auf die Dominsel und suche nach dem Pilgerpfad und seinen Markierungen. Noch bin ein kleines Stück offen und würde mich, falls ich ein Muschelzeichen fände, herumreissen lassen und den Pilgerweg ab Breslau nach Görlitz gehen.

Doch wie schon am Abend des Vortages kann ich die Wegemarkierungen nicht finden. Keine Zeichen sind schlechte Zeichen. In mir kommt ein Gefühl auf, das ich als intuitiv bezeichnen möchte, das sich verstärkt, umso näher ich dem Bahnhof Breslau komme.

Gegen kurz vor acht am Morgen bin ich schon auf dem Bahnhof.
Ein letztes Mal keimt es in mir auf, doch den Pilgerweg von Brieg nach Görlitz zu gehen. “Noch könnte ich ein Ticket nach Brzeg lösen. Noch geht es…!”

Eigentlich habe ich mich doch auf diese Reise gefreut, das ganze Jahr über. Wieder raus aus dem Alltag, auf unbekannten Wegen, durch persönlich gebundene und deutsch-polnische Geschichte und Geschichten. Doch die Ereignisse gestern und heute, viele subtil und vielleicht für viele nicht nachvollziehbar, drängen mich sanft zurück. Zurück nach Görlitz, das ich im letzten Jahr so wunderbar erlebt habe.

Bahnhofshalle Breslau / Wroclaw

Bahnhofshalle Breslau / Wroclaw

Ich stehe nun in der Bahnhofshalle vor zehn Fahrkartenschaltern. Und bin wieder in der Zwickmühle. Mit Englisch komme ich nicht weiter, deutsch ist nicht gerne gesehen und wird überhört. Meine polnischen Sprachkenntnisse sind minimal, aber ich bereite mich auch für den Ticketkauf auf polnisch vor. Ich schreibe mir Satzbausteine auf, in meiner eigenen Lautschrift. Und stelle mich an, an einem der Schalter für den Binnenverkehr. Wie gesagt, noch kann ich einen Fahrschein nach Brzeg kaufen.

Ich werde aufgeregt und nervöser.
Die Menschenschlange an den zwei offenen Schaltern wird hinter mir länger und vor mir kürzer. Ich beobachte, dass der Ticketkauf auch für Einheimische nicht gerade einfach scheint. Ein multiligualer Fahrkartenautomat wäre mir jetzt ganz recht. Es stehen noch zwei Bahnreisende vor mir, da kommt Unruhe in meine Schlange. Der Schalter schliesst aus mir unerfindlichen Gründen. Die Menschenschlange und ich werden an einen neu eröffneten Schalter umgeleitet. Ich schere nun aus. Endgültig. Vom Binnenverkehr zum Schalter für den internationalen Verkehr.

“Na, gut. Dann fahre ich jetzt nach Görlitz. Und werde dort weitersehen. Görlitz oder Zgorzelec? Das ist jetzt die Frage?” Es steht beides an der grossen statischen Anzeige aus den 60er Jahren über den Fahrkartenschaltern. Die halbdigitale Fahrtrichtungsanzeige einige Meter weiter spricht eine ähnliche unverständliche Sprache, nur sind die Abfahrtzeiten andere. In 15 Minuten würde ein Zug nach Görlitz fahren, nach Zgorzelec eine halbe Stunde später. “Hm.”

Ich bestelle einen Einfachfahrschein ohne Ermässigung und Reservierung nach Görlitz für 8.45 Uhr.
Auf polnisch, wohlbemerkt. Die junge Bahnangestellte ist sichtlich erfreut. Das erste nette Gesicht, die erste freundliche Reaktion seit meiner Ankunft vor knapp 18 Stunden. Das macht mich wirklich froh! Leider verstehe ich ihre wortreiche Antwort nicht. Und gehe nun zu Englisch und Deutsch über. Sie weist mir ausladend den Weg zu einem weiteren Schalter. Zu einem Kundenbüro am Ende der Schalterhalle. Hier würde ich wohl nun mein Ticket nach Görlitz bekommen.

Es ist wirklich eine Art Büro.
An dem einen besetzten Platz wird ein junger Mann bedient. Die Beratungsituation geht einerseits familär, andererseits auch sehr bürokratisch daher. Auch ohne Sprachkenntnisse stelle ich schnell fest, dass der Kunde reklamiert. “Kundenbüro. Klasse, mein Zug geht in zehn Minuten”, stelle ich fest. Es sieht so aus, als wenn es lange dauern würde. “Aber ich werde mich nicht von der Stelle rühren, bis ich dran bin.” Ich schaue mich um, studiere Faltpläne, versuche Buchstabenkombinationen zu entdecken und mir Worte herzuleiten. “Schwierig, schwierig.” Die beiden haben die Ruhe weg. Ich nicht.

Meinen Zug kann ich nun vergessen. Ich warte noch immer.
“Der nächste geht in vier Stunden. Wunderbar.” Ich bin wirklich wütend, lasse es mir aber nicht anmerken. Ich fühle mich aber auch verloren und sehr seltsam in meinem bekannten Pilgeraufzug. Endlich bin ich an der Reihe. Auf deutsch bestelle ich einen Fahrschein, “Einfache Fahrt nach Görlitz” und werde von der Bahnangestellten um die fünfzig auch prompt verstanden und verständnisvoll bedient. Mein abgezähltes Geld, mein letztes, halte ich bereits in der Hand. “10 Zloty zu wenig. Kann das sein?” Die Fahrpreistafel zeigte einen anderen Preis.

Kein Problem.

Adolf Hitler und Konsorten

Adolf Hitler und Konsorten

“Ich werde noch ein paar Euros wechseln, ich bin gleich wieder hier”, sage ich und stürme hinaus. Die Fahrkartenverkäuferin nickt mir verständnisvoll hinterher. Vorbei an Adolf Hitler, vorbei an anderen Kriegsbildern, die sich gestern als erstes in meine Netzhaut eingebrannt haben, suche ich eine Möglichkeit zu tauschen. An einer kleinen Wechselstube mache ich Halt. “Zloty, prosze.” Und lege zehn Euro in das Geldfach. Schweigend reicht die Angestellte mir das polnische Geld und nimmt die Euros. “Puh, das ging aber reibungslos!”

Ich rase zurück ins Kundenbüro und werde jäh gebremst, denn es ist inzwischen wieder jemand vor mir. “Egal, Christian, entspanne Dich, der Zug geht doch erst in vier Stunden…!”

Kurz darauf halte ich meinen Fahrschein in den Händen.
Ich fühle mich echt glücklich. “Es wird jetzt alles anders als geplant, aber ich sehe einen Anfang!”
Erst einmal heisst es aber, Zeit totschlagen. Ich habe einen enormen Durst. Vollgepackt streiche ich durch den Bahnhof, von einem Ende zum anderen, in der Hoffnung so etwas wie einen Selbstbedienungsladen zu finden, wo ich diesen Apfelsaft mit Minzgeschmack kaufen kann, den ich in Berlin in einem polnischen Laden schon gekostet hatte. Ich sehe, dass er überall in den Kiosken verkauft wird. Aber ohne Selbstbedienung. Ich ringe mich durch und kaufe einen, indem ich mit Händen und Füssen auf einen zeige, der sich im hinteren Ladenbereich des Kiosk befindet.
“Geschafft.” Hunger habe ich aber auch. Und nur noch eine Handvoll Zlotys.

Doch ich möchte mit niemanden mehr sprechen, obwohl ich jetzt gerade meinen ganzen Unmut, meine ganzen Erlebnisse jemanden mitteilen möchte. Aber nicht mit Händen und Füssen, sondern wortreich in meiner Sprache.
Schweigend bestelle ich in einem Bahnhofsimbiss ein “Kielbasa”-Menü plus ein “Wroclawer Pivo” zum Frühstück. Das Bratwurstmenü sieht völlig anders aus als auf dem Bild.
“Nun ja, der Hunger treibt es rein, dafür ist es ein wenig teuerer. Nun denn.”

Es ist wohl wieder eine dieser Situationen, wo ich in meinem Pilgeraufzug kurios auf die Leute wirke.
Ich werde angesprochen, auf deutsch:
“Na, wie geht`s?”
“Gut.”
“Woher kommst Du?”
“Aus Berlin.”
“Ohh, ich habe ein Liebchen in Berlin.”
“Echt?”
“Ja, echt. Berlin ist ‘ne schöne Stadt!”
“Ja. Und was machen Sie jetzt hier?”
“Na, nö. Muss drei Monate warten. Dann kann ich wieder nach Berlin reisen. Ich freue mich auf mein Schätzchen! Wie sagt man? Prost?”
“Ja, dann mal Prost!”

Das ist der eine, herzlich gemeinte Kontakt, hier in Breslau.
Ich schlage die vier Stunden tot und fiebere der Abfahrt entgegen. Auf weitere Details möchte ich nicht weiter eingehen. Nur soviel, dass mir die Worte vieler aus der Heimat in den Sinn kommen, die mir rieten, doch besser zu zweit durch Polen zu reisen. “Jetzt verstehe ich Euch, Freunde.”

Ich besteige den Zug nach Görlitz, nicht ohne das versöhnliche Versprechen zu murmeln: “Ich komme wieder, Breslau, ich komme garantiert wieder Wroclaw, vielleicht nicht alleine, aber auf jeden Fall nicht in diesem Jahr. Irgendwann, wer weiss. Aber ich werde diesen Weg gehen, garantiert!”

Ankunft Bahnhof Görlitz

Ankunft Bahnhof Görlitz

Um 18 Uhr komme ich nach langer Fahrt in Görlitz an.
Während der Einfahrt in den Görlitzer Bahnhof hüpfe ich vor Freude auf dem Sitz, wie vor der Bescherung. Kameraknipsend laufe ich die Wege des letzten Jahres ab und gehe zur Touristeninfo in die Altstadt. Hole meinen alten, schon ein wenig zerfletterten Pilgerführer heraus und lasse mir den Weg zur ersten Herberge zeigen. Ein junger Mann, Zivi, bedient mich. Ich werde verstanden. Die Herberge ist gleich um die Ecke, neben dem Weihnachtshaus. Auf ein Mal passt alles.

“Hach, Görlitz glänzt so schön in der Abendsonne!” Ich klopfe an die Tür der Herberge und mir wird aufgetan. “Leute, jetzt bin ich angekommen, man ist das schön! Jetzt kann es losgehen!”

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About Christian

"Leuchten sollst'e, leuchten!" sprach es zu mir auf dem Weg nach Naumburg. Seit 2007 pilgere ich auf Jakobswegen, entdecke und erlebe europäische Geschichte. Als evangelischer Christ interessiert mich die Zeit vor der Reformation, speziell das Spätmittelalter um 1400. Dazu entwickele ich mich zu einem mittelalterlich gekleideten Pilger dieser Zeit.