3 Mal war ich schon auf dem Ökumenischen Pilgerweg unterwegs. Ich bin immer alleine losgelaufen und habe viel erlebt und gesehen. Und den Weg, seine Örtlichkeiten, Gegebenheiten, Landschaften kennengelernt, habe meine Schwächen und Stärken erlebt und viele, viele Menschen kennengelernt: Mitpilger, Herbergseltern und “Ureinwohner”auf, rechts und links des Weges. Über meine Erlebnisse schreibe ich hier in meinem Blog, Ihr kennt meine Geschichten.
Inzwischen kennt Ihr auch die Erlebnisse von Anika, meiner Mitpilgerin aus 2007. Nicht nur sie hatte auf Ihrer Reise Tagebuch geschrieben. Ab heute könnt Ihr die Erlebnisse von Pilger Atze 1407 – “2009 Via Regia – Ökumenischer Pilgerweg von Görlitz nach Vacha” als tägliche Serie lesen!
1. Teil – Vorbereitungen
Mein kleiner Traum ist seit sehr langer Zeit, um nicht zu sagen seit Jahren, den Pilgerweg nach Santiago de Compostella zu gehen. Leider findet man jedoch immer wieder irgend welche Gründe um bestimmte Dinge hinaus zu schieben. Jetzt ist jedoch die Zeit gekommen, um meinen Traum wahr werden zu lassen, und mit den Vorbereitungen zu beginnen.
Dazu sollten auch so kleine Touren dienen, wie mal kurz von Zittau nach Prag zu laufen, oder die Via Regia von Görlitz nach Vacha zu gehen (ca.460 Km ).
Rund 3500 Km von Zittau aus nach Santiago de Compostella sind schießlich keine Kleinigkeit, denn Pilgern heißt für mich, der Weg beginnt vor der Haustür und nicht unbedingt da, wo Jakobsweg drauf steht.
Das wichtigste Stück neben der normalen Ausrüstung, ist der Pilgerpass.
Ohne den geht nichts, wenn schon, denn schon. Also im Internet schauen, und mal sehen ob ich da was finde.
Bingo,- Jakobusgesellschaft Aachen.
Die PDF Seite mit dem Antrag runter geladen und in Ruhe erst einmal lesen.
“Was ist daaas, da wird doch tatsächlich nach einen Bürgen, bzw. Empfehlung gefragt. Unglaublich!”
Also anrufen und nachfragen. In der Tat, man erwartet eine Empfehlung. Erst nach freundlichem lange hin und her, und auf meinen Hinweis, dass ich doch die ” Leidenstour” mache, um all meine Sünden vor Gott los zu werden, denn dafür ist ja pilgern gedacht, lenkte die Dame am Telefon endlich ein und versprach mir, den ersehnten Pilgerpass zu schicken.
Zwei Tage später war das Stück dann da.
So, die Sache mit dem Pilgerpass wäre damit erledigt.
Jetzt heißt es sich um die Ausrüstung zu kümmern. Da wäre zunächst einmal der Rucksack.
Also zum nächsten Sportladen, und sich beraten lassen. Ich habe mich vorher schon mal ein wenig “Schlau” gemacht. Somit wusste ich, was ich haben wollte.
Der Verkäufer ließ sich auch darauf ein, mir das gute Stück für ein paar Tage mit nach Hause zu geben, damit ich ihn in aller Ruhe testen konnte.
Nach einer Woche des Probierens und Probetragen stand der Entschluss fest, dass ist er, der Deuter 55+10 ACT. Er passt wie für mich gemacht. Nur der Preis, da muss doch noch was zu machen sein.
War es auch, der Verkäufer ließ mit sich reden, und gab mir einen Nachlass von sage und schreibe, 40 Euro!
Na bitte, geht doch.
Als nächstes sollten ein paar Wanderschuhe her.
Ich besitze zwar ein Paar vom Zoll, diese erschienen mir jedoch zu schwer. Für meine ” Testtour” wollte ich was leichtes, und auch nicht soviel Geld ausgeben. “Denn weiss ich, wenn ich von Vacha zurück bin, ob ich nicht die Nase voll habe und die ganze Sache hin werfe, ne ne. ”
“Mal schauen was Deichmann so hat, die haben Schuhe ohne Ende.” Ich brauchte auch gar nicht lange suchen, bis ich die passenden gefunden habe. Preis 49,99 Euro!
Ja liebe Wanderfreunde, ich weiss, jetzt stehen einigen von euch die Haare zu Berge. Aber die Schuhe sahen so toll aus, dass ich einfach nicht wiederstehen konnte.
Und was die auch alles konnten, bzw. hatten. Von Gore-Tex bis wasserdicht, unglaublich auch die vielen kleinen Schilder, die die Schuhe in den allerhöchsten Tönen lobten.
Gekauft!
Wie sich später noch erweisen sollte, sind sie tatsächlich wasserdicht. Auch liefen sie sich sehr gut.
Mein Gedanke bei dem Kauf war, wenn die Schuhe nichts taugen, dann bringe ich sie eben zurück. Bei rund drei Wochen dürfte dass ja kein Problem sein. Ausserdem wissen die Leute ja nicht, das ich damit 460 km gelaufen bin.
Schlafsack und Zelt besaß ich schon, damit war ich komplett ausgerüstet, bis auf ein paar Kleinigkeiten .
Ich bestellte mir noch den Pilgerführer Görlitz – Vacha des Ökumenischen Pilgerweges e.V., der dann nach zwei Tagen kam. Ein sehr schön gestaltetes Buch, mit handgezeichneten Karten.
Vacha ich komme !
Sonnabend den 06.09.09
In aller Frühe fährt mich ein Freund zum Bahnhof. Er hält mich ein klein wenig für verrückt, nach dem Motto “wie kann jemand freiwillig über 400 Km laufen???”. Für ihm unvorstellbar. Nach 45 Minuten Bahnfahrt erreiche ich Görlitz, -auf gehts.
“Halt, da war doch noch was? Richtig, ich brauche ja noch einen Stempel für meinen Pilgerpass!”
Der muss sein, als Nachweis, dass ich die Tour auch hier beginne.
Da es noch nicht 10 Uhr ist, hat die Kirche geschlossen. “Macht nichts, mal sehen, ob die Touristeninformation geöffnet hat.” Hat sie. Ich habe dem netten Herrn hinter der Theke kurz mein Anliegen erklärt und schon bekam ich meinen Stempel.
Zum Abschied wünschte er mir noch einen guten Weg.
“Jetzt aber los!” Ich verließ die Stadt so schnell ich konnte, ich wollte endlich raus, den Weg und die Natur geniessen.
So richtig klappte es aber nicht: Es fing an zu regnen. “Ist kein Problem,” denke ich, “hast ja ‘ne Regenjacke dabei”.
Rucksack runter, die Jacke anziehen und weiter.
Keine 5 Minuten später hörte es auf zu regnen. Kurz hinter der Stadt unter einer Autobahnbrücke machte ich noch mal einen Stop, um meine Stöcke raus zu holen. Keine Leki, sondern welche von NKD für 7,00 Euro erworben, sogar mit Federung! An den Spitzen habe ich Gummifüsse, denn das “Klick-Klack” kann sehr belastend sein.
Gerade als ich fertig war, kam auch schon das “Klick-Klack” in Form von einem Pärchen daher.
Sie aus DE und er aus Irland. Sie wollten auch den Pilgerweg bis nach Vacha laufen. Wir sind gerade dabei uns bekannt zu machen, als schon wieder das “Klick-Klack” ertönte.
Eine Dame im gehobenen Alter gesellte sich zu uns. Nach dem “wer bist du und wo kommst du her”, machten wir uns zu viert auf dem Weg. Sollte gar nicht lange dauern, da war ich wieder allein.
Die drei legten so ein Tempo an den Tag dass ich nur noch die “Rücklichter” sah. Ich habe sie auch nicht wieder getroffen.
Der Weg führt auf einer Landstrasse Richtung Königshainer Berge, umsäumt von Feldern die bereits abgeerntet sind.
Es fing wieder an zu regnen, und diesmal kräftig, aber weil dass noch nicht ausreichte, wehte zudem noch ein derart starker Wind, dass ich dachte, ich würde jeden Moment abheben. Dass es nicht geschah, verdanke ich wohl dem schweren Rucksack und den Stöcken.
Mein Gott, das Tagesziel liegt noch in weiter Ferne und so richtig aus der Rille bin ich auch noch nicht gekommen.
Nach einer weiteren Stunde erreichte ich endlich die Königshainer Berge. Am Waldrand befindet sich ein Hochstand, der zu einer Rast förmlich einlädt. Oben ist er mit einer schönen Kanzel versehen, so dass ich im Trockenen sitzen kann. Trinken, essen und dann,- ein schönes kleines Nickerchen, aus dem fast zwei Stunden geworden sind. Erschreckt fahre ich hoch, jetzt wird es aber Zeit dass ich weiter komme.
Schnell alles eingepackt, den Rucksack übergestülpt und runter. Wie bin ich bloß hier hoch gekommen?
Schön aufpassen, dass ich nicht hängen bleibe und vielleicht noch runter falle, -fehlte noch.
Weiter gehts durch die Königshainer Berge, das kleinste Mittelgbirge in Deutschland. Die höchste Erhebung ist mit 393 Metern der Hochstein. Hier befindet sich eine Gastätte in der ich noch einmal eine kurze Kaffeepause machen möchte. Beim Kaffee telefoniere ich mit der Unterkunft in Arndsdorf und frage nach einem freien Bett. Alles frei, ist die Antwort.
Nach einer Stunde habe ich Arnsdorf erreicht.
Den Weg zum Landkino finde ich dank meines Pilgerführers sehr schnell. Noch einmal mit der Herbergsmutter telefoniert, und keine fünf Minuten später ist sie da.
Schnell zeigte sie mir die Unterkunft, kassierte 5 Euro und eben so schnell war sie auch wieder weg. Sie erwähnte, dass da noch jemand kommen werde, aber wann, wisse sie nicht. Derweil suchte ich mir mein Bett und packte eine Sachen aus.
Es dauerte nicht lange, da kam dann auch der Angekündigte. Ein junger Student aus Pasewalk. Nachdem wir uns bekannt gemacht haben, erkundeten wir unsere Unterkunft. Wow, eine Kneipe für uns ganz allein! Ehrlich, wir hätten uns hier total besaufen können. Angefangen vom Bier über Wein bis hin zu den harten Sachen, war alles vorhanden einschließlich Essen.
Wir haben es aber bei einem Bier belassen. Das ganze unter dem Aspekt Kasse des Vertrauens. Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt.
Am frühen Morgen haben sich unsere Wege getrennt, denn er musste noch warten, bis die Herbergrmutter erschien, um zu bezahlen. So machte ich mich wieder allein auf dem Weg Richtung Weißenberg…
Weißenberg ist noch gut 12 km entfernt und sollte mein heutiges Tagesziel sein. Ich hatte mir vorgenommen nicht mehr als 15 bis 20 km zu laufen, ich wollte ja unterwegs in aller Ruhe die herrliche Landschaft geniessen.
Im Pilgerführer sind zwar Tagesziele in Etappen vorgegeben, die waren mir aber suspekt.
Ich merkte auch mittlerweile meinen Rucksack zu spüren und die Füsse meldeten sich auch an.
Am frühen Nachmittag war ich dann in Weißenberg. Ein kleines Städtchen, dass schnell durchschritten werden kann. Ich meldete mich telefonisch bei der Unterkunft an und hatte Glück, es war ein Zimmer frei. Fünf Minuten später stand ich vor dem Haus. Die Aufnahme war sehr freundlich.
Frau Kastner, so heißt die liebe Gastgeberin, zeigte mir das Zimmer in dem ich die Nacht verbringen durfte. Es war gut eingerichtet und man fühlte wohl. Sie und ihr Mann haben mich zum Abendbrot eingeladen, was ich auch dankbar annahm.
Der Abendbrottisch war reichlich gedeckt und ich bekam kräftig Hunger.
“Denkste, so einfach sich an den Tisch setzen wie gewohnt und anfangen zu essen, nein, nein, Jürgen, wir wollen doch vor dem Essen erst einmal ein Dankesgebet zum lieben Herrgott schicken und dann kannst du zu essen anfangen.”
Ich muss sagen für mich Gottlosen eine völlig neue Erfahrung, also die Hände zum Gebet gefaltet und still vor sich hin nachgesprochen. “Amen.”
Um so besser schmeckte das Abendbrot.
Nach dem Aufstehen am anderen Morgen, merkte ich, dass ich mir doch eine Blase unter dem großen Zeh zugezogen habe. Zum Glück hatte ich mir Blasenpflaster gekauft, der nun zum Einsatz kommen konnte.
Nachdem ich meine Füsse versorgt hatte, rief die Gastgeberin auch schon zum Frühstück. Dieses mal faltete ich vorher sorgsam meine Hände zum Gebet und wartete bis der Hausherr mit dem Gebet anfing. Nachdem üppigen Frühstück und der Verabschiedung mit einem guten Weg Wünschen, schulterte ich meinen Rücksack und ging meines Weges dahin.
Einsam sind die Wege durch Wiesen und Felder.
Frisch gestärkt geht es nun über Wurschen und Kubschütz nach Bautzen. Die Hauptstadt der Sorben nennt sie sich, man merkt es auch daran, dass alle Schilder zweisprachig sind.
Mein nächster Gang führt mich ins Pfarramt, um mich nach einer Unterkunft zu erkundigen. Die Mitarbeiterin telefonierte ein paar Adressen ab, es schien wie verhext zu sein, denn überall waren die Betten belegt. Schließlich fand sie aber dann doch noch jemanden,der nicht im Pilgerführer stand. Die Dame gab mir die Adresse und keine Fünf Minuten später stand ich bei Werner vor der Tür. Werner war Mitvierziger und lebt mit seiner Tochter allein. Die Nacht durfte ich in ihrem Bett schlafen, denn sie ist ein paar Tage nicht da.
Am nächsten Tag geht es weiter nach Crostwitz.
Diesmal ist der Weg sehr unangenehm, da es fast ausschließlich nur über Landstraßen geht. Ich musste Richtung Salzenforst, an einer Kreuzung bin ich dann falsch abgebogen, was ich erst später merkte. Links an einen Feld vorbei, steht am Rand ein Bauer mit seinem Traktor und schaut mich neugierig an. Da ich ein freundlicher Mensch bin, grüsse ich ihm höflich. Er aber starrte mich weiterhin nur an.
Nach ein paar Kilometern bermerkte ich endlich meinen Irrtum, dass ich falsch gegangen bin. Ich wollte gerade umkehren, als neben mir plötzlich ein Auto hält. Im Wagen sitzt ein hübsche junge Frau, die mich nach dem Weg fragt. Sie hat sich auch verfahren. Ob ich denn ein Stück mit zurück kommen möchte? “Und ob.”
Zum Ausgangspunkt ist es ja wohl kein Betrug und der liebe Gott wird mir sicherlich verzeihen.
Wirklich hübsch ist das Mädchen, bei mir alten Zausel schlägt das Herz gleich noch mal so schnell. “Bleib ruhig Junge, denke daran, du bist zum Pilgern hier!”
Am Ausgangspunkt zurückgekehrt, setzte ich meinen Weg am selben Feld vorbei fort, diesmal jedoch rechter Hand. Nach ca. 2 Kilometer kommt mir über das Feld ein Traktor entgegen und wer sitzt darauf? “Richtig, mein Bäuerlein von vorhin.”
Als er nah genug dran war und er mich erkannte, traute er wohl kaum seinen Augen. “Ja ich bin überall hier.”
Kurz vor Croswitz rief ich die Herberge an, in der ich übernachten wollte.
Ich hatte Glück. Angekommen, wurde ich schon herzlichst erwartet. Marlis, die Gastgeberin, hatte mich schon vom Balkon ihres Hauses kommen sehen und derweil den Tisch mit Kaffee und Gebäck gedeckt. “Welch ein schöner Empfang!” Abends beim Glas Wein erfuhr ich, dass ihr Mann gerade verstorben sei. Sie möchte aber unbedingt weiter für die Pilger da sein, denn dass gibt ihr Kraft für die Seele. Eine starke Frau.
Der nächste Tag sollte meine Königsetappe werden. Vorbei an Wiesen, Feldern und Wald sind es gute 34 km bis Königsbrück.
Was für eine Wohltat für meine Füße, es geht über Wiesen, Felder und Wald.
Ich bin gerade in meinen Gedanken versunken, als direkt vor mir eine Schutzhütte steht. Ich glaube es einfach nicht, innen steht doch tatsächlich ein Tisch der liebevoll mit Tischdecke, Kerzen und Servietten gedeckt ist. Um dem Ganzen eine Krone auf zu setzen, steht dazu noch eine Schale mit frischen Obst!
Was müssen das für Menschen sein, die sich all die Mühe machen und sich so um die Pilgerer kümmern? Wie gesagt, das mitten im Wald und die nächsten Ortschaften sind ein paar Kilometer weg.
“Unglaublich!”Nachdem ich meine Rast an diesem schönen Ort beendet habe, mache ich mich weiter auf dem Weg nach Königsbrück.
Dieses mal habe ich beschlossen, im Armenhaus in Stenz zu übernachten, denn bis jetzt war es immer feudal in den Herbergen. Obwohl der Pilgerführer einen warnte, dass man auf Luxus wie fließendes Wasser und Strom verzichten müsse, will ich es diesmal wissen. Saubere Sachen und geduscht habe ich.
So telefoniere ich mit dem zuständigen Küster und melde mich an.
Wieder in Gedanken hängend, kam ich in der Stadt an.
Es ist zwar eine kleine Stadt, der Weg zog sich aber in die Länge. Ich will gerade eine Brücke überqueren, als sich ein Pärchen vom Brückengeländer löste und auf mich, bewaffnet mit Kameras stürzen.
Bevor ich mich von meinem Schrecken erholt habe, fragt mich der Mann ob ich ein Pilgerer bin. Wahrheitsgemäss bejahe ich seine Frage. Er erklärt mir nun, das sie schon den ganzen Tag auf mich gewartet haben und ob ich was dagegen habe, wenn man mich fotografiert.
“Mein Gott,” denke ich, “woher wissen die denn dass ich heute hier vorbei komme, kann ja nur eine Verwechselung sein?” Vorsichtig schiele ich nach hinten, um zu sehen, ob da nicht doch noch ein anderer kommt, denn ich bin doch nicht Hape oder so.
Es ist aber niemand in Sicht. Na schön, Augen zu und durch.
“Für welche Presse arbeiten Sie denn?” frage ich den Herrn. Er lacht.
“Nein,” meint er, “wir sind nicht von der Zeitung, sondern wir sind Mitarbeiter der Projektgruppe Via Rgia, hier in Königsbrück.” Sie möchten Pilgerer für ein Projekt, woran sie gerade arbeiten, nach deren Meinung befragen.
Er sagte, dass sie schon seit ein paar Stunden warten, bis jetzt bin ich der erste heute, der hier vorbei kommt.
Er fragt mich weiter, ob ich etwas Zeit habe und ich sie zu ihrer Arbeitsstätte begleiten könne, wo sie ein Meeting haben.
Da ich Zeit habe und neugierig bin, was mich wohl erwartet, willige ich ein. Beim Meeting werde ich herzlich begrüsst und in ihrer Runde aufgenommen. Man erklärt mir das Projekt, stellt Fragen und ich antworte brav. Zum Abschied gibt es noch ein herrliches Essen für mein Bemühen.
Ich machte mich auf dem Weg zum Armenhaus, das am Rande von Königsbrück liegt.
Ich melde mich zu Hause beim Küster, der im Augenblick nicht da ist, dafür aber seine Frau. Sie weiss Bescheid, dass ich komme und gibt mir schon mal die Schlüssel. Zusammen gehen wir, im wahrsten Sinne des Wortes zum Armenhaus.
Die Frau zeigt mir alles kurz und meint, dass sie noch mal kommen muss, um mir Wasser zu bringen. Ich soll derweil mich mit dem Haus schon mal vertraut machen.
Ich mach es. Keine fünf Minuten später ist des Küsters Frau wieder da, mit einer Milchkanne voll Wasser. Keine kleine, nein, eine große, so wie man sie vom Kuhstall her kennt.
“Das Wasser wird wohl reichen?” fragt sie und geht mit den Worten “Sie wissen ja Bescheid!”.Nun, da ich mich umgesehen habe, weiss ich jetzt Bescheid. Kein fießendes warmes Wasser, stattdessen kalt waschen im Zuber.
Stroooom,-völlig überflussig! Die Warnung steht ja auch im Pilgerführer. Hoffentlich hält mein Handy, die Batterie ist fast leer. Wäre schade wenn ich das hier nicht fotografieren kann.
Das beste im ganzen Haus, ist mein Bett. Matratze mit Stroh und die Bettdecke mit tonnenschweren Federn gefüllt. Obwohl ich nur so gross, wie ein “Gullydeckel” mit meinen 1,70 Meter bin, muste ich im Bett noch die Beine anwinkeln damit ich schlafen konnte.
Vom aller Feinsten was zum Hause gehört, kann ich jedoch kein Foto machen. Oje oje, ein wahres Musterexemplar von einem Plumsklo. Ich bin wirklich nicht pingelig, aber dass da schlägt dem Fass den Boden raus. Selbst auf kleine Jungs verzichtete ich und ging in die Kneipe. Na ja, wie der Name es sagt, Armenhaus.
Einen Höhepunkt gibt es am frühen Morgen um halb sieben, in Form von Werner, dem Küster, der für alle “Entbehrungen” entschädigte. Er bringt einen riesigen Korb mit Frühstück, einschließlich Ei und Kaffee. Während ich esse, erzählt mir Werner über die Geschichte des Armenhauses und wir unterhalten uns über Gott und die Welt. Zum Abschied nahm er beide Hände von mir und gab mir seinen Segen. So ausgerüstet mache ich mir wieder auf dem Weg meinem Ziel entgegen…
Raus aus der Stadt in Richtung Großenhain geht es auf sich windenden Pfaden, über Weiden, Wiesen und Felder weiter.
In einem Wald folge ich ein Stück den Lauf eines Flusses, der träge dahin fließt. Was für schöne Ecken es doch auch bei uns in Deutschland gibt, man muss sie halt nur Entdecken.
Ganz sachte werde ich schwermütig. Seit ein paar Tagen habe ich unterwegs nicht eine Menschenseele getroffen, mal abgesehen von den grösseren Städten. Die Dörfer durch die ich bisher gelaufen bin, sahen immer wie ausgestorben aus. Kein Mensch auf den Strassen. So langsam fehlt mir einfach das Gespräch. Wenn ich dann denke, dass da vielleicht irgendwo ne Kneipe ist, in der man einkehren kann, ne denkste. Es soll sich auch auf dem gesamten Weg, bis auf wenige Ausnahmen nicht ändern. So einsam bin ich in Deutschland noch nie unterwegs gewesen.

“Klik Klak”, auf diesen Pfad kommt sie daher.
Ich bin gerade dabei eine kleine Pause zu machen, als ich ein mir bekanntes Geräusch wahrnehme,” Klik Klak. ”
Wenige Augenblicke später sah ich sie dann. “Eine Wanderin?” Nein, diese Frau ist eine Pilgerin und heißt Renate. Wir machen uns bekannt, fragen nach dem woher und wohin und gehen gemeinsam weiter. Endlich nicht mehr allein.
Sie erzählt mir,das sie Telefonfürsorgerin ist und verrät mir auch ihr Alter. Ein wenig überrascht bin ich darüber schon, denn so alt wie sie ist, sieht man ihr nicht an. Ich bin mit meinen 55 Jahren ein richtiger Jüngling dagegen. Das mit der Telefonfürsorge passt ja geradewegs für mein derzeitigen Gemütszustand.
Nach einigen Kilometern verlassen wir den Wald und kommen in ein Dorf. Bei mir machte sich der Appetit auf eine schöne Tasse Cafe und dazu passend ein Stück Kuchen bemerkbar. Ob wir denn hier einen Bäcker oder ähnliches finden?
Ein Blick in den Pilgerführer sagt uns, dass es hier einen geben muss. Es gibt auch einen, nur hat der leider Mittagspause. Ich sehe durch die Schaufensterscheibe, dass sich da was bewegt, zaghaft klopfe ich dagegen. Siehe da, eine recht junge Verkäuferin öffnete die Tür und ich erzähle ihr unser Anliegen. Minuten später sitzen wir beim Cafe und Kuchen draußen auf der Terrasse. Sind doch wirklich nette Leute hier.
Wenn ich dass bei uns in Zittau machen würde, was werde ich da wohl für eine Antwort bekommen. “Ist ja auch eine Frechheit die Leuten um ihre Mittagspause zu bringen.” Egal, jedenfalls schmeckt der Kuchen und der Kaffee gleich noch mal so gut. Unser Kaffeekränzchen beendend machen wir uns wieder auf dem Weg, um unser Tagesziel Großenhein zu erreichen.
Der Weg führt uns aus den Wald und es geht über Asphaltstrassen durch ein paar Dörfer weiter. Nach der gestrigen Etappe von über 30 Kilometer, will ich heute noch ein Zwischenstop einlegen. Renate ist der selben Meinung. Laut unseren Pilgerführer gibt es in Schönfeld ein Schloß, in dem man übernachten kann.
“Ein Schloß?”, hört sich sehr gut an, “einmal sich fühlen wie ein König.”
Wenn ich gestern im Armenhaus geschlafen habe, so steht mir doch heute so etwas zu, oder? Nach ein paar Stunden erreichten wir unser Ziel. Wir gehen durch einen wunderbaren angelegten Garten und kommen an ein Gebäude vorbei, “nach einem Schloß sieht dass aber nicht aus”, denke ich. Ein Glück, wenige Schritte weiter zeigt sich das Schloß in seiner wahren Pracht. Es müsste nur ein wenig renoviert werden.
Gestern noch im Armenhaus und heute im Traumschloß.
In der Anmeldung bekommen wir die Schlüssel und begeben uns in die königlichen Gemächer. Muß wohl ein armer König gewesen sein der hier wohnte, keine Kronleuchter und keine opulente Einrichtung zieren die Räumlichkeiten. Schnöde Stühle, ein Tisch und um dem ganzen hier die Krone aufzusetzen, statt einem Himmelbett einfache Matratzen auf dem blanken Fußboden. Nicht mal Parkett. Eine Kochgelegenheit finden wir auch nicht, nicht einmal nen Wasserkocher. So bleibt uns nichts weiter übrig als außer Haus zu speisen. Wir machen uns frisch und ziehen ein paar zivile Sachen an.
Dass heißt, ich ziehe mir frische Unterwäsche, Socken und ein Fleecpullover an. Fertig. Meine Wanderhose für 7 Euro und die 50 Euro Wanderschuhe ziehe ich auch wieder an. Irgendwie sehe ich trotzdem noch feldmarschmäßig aus.
So ausgeputzt machen wir uns beide auf dem Weg zu einer Lokalität. Wir werden schnell fündig denn in diesem Ort gibt es nur die eine und die hat sogar geöffnet, was keine Selbstverständlichkeit ist wie ich auf meiner Tour bis hier feststellen mußte.
In der Kneipe sitzen ein paar Gäste, die nach ihren Äußerlichkeiten zu beurteilen hier nicht her passen. Sie sind alle durchweg derart festlich gekleidet, dass man annehmen muß Renate und ich befinden uns in einer Hochzeitsgesellschaft. Wie sich zeigen wird, ist dem aber nicht so. Nachdem wir gegessen und getrunken haben gehen wir zu userer königlichen Unterkunft zurück. Im Schloßpark bemerken wir dass sich hier viele Leute in festlicher Gardrobe eingefunden haben.
Mich beschleicht ein sehr merkwürdiges Gefühl, hat man uns vielleicht im königlichen Schloß die Räume für die Dienstboten zugewiesen? Nein, hat man nicht, es findet ein Konzert statt, deren Erlöse auch dazu dienen, das Schloß weiter zu sanieren. In unseren Gemächern heist es jetzt Schlafsäcke raus und schlafen.
Am Stadtrand von Großenhain, noch 2980 Km bis Santiago de Compostella
(Foto: Renate W.)
Frisch ausgeschlafen jedoch mit knurrenden Magen verlassen wir unser Traumschloß.
An einem Bäckerladen machen wir halt, gehen rein und bestellen Kaffee und Kuchen. Kuchen ja, Kaffee nein, lautet die Antwort der sehr netten Verkäuferin. Es ist heute Sonnabend und da ist sie immer allein im Geschäft, deswegen habe sie nicht die Zeit, um noch Kaffee zu kochen. Für uns macht die Frau eine Ausnahme, denn wer so verrückt ist, so weit zu laufen der hat sich auch einen Kaffee verdient.
Wir bedanken uns artig und setzen uns den Blicken der Kunden, die da kommen, vor der Tür aus. Dabei genießen wir in aller Ruhe Kaffee und Kuchen.
Frühstück beendet, weiter geht es entlang der Straße auf einen Fußweg. Plötzlich bekomme ich einen stechenden Schmerz am unteren Schienbein. Sind dass etwa meine Schuhe die mir jetzt Probleme machen? Ich lockere die Schnürsenkel und gehe unter Schmerzen weiter. Nachdem wir vom asphaltierten Fußweg auf einen Feldweg weiter gehen, läst der Schmerz ein wenig nach und wird erträglicher. Da wir jetzt hintereinander laufen, fällt es nicht gleich auf, dass ich allmählich langsamer werde, denn Renate läuft vorne weg.
Endlich nach stundenlangen gerade aus gehenden Weg erreichen wir Großenhain.
Hier am Rande der Stadt haben die Stadtväter eine sehr große Tafel zur Ermutigung für die Pilgerer nach Santiago de Compostella aufgestellt. Bis dahin sind es nur noch 2980 Kilometer. Eine schöne Geste der Stadt.
Bis ins Zentrum sind es noch einige Kilometer und der Schmerz im Schienbein nimmt auf diesen harten Untergrund wieder zu. Renate bekommt es mittlerweile auch mit, dass ich ein problem mit meinem Bein habe, denn ich fange zu humpeln an.
Im Zentrum angelangt, kommen wir an einer Eisdiele vorbei wo wir uns sofort draußen nieder lassen. Wir bestellen Eis, Kafee und für mich ein großes Bier dazu. Das Sitzen ist für mein Bein eine Wohltat, denn der Schmerz der inzwischen immer stechender und kaum noch auszuhalten ist, läst ein wenig nach, wenn ich mit dem Fuß nicht auftrete. Renate möchte ausserhalb von Großenhain übernachten, da dass für mich nicht mehr machbar ist, es sind noch rund 7 Kilometer, beschließen wir uns zu trennen. Ein wenig traurig bin ich schon, als sie davon geht. Renate war eine angenehme Begleitung und ich sollte sie auch nicht mehr wiedersehen.

Die kleine “Schwester” der Frauenkirche in Dresden
Thüringen ich komme…
Zwei Tage habe ich in Großenhain verbracht, um mein Bein ein wenig Ruhe zu gönnen, bevor ich wieder frei von Schmerzen, mich auf dem Weg mache. Über Wurzen, Leipzig, Merseburg und Naumburg erreiche ich Roßbach. Nach einen kurzen Telefonat ist meine Übernachtung gesichert. Gerade will man mir mein Zimmer zeigen, als noch jemand um Einlass begehrt. Es ist wieder eine Pilgerin, sie stellt sich mit Monika vor.
Endlich, nach knapp zwei Wochen, sich wieder unterwegs unterhalten können. Zu zweit gehen wir am nächsten Morgen weiter.

Wir laufen durch eine kleine Schlucht, als sich uns eine Kuh in den Weg stellt und zwar so, dass wir nicht ausweichen können. Sie macht auch keine Anstalt den Weg zu räumen. Erst als Monika sich anschickt, auf sie loszugehen, räumt
die Kuh den Weg. Allen Mut zusammen gefasst, laufe ich schnell hinter Monika her, man weiss ja nie.
“Ich seh doch soo gefährlich aus”
Nach diesen “Abenteuer” erreichen wir kurz vor Eckartsberga ein Dorf, wo wir an einen kleinen Teich eine Pause einlegen. Wir genießen beide die Stille, als ein Mann mit einem Fahrrad auf uns zu kam. Mit einigen Metern Abstand zu uns steigt er vom Fahrrad und äugt unschlüssig zu uns her.
Dann nimmt er sich doch ein Herz und spricht uns an. Er fragt nach dem woher und wohin. Ich erzähle Ihm, dass unsere nächste Station Eckartsberga sei, da antwortet er, wir müssen unbedingt zu Fritz.
Fritz ist dort überall bekannt, denn er hat eine Gaststätte und das Essen sei einmalig. Nachdem der Mann dass mehrmalig wiederholt hat, verabschiedet er sich und fährt weiter.
Monika und ich müssen herzhaft lachen, aber nach Fritz fragen, kostet ja nichts.

Monika
Am Ortseingang von Eckartsberga sind wir uns nicht sicher welcher Weg ins Zentrum der Richtige ist, da kommt ein älterer Mann mit einen Dackel.
“Ich frag ihm mal”, sage ich zu Monika und gehe auf dem Mann zu. Er erklärt mir den Weg, wie wir am besten ins Zentrum gelangen, als ich ihm die Frage nach Fritz stelle, fängt er über sein ganzes Gesicht zu grinsen an:
“Ja, den kenne ich ich sehr gut”, sagt er und grinst weiter. Ich ahne es, er ist der Fritz wie er leibt und lebt.
Wir mussten alle drei lachen. Fritz erzählt uns, dass er die Gastätte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selber betreibt, sondern verpachtet hat. Wir sollen ruhig der Gaststätte einen Besuch abstatten, wir werden sicherlich nicht enttäuscht werden.

Herberge Eckartsberga
Im Laufe des Tages habe ich mehrfach versucht die Pilgerherberge im Pfarrhaus zu erreichen, leider vergeblich. Also noch einmal anrufen, ich habe Glück.
Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Frauenstimme. Es ist die Pfarrerin. Sie sagt mir, dass sie im Moment zwar nicht da sei, ihr Sohn ist aber zu Hause und der wird sich um uns kümmern.
Am Pfarrhaus angekommen, öffnet uns ein 10-jähriger die Tür und bittet uns herein. Er wisse Bescheid, denn die Mutti hat ihm unsere Ankunft angekündigt. Wir sind gerade dabei uns die Unterkunft anzusehen, als die Pfarrerin erscheint. Recht mürrisch und nicht gerade freundlich, nimmt sie das Kommando in die Hand und sagt wie wir uns zu verhalten haben.
Als letzten Hinweis bat sie uns, für ca. zwei Stunden unser Zimmer nicht zu verlassen, denn im Durchgangsraum veranstalte sie eine Jugendstunde. Monika und ich sehen uns an, wir verstehen uns auch ohne Worte. So schnell wir können, bringen wir unsere Sachen in den uns zugewiesenen Räumen und verschwinden für die nächsten Stunden.
Wohin? Zu Fritz natürlich, denn wir haben mittlerweile einen Mordshunger.

In der Gaststätte werden wir von der Inhaberin mit einem freundlichem Hallo begrüßt. Es ist nicht übertrieben, aber das Essen ist hervorragend. Selbst unsere kleinen Sonderwünsche werden erfüllt. Zum Abschied gibt uns die Wirtin noch einen Absacker.
Mit gemischten Gefühlen gehen wir der Unterkunft entgegen. Was uns wohl erwartet? Im Haus ist alles ruhig und die “nette” Dame des Hauses lässt sich auch nicht mehr blicken.
Ich mache Monika darauf aufmerksam, dass ich ab und an schnarche, worauf sie ins Nachbarzimmer verschwindet. Und das ist auch gut so, denn mitten in der Nacht werde ich vom Schnarchen wach. Nicht von mein eigenen, nein, die Geräusche kommen aus dem Raum nebenan. Ich traue meinen Ohren kaum, aber so laut habe ich noch nie eine Frau schnarchen gehört, zumal ich einen sehr festen Schlaf habe.
Zum Glück habe ich vorsorglich Ohropax für solche Fälle mit.
Am Morgen spreche ich Monika darauf an, “waas, na hör mal, ich schnarche doch nicht!” ist ihre eindeutige Antwort und sie packt ihre Sachen.” Na ja”, denk ich so bei mir, “sollte man einer Frau vielleicht nicht erzählen.”
Als wir das Haus verlassen, ist von unserer Pfarrerin weder was zu hören noch zu sehen. So müssen wir uns denn ohne einen Gottessegen uns auf dem Weg machen.
Unsere heutige Tagesetappe soll 25 km betragen.
Wenn wir bisher Glück mit dem Wetter hatten, so ist heute der Himmel verhangen und es sieht nach Regen aus.
Vorgesorgt habe ich. Und ich hoffe, dass meine Regenjacke, die ich eingepackt habe, auch hält was sie verspricht.
Bevor wir Eckartsberga verlassen, gehen wir erst einmal zum Bäcker, denn wir haben beide noch nicht gefrühstückt.
Ein sehr schöner Laden, mit sehr netten Verkäuferinnen. Links die Theke mit Backwaren und rechts mit Wurstwaren. Ich offenbare der Verkäuferin meinen Wunsch nach zwei Brötchen und einen Pott Kaffee.
Der Wunsch nach Kaffee wird sofort gewährt, bei den Brötchen wird die Sache komplizierter:
„Wenn sie die Brötchen belegt haben möchten, dann schneide ich sie ihnen auf und sie gehen damit zum Wurststand. Die Kollegin schmiert ihnen die Brötchen dann fertig.“
“Ja, ich möchte”, nehme die Brötchen und reiche sie der Verkäuferin am Wurststand.
Nach diesen Service genießen Monika und ich unser Frühstück, wenn auch stehend . Ohne Essen am frühen Morgen mag ja noch gehen, aber ohne Kaffee?
“Nee, das geht gar nicht!”
Nachdem wir nun Fürstlich gespeist haben, machen wir uns auf dem Weg.
Der Himmel zieht sich weiter zu und es fängt an zu regnen. Erst sachte und dann mörderisch. Schnell suchen wir Schutz unter einen Baum, um unsere Regensachen anzuziehen. Monika ihren Poncho, ich meine Regenjacke. Die Rucksäcke werden ebenfalls regendicht verpackt. Wir warten noch ein wenig und hoffen dass der Regen nachlässt.
Macht er aber nicht, so müssen wir denn wohl oder übel weitergehen. Die Köpfe nach unten geneigt, gehen wir hintereinander ohne der Landschaft auch nur einen Blick zu würdigen, dem Tagesziel entgegen.
Während wir wortlos dahin traben, spüre ich wieder einen stechenden Schmerz im Bein. Diesmal ist es das rechte Schienenbein. “Oder ist es wieder das Linke?”
Vor Schmerz weiß ich es nicht mehr, ist mir im Moment auch völlig egal. Monika bekommt von meinen Leiden nichts mit. Ich falle immer mehr zurück und bald ist sie nicht mehr zu sehen, denn hier ist der Weg sehr kurvenreich.
Mühselig kommen wir in Buttelstädt an.
An einer Eisdiele machen wir halt und setzen uns trotz des schlechten Wetters draußen hin. Kalt ist es nicht, nur etwas windig. Wir bestellen uns Kaffee und dazu jeder eine Portion Bananensplitteis. Monika will es heute noch bis zum nächsten Ort schaffen, um von dort aus über Buchenwald nach Weimar zu gehen. Für mich ist es wieder das Aus für heute. Wir verabschieden uns und Monika macht sich wieder auf den Weg.
Ich musste noch ein paar Stunden warten, denn meine Herbergseltern sind noch unterwegs und kommen erst gegen Abend zurück.
So ziehe ich humpelnd von einer Kneipe in die andere. Es fällt mir nicht allzu schwer, die beiden Lokalitäten liegen sich über die Straße gegenüber.
Gabriele und Werner Polzin empfangen mich entschuldigend, dass ich so lange habe warten müssen.
Zwei Leute, die förmlich für die Pilger aufgehen. Sie versorgen mich, als wenn ich ihr eigener Sohn wäre.
Am nächsten morgen bin ich in aller frühe aus dem Bett und mache mich fertig.
Mein Bein scheint auch wieder fit zu sein. Ich kann mir einfach nicht erklären, warum ich immer diese Schmerzen bekomme. Vielleicht durch Überbelastung, oder weil ich etwa zu wenig trainiert bin. Immerhin bin ich nun schon über zwei Wochen unterwegs und der Körper müsste sich doch an den Strapazen gewöhnt haben. Ich weiß es nicht.
Vielleicht sind aber auch meine tollen 50 Euro Schuhe der Grund. So richtig kann ich mir dass aber nicht vorstellen, denn bisher bin ich darin wie auf Wolke 7 gelaufen. Kein Drücken und kein Zwicken, mal von zwei kleinen Blasen am ersten Tag abgesehen. An dieser Stelle sei vorab gesagt, es war dass letzte Mal, dass ich Schmerzen oder irgendwelche anderen Zipperlein auf dem Rest des Weges bekommen habe.
So unbeschadet komme ich in Erfurt an.
Mein Weg führt mich im Zentrum zu einem Café, wo ich in aller Ruhe einen Expresso genieße, und derweil mit dem Augustinerkloster telefoniere.
“Nein”, sagt die Dame am anderen Ende der Telefonleitung, “es ist zur Zeit alles belegt. ” Auf eine längere Diskussion und ein Betteln lässt sie sich nicht ein und legt auf. Ich kann es nicht fassen, wie kann das ganze Kloster besetzt sein, wo ich doch seit dem ich unterwegs bin, bis auf Renate und Monika ja keinen weiteren Pilger getroffen habe. Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten, entweder die Pilger sind nachts gelaufen oder ich bin blind.
Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr komme ich zu dem Entschluss, die Sache stinkt.
Schnell trinke ich meinen Expresso und zahle. Ich will es genau wissen und mache mir auf dem Weg zum Kloster. Ich spreche die Dame hinter der Theke an und frage nach einer Übernachtung für mich als Pilger. Mein Anliegen wird mir jedoch mit dem Hinweis das alle Betten belegt sind, abschlägig beantwortet. Erst als ich nicht locker lasse, lässt die Dame die Katze aus dem Sack und erklärt mir dass man eine Veranstaltung habe und aus diesem Grund alle Betten belegt sind. Auf meinen Einwand, warum denn die Betten für die Pilger belegt werden, denn die seien ja ausschließlich für Pilger da, beantwortet sie mit einem Achselzucken. Ich beließ es dabei.
Meinen Wunsch nach der Pilgersandale erfüllt sie aber, normalerweise bekommt man den nur, wenn hier übernachtet wird. Na ja, wenigstens ein Trost.

Frustriert verlasse ich Erfurt.
Außerhalb der Stadt schlage ich mich in die Büsche und suche für mein Zelt ein geeigneten Schlafplatz. Zelt und Schlafsack sind in wenigen Minuten hergerichtet. Ein wenig esse ich noch etwas und verziehe mich ins Zelt.
Als ich am Morgen aufwache und aus dem Zelt schaue, ist die Landschaft mit Tau überzogen. Während das Wasser auf dem Kocher für meinen Kaffee kocht, packe ich das Zelt und den Schlafsack ein. Es war eine sehr schöne Nacht und ich habe dank meines Schlafsacks nicht gefroren. Schade, ich möchte vom Schlafplatz ein paar Fotos machen, aber mein Akku vom Handy hat den Geist aufgegeben. Nach dem Essen geht es weiter nach Gotha.
Gotha
Nach gut 26 Kilometer komme ich in Gotha an, eine kleine überschaubare Stadt.
Ich gehe erst einmal wieder in eine Cafeteria, um meinen obligatorischen Kaffee zu trinken und um mein Handy aufzuladen. Nachdem mir der freundliche Kellner mein Handy so halbwegs aufgeladen hat, melde ich mich bei der Pastorin an. Sie erklärte mir noch den Weg zu ihr, denn ihre Kirche ist am Rande der Stadt in einer Einfamilienhaus- Siedlung. Der Weg ist nicht allzu lang und ich brauche nur ein paar Minuten bis dorthin.
Matratzenlager
Freundlich werde ich von Bernhard und der Pastorin Uta Liebe empfangen.
Nach kurzer Einweisung in ihr Haus laden sie mich zum Abendbrot ein. Bernhard hat Pilze gesammelt und diese zubereitet. Es ist ein schmackhaftes Abendessen, vorher wird jedoch das Gebet zum lieben Herrgott gesprochen. Also brav die Hände falten und beten.
Es ist schon recht spät, als ich ins Bett, sprich auf meiner Matratze liege und wohlgenährt einschlafe.
Nach dem Ausschlafen gehe ich in die Küche und bereite mir mein Frühstück zu, bevor ich Ute und Bernhard verlasse. Zum Abschied schenkt Uta mir eine kleine aus Ton hergestellte Jakobsmuschel.
Heute möchte ich unbedingt nach Neufrankenroda, es sind zwar nur knapp fünfzehn Kilometer bis dort, aber da gibt es den SILOHA Verein. Das ist ein christlicher Verein, der ein riesiges Gut landwirtschaftlich betreibt.
Das Wetter ist wiedermal bescheiden schön, -es regnet. Der Weg führt durch einen ehemaligen Truppenübungsplatz, der heute Naturschutzgebiet ist. “So ist das, alles steht hier unter Schutz, nur ich nicht.”
Das Gelände ist flach und nur vereinzelte Bäume stehen in weiter Ferne, so dass ich dem Regen und Wind völlig ungeschützt ausgesetzt bin. Unter diesen Umständen macht das Pilgern wahrhaftig keinen Spaß.
Noch ist das Wetter schön
Habe ich denn so viele Sünden?
Ich hab doch wirklich immer fein mein Gebet zum Himmel geschickt und all die Strapazen auf mich genommen.
Vielleicht soll ich dem lieben Gott noch ein Stoßgebet zum Himmel schicken, damit Er das Gießen einstellt.
Wenn nicht Er dann vielleicht Petrus, wäre mir im Moment auch recht. Keiner der beiden hat Erbarmen und so gehe ich in Gedanken versunken weiter.
Langsam nähere ich mich dem Ende des Übungsplatzes. Die Straße führt immer noch schnurstracks geradeaus. Der verdammte Regen lässt auch nicht nach. Wie ich so gehe, bemerke ich, wie sich langsam ein Kleintransporter von hinten nähert. Ich gehe zur Seite, um ihn Platz zu machen, da hält er. Der Fahrer kurbelt die Scheibe runter und deutet mir wortlos mit dem Kopf einzusteigen. Dankend nehme ich das Angebot an und triefend vor Nässe steige ich ein.
Der Fahrer lächelt, sagt aber kein Wort.
Noch bevor ich ihm meinen Weg erklären, kann biegt er auch schon in die richtige Richtung ab. Während ich versuche mit ihm ein Gespräch zu führen, lächelt er mich weiterhin nur an. “Ob er taub ist?” Langsam wird mir mulmig. Doch bevor ich nachdenken, kann hält er an und sagt mir dass wir da sind,- auf russisch! Ich musste lachen.
Mein Retter in der Not heißt Alexander und kommt aus Moldavien. Er und rund dreißig weitere Jugendliche aus den verschiedenen ehemaligen Sowjetrepubliken helfen hier bei der Ernte im Rahmen eines Jugendprojektes.
Alex zeigt mir wie ich zur Anmeldung komme.
In einen Nebengebäude finden ich den zuständigen Mitarbeiter und frage ihm nach einer Übernachtung.
“Oh, alles kein Problem”, man habe hier genügend Platz, sagt er und heißt mich auf SILOHA willkommen.
Er fragt mich, ob ich schon was gegessen habe, Man ist gerade dabei das Essen auszugeben und er lädt mich dazu ein. Ich habe dagegen nicht einzuwenden. Im Speisesaal herrscht Trubel und Heiterkeit. Wir gehen zusammen zu der zuständigen Schwester, wo er mich übergibt.
Von der Schwester bekomme ich einen Platz zugewiesen, und sie sagt mir, ich soll mich hier ganz ungezwungen benehmen. Was ich auch tue.
Nach dem Essen kommt die Schwester wieder und zeigt mir das gesamte Anwesen in Form einer privaten Führung. Eine gute Stunde später sind wir wieder zurück und sie zeigt mir mein Zimmer. Wenn ich jetzt denke “das wars”, so habe ich mich geirrt.
Es ist Kaffeezeit und dazu bin ich natürlich eingeladen. Ablehnen will ich nicht, denn dass wäre doch zu unhöflich. Der Kaffee und Kuchen haben wunderbar geschmeckt.
Ich bin gerade im Begriff in mein Zimmer zu gehen, da werde ich von der Schwester angesprochen: ” Ach Herr S., wir haben vor dem Abendbrot eine Andacht, Sie möchten sicherlich daran teilnehmen?”
“Oh ja,” sage ich, “vielen Dank.” Schon wieder beten, und was war mit all dem Regen?
In der kleinen Kapelle, einem ehemaligen Kartoffelkeller, drängen sich knapp vierzig Personen und lauschen andächtig die Predigt des Pfarrers. Nach Gesang und Predigt stellen sich alle in einer Reihe auf, um das Abendmahl zu empfangen. Da nicht alle Anwesenden getauft sind, sondern auch Moslems und Juden dabei sind, bekommen die Nichtchristen nur den Segen.

Endlich, es ist vorbei. Wir verlassen die Kapelle und gehen zum Abendessen.
Wenn ich jetzt denke, dass ich ins Bett verschwinden kann, so habe ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Es wird gegrillt und ich habe dabei zu sein. Wann bekommt man schon einen richtigen Pilger zu Gesicht? Die Jugendlichen sind neugierig, mich kennen zu lernen. “Wie war dass noch mit dem Russisch, ach ja.”
Alle ergrauten Gehirnzellen aktiviert, haben wir uns so halbwegs unterhalten. Wenn mein Wortschatz nicht ausreicht, müssen Hände und Füße herhalten. Wenn es auch für mich so langsam, aber sicher anstrengend wird, ist es doch ein sehr schöner Tag gewesen.
Todmüde falle ich ins Bett.
Aufgewacht und unter der Dusche frisch gemacht, gehe ich frühstücken und anschließend meine Rechnung bezahlen, acht Euro für Übernachtung und Frühstück.
Ich bedanke mich noch einmal für die herzliche Gastfreundschaft und verabschiede mich.
[Leserbericht von Atze 1407]
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